Anschlag von Halle
Antisemitismus-Experte: «In Deutschland wächst etwas heran, was das Leben für Juden gefährlicher macht»

Ein 28-jähriger Deutscher wollte im Oktober 2019 möglichst viele Juden töten. Heute Montag fällt das Urteil gegen den Attentäter von Halle. Der Antisemitismus in Deutschland nimmt seit Jahren zu.

Christoph Reichmuth
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Der Halle-Attentäter Stephan B. wird zum Auftakt des 24. Prozesstages am 8. Dezember in das Landgericht Magdeburg geführt.

Der Halle-Attentäter Stephan B. wird zum Auftakt des 24. Prozesstages am 8. Dezember in das Landgericht Magdeburg geführt.

dpa/Bearbeitung: CH Media

Das letzte Wort in diesem Prozess gehört am 9. Dezember dem Attentäter Stephan B. Die Richterin muss ihn zurechtweisen, im Gerichtssaal kommt Empörung auf. «Die einzige gute Sache, die Juden je erfunden haben», sagt der 28-Jährige theatralisch, «war der Holocaust.»

Heute Montag wird das Urteil gegen den Attentäter von Halle gesprochen. Der Einzelgänger und radikale Antisemit wollte am 9. Oktober 2019 in der Synagoge der 230'000 Einwohner zählenden Stadt im Süden von Sachsen-Anhalt ein Blutbad anrichten. 52 Menschen haben sich an jenem Tag in der Synagoge versammelt, um den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur zu feiern. Es war der Widerstandsfähigkeit der massiven Türe zur Synagoge zu verdanken, dass es dem Rechtsextremisten - ausgerüstet mit selbst gebauten Waffen - nicht gelungen war, in das Innere des Gebäudes einzudringen.

Frustriert wandte sich Stephan B. von der Synagoge ab und erschoss wahllos eine Passantin und kurz darauf in einem Döner-Imbiss einen dort anwesenden Gast. Auf seiner Flucht verletzte er zwei weitere Personen. Sein Motiv: Ausländerhass, Hass auf Frauen, vor allem ein abgrundtiefer Hass gegen Juden. Seine Tat übertrug der ehemalige Chemie-Student, der in der Nähe von Halle bei seiner Mutter lebte, per Helm-Kamera ins Internet.

Antisemitische Anschläge in Deutschland nehmen zu

Der Anschlag von Halle gilt als einer der gravierendste Angriffe auf jüdisches Leben in Deutschland seit 1945 und ist für das Land eine Zäsur. Das Attentat entfachte eine Debatte über Antisemitismus in jenem Land, von dem der Holocaust ausgegangen war. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet ein seit Jahren anhaltender Trend steigender antisemitischer Straftaten. Von 2017 bis 2019 registrierten die Behörden einen Anstieg um mehr als 30 Prozent antisemitischer Vorfälle, darunter Hakenkreuz-Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen, Angriffe gegen Rabbiner, Attacken gegen Menschen, die in Berlin und anderswo eine Kippa tragen.

Die stetige Zunahme antisemitischer Straftaten und die wachsende Verunsicherung unserer jüdischen Mitbürger betrachte ich mit grösster Sorge.

Auf der politischen Rechten wird der Anstieg der Judenfeindlichkeit oft damit begründet, dass der Antisemitismus durch Flüchtlinge quasi «importiert» worden sei - weil in arabischen Ländern eine politische Form der Judenfeindlichkeit, bedingt durch den Nahostkonflikt, dominiert. Für die Behörden gibt es dafür allerdings keinen Beleg. 90 Prozent der antisemitischen Straftaten haben laut dem Verfassungsschutz einen rechtsextremen Hintergrund. «Die stetige Zunahme antisemitischer Straftaten und die wachsende Verunsicherung unserer jüdischen Mitbürger betrachte ich mit grösster Sorge», sagte Innenminister Horst Seehofer.

Ist der Judenhass importiert?

Der Journalist und Autor Ronen Steinke, der in seinem jüngsten Buch «Terror gegen Juden: Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt» über 1000 antisemitische Gewalttaten in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg aufzählt und sichtbar macht, wie Juden in Deutschland angegriffen und verfolgt werden, sieht den Antisemitismus bis weit in die Mitte der Gesellschaft verankert. «Der Antisemitismus ist hier stark verwurzelt und sehr alt», sagt Steinke. Eine Studie der Universität Leipzig unterstreicht Steinkes Beobachtung. Die Leipziger Forscher legten den Menschen verschiedene Fragen vor. Der Satz «Juden haben zu viel Einfluss» wird von 11 Prozent bejaht, wird die Frage indirekt formuliert wie «Ich verstehe, dass manchen Menschen Juden unangenehm sind», schiessen die Zustimmungswerte auf 40 Prozent nach oben.

Ronen Steinke.

Ronen Steinke.

Bild Regina Schmeken

Steinke glaubt, dass die antisemitischen Stereotype auch deshalb tief verwurzelt sind, weil der Gesellschaft ein einseitiges Bild über Juden vermittelt werde. In Deutschland leben heute - je nach Zählweise - zwischen 100'000 und 200'000 Menschen jüdischen Glaubens. «Die meisten kennen Juden nicht aus dem realen Leben. Die Wahrnehmung der Juden wird verengt auf die Opfer-Rolle und den Holocaust, über Juden in der Literatur oder der Philosophie spricht man hingegen kaum. Ich wünsche mir, dass man jüdisches Leben, nicht nur jüdisches Leiden sichtbar macht», sagt der 37-Jährige, selbst jüdischen Glaubens.

Deutscher Reflex der Schuldabwehr

Nicht zuletzt existiere in Deutschland ein Antisemitismus, der sich durch einen Schuldabwehr-Reflex begründen lasse. «Viele wollen sich ihren Nationalstolz nicht durch die Juden kaputt machen lassen», sagt Steinke. Der Holocaust verunmögliche es den Deutschen, sich ungebrochen mit ihrer Nation zu identifizieren. Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex verpackte dieses Phänomen in den Satz: «Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen. »

Steinke befürchtet, dass der Antisemitismus durch die Coronapandemie weiteren Auftrieb erleben wird. «In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheiten suchen mehr Menschen nach einfachen Erklärungen, die Querdenker bemühen das Narrativ einer Weltverschwörung der Eliten.» Am Ende laufe es auf die Erzählung der jüdischen Weltverschwörung hinaus. «Da wächst etwas heran, was das Leben für Juden gefährlicher macht. »Der Autor fordert, dass der Staat jüdische Einrichtungen umfassend und besser schützen soll.

Nicht geschützt vom Staat war die Synagoge in Halle. Der Robustheit der Türe ist zu verdanken, dass der Attentäter im Oktober 2019 seine hasserfüllte Fantasie nicht in die Realität umsetzen konnte. Die Anklage gegen Stephan B. lautet auf zweifachen Mord, 68-fachen Mordversuch, Holocaustleugnung, Volksverhetzung und räuberische Erpressung.