Frankreich
Anschlag auf Pariser Flughafen: Präsidentschaftskandidaten werfen Regierung Versagen vor

Nach der Attacke im Pariser Flughafen Orly versuchen diverse Anwärter auf das Amt des Präsidenten, daraus Kapital zu schlagen. Nicht nur Marine Le Pen findet deutliche Worte.

Stefan Brändle, Paris
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Polizeikräfte haben den Zugang zum Pariser Flughafen Orly abgesperrt. Nach dem tödlichen Zwischenfall hat die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft die Ermittlungen an sich gezogen.

Polizeikräfte haben den Zugang zum Pariser Flughafen Orly abgesperrt. Nach dem tödlichen Zwischenfall hat die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft die Ermittlungen an sich gezogen.

Keystone/AP/THIBAULT CAMUS

Der Flugverkehr in Paris normalisierte sich gestern Sonntag wieder halbwegs, nachdem er tags zuvor im zweitgrössten Flughafen Orly gänzlich eingestellt worden war. Ein 39-jähriger Franzose tunesischer Herkunft namens Ziyed Ben Belgacem griff dort eine Militärpatrouille an und wurde erschossen.

Zuvor hatte er im Pariser Vorort Garges-lès-Gonesse in einer Strassenkontrolle einen Polizisten mit einem Pistolenschuss verletzt. Dann bedrohte er Klienten seines Stammlokals mit seiner Waffe und flüchtete in den Vorort Vitry-sur-Seine, wo er sich mit Gewalt eines Autos bemächtigte und damit nach Orly fuhr.

In der Abflughalle griff er eine Soldatin von hinten an und hielt ihr eine Pistole an die Schläfe, wobei er rief, er sei «da, um für Allah zu sterben». Zwar gelang es ihm, der Soldatin das Sturmgewehr zu entreissen; bei dem Zweikampf wurde er aber von den beiden anderen Soldaten niedergeschossen.

Zeichen einer Radikalisierung

Staatsanwalt François Molins erklärte bei einer Pressekonferenz, der Täter sei der Polizei als «äusserst gewalttätiger» Verbrecher bekannt gewesen und habe mehrere Jahre wegen Diebstahls und Drogenhandels im Gefängnis gesessen. Danach habe er «Zeichen einer Radikalisierung» an den Tag gelegt. Obwohl er in der so genannten S-Kartei nicht als Dschihadist figurierte, vermuten die Ermittler ein islamistisches Motiv.

Molins wollte sich nicht festlegen, ob Belgacem den Anschlag geplant hatte oder nach der Polizeikontrolle eine impulsive «Flucht nach vorn» angetreten habe. Er meinte nur allgemein, IS-Terrordrahtzieher in Syrien riefen immer wieder zum Angriff auf französische Militärpatrouillen auf. Bei Belgacem fanden die Ermittler einen Koran, aber keine Terrorwaffen oder Sprengstoff.

Le Pens Angriff auf die Regierung

Belgacems Vater erklärte nach kurzer Untersuchungshaft, sein Sohn habe ihn am Morgen nach der Polizeikontrolle angerufen und erklärt, er habe «eine Dummheit begangen und auf die Polizei geschossen». Um anzufügen: «Mein Sohn war nie ein Terrorist. Er betete nicht und trank. Da sieht man, wozu Alkohol und Cannabis führen.»

Präsident François Hollande lobte den Mut und die professionelle Reaktion der drei involvierten Soldaten. Im Februar hatte eine Patrouille bereits einen mit einer Machete bewaffneten Ägypter im Louvre-Museum in der Pariser Innenstadt neutralisiert. Seit den schweren Terroranschlägen von 2015 in Paris und 2016 in Nizza mit über 1000 Toten und Verletzten patrouillieren in ganz Frankreich 7000 Soldaten. Die Regierung hat den Ausnahmezustand bis nach den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von Ende April und Anfang Mai verlängert.

Ausgehend von der Feststellung, dass neue Anschläge meist nicht losgelöst von geo- oder innenpolitischen Spannungsmomenten stattfinden, sind die Geheimdienste in Paris derzeit besonders wachsam. Auch die Regierung weiss, dass Terroranschläge jeweils den extremistischsten Kandidaten Auftrieb verleihen.

Der neuste Angriff in Orly führte denn auch sofort zu einem Schlagabtausch mit der Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen, die alle Salafisten des Landes verweisen will.

Marine Le Pen an einer Wahlkampfveranstaltung. (Archiv)

Marine Le Pen an einer Wahlkampfveranstaltung. (Archiv)

KEYSTONE/EPA/GUILLAUME HORCAJUELO

An einem Wahlkampfauftritt in Metz erklärte die Chefin des rechtsextremen Front National: «Unsere Regierung ist überfordert, verdattert und gelähmt wie der Hase vor den Autoscheinwerfern.» Der sozialistische Premierminister Bernard Cazeneuve kritisierte den «verbalen Exzess» Le Pens und rief alle Kandidaten auf, «in dieser extrem hohen Bedrohung mehr Würde an den Tag zu legen». Dessen ungeachtet erklärte der konservative Kandidat François Fillon, Frankreich befinde sich «in einer Situation des Quasi-Bürgerkrieges».