Reportage

Corona-Virus: In China geht die Angst vor der zweiten Ansteckungswelle um

In Peking stampfen Hunderte Arbeiter ein Quarantäne-Krankenhaus in Windeseile aus dem Boden. In den nächsten Tagen werden acht Millionen Arbeitsmigranten erwartet - jeder von ihnen könnte das Virus einschleppen. Derweil trauert China um den Corona-Entdecker.

Fabian Kretschmer aus Peking
Drucken
Teilen
Arbeiter bauen am Stadtrand von Peking das Quarantänespital Xiaotangshan auf.

Arbeiter bauen am Stadtrand von Peking das Quarantänespital Xiaotangshan auf. 

Bild: Keystone

Selbst geschäftige Verkehrskreuzungen in Pekings Innenstadt muten dieser Tage wie verkehrsberuhigte Fußgängerzonen an. Vor dem Gelände des Xiaotangshan-Krankenhauses, weit ausserhalb des sechsten Stadtrings, staut sich jedoch bereits eine riesige Lastwagen-Karawane. Auf den Ladenflächen lagern Gerüstrahmen und Fertigbauteile, die von den Arbeitern in wenigen Tagen zu einem grossen Ganzen zusammengesetzt werden sollen.

Zu Hunderten stehen sie am Eingang der Baustelle zum Schichtwechsel bereit, durch ein Eingangstor lassen sich etliche Kräne auf einer riesigen Brachfläche ausmachen. Eilig essen einige Bauarbeiter ihr ausgehändigtes Mittagessen – eine Lunchbox mit Reis, Gemüse und Fleisch – auf der Motorhaube eines geparkten Autos. Selbst die Sicherheitswächter an den Toren sind so beschäftigt, dass sie dem ausländischen Reporter kaum Beachtung schenken.

Ihre Mission lautet, Peking in Windeseile vor einer befürchteten Ansteckungswelle an Coronavirus-Patienten zu wappnen. Seit Wochen bereits wütet der neuartige Lungenerreger im Land, insgesamt sind in der Volksrepublik 636 Menschen dem Virus erlegen, über 31000 haben sich infiziert.

«Wir werden den Kampf gegen das Virus gewinnen»

Peking selbst ist mit rund 300 Ansteckungsfällen und einem Toten vergleichsweise wenig betroffen. Die grösste Herausforderung steht der Stadt jedoch noch bevor: Die Behörden rechnen in den nächsten Tagen mit der Rückkehr von rund acht Millionen Arbeitsmigranten aus den Neujahrsferien – ein epidemiologischer Alptraum. Bereits jetzt kursiert die Angst, dass die Neuankömmlinge auch den Virus mit sich bringen könnten.

Dabei sind es eben jene Landarbeiter, die am Xiaotangshan-Krankenhaus die Hauptstadt der Volksrepublik nun vor der Virus-Epidemie schützen sollen. Rote Banner sind an den Aussenfassaden ihres Wohnheims angebracht, auf denen propagandistische Durchhalteparolen prangen: «Gegen das Virus zu kämpfen ist unsere Verantwortung, den Kampf werden wir gewinnen!“

Vor 17 Jahren wurde auf demselben Gelände bereits vollbracht, was die Staatsmedien damals als «Arche Noah gegen den Sturm der SARS-Epidemie» gepriesen haben. In sechs Tagen und sieben Nächten zogen bis zu 7000 Bauarbeiter ein riesiges Quarantäne-Krankenhaus hoch, welches über eine Zeitspanne von zwei Monaten bis zu einem Siebtel aller SARS-Patienten behandelt hat.

Chinas Hauptstadt ist lahmgelegt

Noch im Juni 2003 wurde das Gelände jedoch vollständig sterilisiert und stillgelegt. Bis vor einer Woche die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua erstmals von erneuten Bauarbeiten berichtet hat. «Ob das Krankenhaus tatsächlich in Betrieb genommen wird, hängt von der künftigen Entwicklung des Virusausbruchs ab», hiess es damals in der Aussendung.

Kahle Wände und Feldbetten: Auf Luxus müssen die Patienten verzichten.

Kahle Wände und Feldbetten: Auf Luxus müssen die Patienten verzichten. 

Bild: Keystone

Seither jedoch hat der Kampf gegen die Ausbreitung des Virus die Hauptstadt weitgehend stillgelegt: Geschlossen sind die Büros, Universitäten, Kinos und Tempel. Die wenigen Restaurants, die noch geöffnet sind, haben vor ihren Türen provisorische Marktstände aufgebaut: Wegen der ausbleibenden Kundschaft verscherbeln sie ihre ablaufenden Vorräte aus der Gemüsekammer.

Vor den Wohnanlagen harren trotz Minusgraden bis in die tiefe Nacht Pförtner auf Holzbänken aus, um sicherzugehen, dass keine Fremden das Gelände betreten. Gleichzeitig vermittelt sich die Virusbedrohung über kleine Details: Das Piepen der Körpertemperatur-Scanner, ohne dessen Messung die meisten Pekinger nicht mehr in ihre Wohnsiedlung gehen können.

Der Geruch nach Desinfektionsmitteln in den leeren U-Bahnzügen. Oder die Passagierin, die über ihre Stoffhandschuhe noch ein Einwegpaar aus Plastik zieht.

Erreger hätte eingedämmt werden können

«Meine Eltern gehen alle paar Tage in den Supermarkt Gemüse einkaufen, ansonsten bleiben wir Zuhause», sagt eine Endzwanzigerin am Telefon, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Derzeit verbringt sie die Feiertage zum Neujahrsfest im südchinesischen Guangxi. Für Sonntag hat die Büroangestellte ein Flugticket in die chinesische Hauptstadt gebucht: «Ich habe ehrlich gesagt Angst davor. Bei all den Leuten, die jetzt zurückkommen, wird die Ansteckungsgefahr gross sein».

Gedenken an den verstorbenen Arzt Li Wenliang aus Wuhan.

Gedenken an den verstorbenen Arzt Li Wenliang aus Wuhan.  

Bild: epa

Am Freitag schliesslich hat der Tod eines Augenarztes in Wuhan für massive Entrüstung unter vielen Chinesen gesorgt: Li Wenliang galt als Whistleblower des Coronavirus, da er erstmals in einer Chatgruppe vor einem SARS-ähnlichen Erreger warnte. Die Behörden beriefen den 33-Jährigen damals ein und drangen ihn zum Schweigegelübde. Mehr noch: Er musste ein Schuldeingeständnis unterschreiben, «die öffentliche Ordnung in ernster Weise bedroht» zu haben.

Mittlerweile gilt als gesichert: Hätten die Behörden Li Wenliangs alarmierende Botschaft ernst genommen, hätte der Virus womöglich in seinem Frühstadium eingedämmt werden können. Stattdessen wurde geschwiegen und verharmlost.

Ende Januar wurde der Augenarzt zur tragischen Heldenfigur. Er habe sich bei Behandlung einer Patientin mit dem Coronavirus infiziert, schreibt Li auf seinem Wechat-Account. Das dazugehörige Selfie zeigt ihn in Quarantäne auf einer Intensivstation. Der Mediziner hat auch seine eigenen Eltern angesteckt.