Frankreich
An Unis soll es auch Kurse auf Englisch geben – Lehrer streiken nun dagegen

Eine Gesetzesvorlage von Hochschulministerin Geneviève Fioraso provoziert einen Sturm der Entrüstung: An Unis soll es Kurse auf Englisch geben, um so etwa mehr Informatiker aus Indien rekrutieren zu können. Das gefällt den Dozenten allerdings nicht.

Stefan Brändle, Paris
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In Zukunft soll es an der altehrwürdigen Sorbonne auch Vorlesungen auf Englisch geben. J. BRINONkey

In Zukunft soll es an der altehrwürdigen Sorbonne auch Vorlesungen auf Englisch geben. J. BRINONkey

Kann man ein Seminar zum Thema Molière in einer anderen Sprache als auf Französisch abhalten? Und dies erst noch auf Englisch, der von zivilisierten Franzosen am meisten verabscheuten Sprache? Zu dieser Frage ist in Paris eine hitzige Debatte entbrannt. Die Nationalversammlung befasst sich am Mittwoch mit einer Gesetzesvorlage, die für französische Verhältnisse eine kleine Revolution darstellt: Die Universitäten sollen das Recht erhalten, ihre Kurse und Vorlesungen in Zukunft auch auf Englisch abzuhalten.

Hochschulministerin Geneviève Fioraso begründet ihren Antrag damit, dass einzelne Fächer zumindest teilweise auf die Sprache Shakespeares angewiesen seien, um international Schritt zu halten. Nur so könnten die französischen Hochschulen weiter Studenten aus dem Ausland anziehen. Indien zähle zum Beispiel 60 Millionen Informatiker, entsende aber jährlich nur 3000 IT-Studenten nach Frankreich – weil sie zuerst Französisch lernen müssten. «Wir müssen internationale Partnerschaften vervielfachen und dazu auch einzelne Kurse in Englisch anbieten», folgert die Ministerin.

Anglizismen sind strafbar

Das Problem dabei ist, dass immer noch einige Franzosen überzeugt sind, Englisch sei ein «Vehikel der amerikanischen Subkultur», wie sich Ex-Präsident Jacques Chirac vor weniger als zehn Jahren ausdrückte. Sein Kulturminister Jacques Toubon hatte ein Gesetz durchgebracht, das die Benützung von Anglizismen in der Werbung oder Bildung bei Strafe untersagt. Heute hält sich kaum jemand mehr daran.

Auch Fiorasos Gesetz steht dem von Toubon diametral entgegen. Allerdings haben mehrere Lehrergewerkschaften für heute Mittwoch zu einem Proteststreik gegen die Englisch-Zulassung aufgerufen. «Kämpfen wir für unsere Sprache», schrieb der Linguist Claude Hagège in einem flammenden Aufruf in der Zeitung «Le Monde». «Es geht um unsere Identität!» Der französische Literaturpapst Bernard Pivot erklärte: «Wenn wir die englische Sprache in unsere Universitäten hineinlassen, wenn wir ihr die Wissenschaft und die moderne Welt allein überlassen, wird das Französische verstümmelt und verarmt. Es würde eine banale oder – schlimmer noch – eine tote Sprache.»

Naturwissenschafter sehen es positiv

Viele Naturwissenschafter begrüssen jedoch den Gesetzesvorschlag. «Ausser in sehr speziellen Disziplinen kommunizieren die Forscher der ganzen Welt heute auf Englisch», meint die Nobelpreisträgerin für Medizin, Françoise Barré-Sinoussi. Fioraso doppelte nach und erklärte, es sei eine «gewaltige Heuchelei», den Universitäten die englische Sprache verbieten zu wollen. In den grossen Pariser Eliteschulen wie Sciences Po oder ENA habe das Englisch nämlich längst Einzug gehalten. Es gebe keinen Grund, den Massenuniversitäten dieses Recht vorzuenthalten.

Der Ausgang der Parlamentsdebatte ist noch offen. Auch innerhalb der regierenden Sozialistischen Partei sind zahlreiche Abgeordnete dagegen. Angesichts der Wirtschaftskrise und der zunehmenden Arbeitslosigkeit mehren sich allerdings die Stimmen, Frankreich könne sich der harten Realität der Globalisierung nicht länger verschliessen. Die Zeitung «Libération» meinte gestern, der eigentliche Skandal bestehe nicht in der vermeintlichen Englisch-Invasion, sondern in «den sehr mittelmässigen Englischkenntnissen der Franzosen». Noch müssten einzelne Pariser Minister bei internationalen Konferenzen ihre Stellvertreter schicken, da sie selbst kein Englisch beherrschten. «Hören wir auf, uns wie die letzten Vertreter des belagerten gallischen Dorfes zu benehmen!», fordert «Libération» in einem Leitartikel.