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ANALYSE: James Bond gegen England

Stefan Scholl über Giftanschlag von Salisbury.
Stefan Scholl
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Die Russen glauben dem Westen nicht. Vor allem wenn es um Politik geht. Und die meisten Russen sind fest überzeugt, britische oder amerikanische Geheimdienste steckten hinter dem Giftgasanschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter. Auch halbwegs liberale Politologen in Moskau vermuten, der Westen habe die grau­same Attacke angezettelt, um Wladimir Putin am Vorabend der russischen Präsidentschaftswahlen in Schwierigkeiten zu bringen. Wobei die meisten von ihnen dabei auf Nummer sicher gehen: besser den Westen trollen als die eigene, bisweilen heftig zubeissende Obrigkeit.

Nur mutige Kommentatoren denken laut darüber nach, dass dem Kreml gerade angesichts der Wahl eine neue Eskalation mit England und Konsorten ganz zupasskäme. Und dass die Nervengiftvorwürfe aus dem Westen noch ein oder zwei Prozent vaterländischer Wähler mobilisieren könnte. Oder dass in Salisbury vielleicht doch russische Machtgruppen mitgemischt haben, die bereits ein grosses Spiel um die Nachfolge Wladimir Putins angefangen haben. Obwohl diese Nachfolge frühestens in sechs Jahren aktuell wird, sobald die nächste Amtszeit des wiedergewählten Staatschefs zu Ende gegangen ist.

Tatsächlich wirkt sich die grausame Attacke von Salisbury nicht auf die russische Innenpolitik im Allgemeinen und auf die heutigen Wahlen im Besonderen aus. Niemand zweifelt daran, dass Wladimir Putin glatt gewinnen wird. Was keinen in Russland, inklusive Putin selbst, besonders interessiert.

Zum einen hat die TV-Propaganda ein verzerrendes Interface zwischen der Masse der Durchschnittsrussen und den Geschehnissen in der Welt hochgezogen, hinter der all jene Einzelheiten verschwinden, die der Staatsmacht störend vorkommen könnten. Keine russische Talkrunde diskutiert, dass an dem Nervenkampfstoff in Salisbury auch völlig unschuldige Kinder qualvoll hätten sterben können. Zum anderen haben sich die Russen längst daran gewöhnt, dass sie so gut wie null Einfluss auf aussenpolitische Entscheidungen ihrer Führung haben. Und dass deren Folgen ihren eigenen, ziemlich sorgenvollen Alltag kaum beeinflussen. Verschärfte britische Zollkontrollen für die elitären Passagiere vaterländischer Privatflugzeuge verschlagen Russen mit einem mittleren Monatsgehalt von umgerechnet 570 Euro nicht den Atem.

Auch jetzt versichern kleine Leute, die nie in England gewesen sind, die kleinen Leute in England seien doch eigentlich ganz vernünftig, nur die May und dieser Boris Johnson hätten einen Knall. Eigentlich finden die Russen England ausgesprochen cool, Wladimir Putin selbst kopiert seit Jahren mit grosser Sorgfalt das Outfit Daniel Craigs in der Rolle James Bonds. Während das russische Aussenministerium als Antwort auf die Ausweisung 23 russischer Diplomaten aus London auch 23 Briten ausweist, ausserdem aber noch das britische Konsulat in Sankt Petersburg dichtmacht, kommentieren die Reporter des staatlichen Sportfernsehens Match ein Spiel der englischen Premier League nach dem anderen, und in ihren Kommentaren schimmert stets auch Bewunderung durch.

Die Russen sind sich aussenpolitische Skandale genauso gewöhnt wie westliche Anschuldigungen. Um dieses Russland wirklich aufzuregen, müsste wohl im Londoner Stadtzentrum eine Salve Grad-Raketen sowjetischer Bauweise einschlagen.

Stefan Scholl

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