Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ANALYSE: Ein Einblick in Trumps Gedankenwelt

Korrespondent Renzo Ruf zum Gebaren des US-Präsidenten
Renzo Ruf

Renzo Ruf

Ein ganz normaler Morgen im Weissen Haus. Frühaufsteher Donald J. Trump, 45. Präsident der USA, greift bereits kurz nach 6 Uhr zum iPhone, um den 43,6 Millionen «Followern» auf dem Kurznachrichtendienst Twitter Einblick in seine Gedankenwelt zu geben. Ein Kommentar zur Schlagzeile, dass der bekannte Fernsehmoderator Matt Lauer von seinem Arbeitgeber NBC fristlos gefeuert wurde, weil er angeblich eine Untergebene sexuell belästigt haben soll. («Wow».) Ein Hinweis darauf, dass sich «Ermittlungen» gegen andere prominente Mitarbeiter des verhassten Fernsehsenders lohnen würden.

Dann ein Seitenhieb gegen den Nachrichtenkanal CNN, dessen Angestellte dieses Jahr der Weihnachtsparty des Weissen Hauses fernbleiben wollen. («Grossartig, und wir sollten Fake News CNN boykottieren.») Ein Hinweis darauf, dass die Stimmung an der Börse und unter den US-Konsumenten immer noch gut ist. («Sieht ganz danach aus, als ob jemand mich schätzt.») Und insgesamt drei Retweets von Videos, die aus der Küche der extremistischen britischen Politikerin Jayda Fransen stammen und die angeblich beweisen sollen, dass die christliche Wertekultur des Westens durch Muslime bedroht wird. Letzteres ging selbst Verbündeten des US-Präsidenten zu weit. Ein Mitarbeiter der kruden Internet-Plattform «Infowars» – von der sich Trump zumindest im Wahlkampf immer wieder inspirieren liess – schrieb, dass es keine allzu gute Falle mache, wenn der Präsident Propaganda britischer Rechts­extremisten weiterverbreite.

Aber alles in allem war es ein ganz normaler Morgen im Weissen Haus. Stellt sich die Frage: Warum? Warum bricht Trump mit Konventionen, warum fühlt er sich veranlasst, Nichtigkeiten weiterzuverbreiten – statt sich auf die Bedrohung zu konzentrieren, die von Nordkorea ausgeht, oder über die geplante Steuerreform der Republikaner und das anhaltende Wirtschaftswachstum zu sprechen? Beobachter sagen: Er kann nicht anders. Während seiner Karriere, zuerst als Baulöwe, dann als Selbstvermarkter, Fernsehstar und Politiker, habe Trump um Anerkennung kämpfen müssen. Irgendwann habe er sich ein Paralleluniversum geschaffen, in dem alles, was er anpackt, zu Gold wird, und seine Kritiker stets Unrecht haben. «Ich glaube, er erzählt sich selbst Fabeln über sich selbst», sagt Trump-Biograf Tim O’Brien.

Die Praxis sieht dann so aus: 2016 publizierte die «Washington Post» eine Aufnahme Trumps aus dem Jahr 2005, in der er prahlte, dass er Frauen sexuell belästigen könne, weil er ein Star sei. Unter massivem Druck, auch seiner Partei, entschuldigte er sich dafür. In Tat und Wahrheit aber ist Trump überzeugt, dass es sich bei der Aufnahme um eine Fälschung handelt. «Wir glauben nicht, dass das meine Stimme war», soll er zu einem Senator seiner Partei gesagt haben, berichtete am Dienstag die «New York Times». Und in der «Washington Post» wurde ein Berater zitiert, der sagte, Trump habe ihm versichert: «Das bin wirklich nicht ich. Ich spreche nicht so.»

Diese Unberechenbarkeit ist politisches Gift. Führende Demokraten stellen sich auf den Standpunkt, direkte Verhandlungen mit dem Präsidenten seien Zeitverschwendung, halte sich dieser doch nicht an Abmachungen. Ausserdem, sagte gestern Senator Tim Kaine, habe Trump von der Materie jeweils keine Ahnung. Auch deshalb blieben zwei führende Demokraten am Dienstag einem Spitzentreffen im Weissen Haus fern. Zuvor hatte Trump den Senator Chuck Schumer und die Abgeordnete Nancy Pelosi beleidigt.

Aber so ist er halt, der ­45. Präsident der USA. Er kann nicht anders. Am Montag ehrte Trump fünf Weltkriegs-Veteranen des Navajo-Stammes im Weissen Haus. Aber der Präsident liess es nicht mit einer simplen Zeremonie für die Ureinwohner bewenden. Stattdessen riss er eine Zote über die demokratische Senatorin Elizabeth Warren, eine scharfe Kritikerin, die von sich sagt, sie habe indianische Vorfahren. «Pocahontas» nennt Trump sie deshalb, als sei der Name der legendären Tochter eines Pamunkey-Häuptlings in Virginia im 16. Jahrhundert ein Schimpfwort. Die Navajo-­Veteranen blickten bloss ­betreten drein.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.