Italien
Anwohner gehen auf die Barrikaden gegen Flüchtlinge

Im Po-Delta verhindern Anwohner die Unterbringung von 12 Frauen mit Kindern. Was jetzt passiert.

Dominik Straub, Rom
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Einwohner des 600-Seelen-Dorfes Gorino blockieren die Strasse, um die Unterbringung von Flüchtlingen zu verhindern.

Einwohner des 600-Seelen-Dorfes Gorino blockieren die Strasse, um die Unterbringung von Flüchtlingen zu verhindern.

KEYSTONE

«Ich schäme mich zutiefst für das, was dort passiert ist, und ich glaube, dass sich auch die Personen schämen sollten, welche die Unterbringung hilfsbedürftiger Frauen und Kinder verhindert haben», erklärte gestern Dienstag Mario Morcone, Chef der Abteilung Immigration im italienischen Innenministerium. Am Abend zuvor hatten protestierende Anwohner im Fischerdorf Gorino im Po-Delta die Zufahrt zu einer Herberge verbarrikadiert, um die dort geplante Unterbringung von zwölf Frauen und Kindern aus Afrika zu vereiteln.

Die Demonstranten skandierten nicht nur Parolen gegen die unerwünschten Fremden, sondern auch gegen Premier Matteo Renzi. Dass der Protest nicht in Handgreiflichkeiten ausartete, war einzig dem besonnenen Auftreten der Bereitschaftspolizisten zu verdanken. Der Bus mit den Flüchtlingen, unter denen sich auch eine Schwangere befand, blieb in Ferrara blockiert. Schliesslich wurden die Frauen und Kinder anderswo in improvisierten Unterkünften untergebracht, wie der Präfekt der Provinz Ferrara, Michele Tortora, erklärte.

Die Protestaktion war also von Erfolg gekrönt. Dies könnte in Zukunft zu einem unguten Präzedenzfall werden, zumal es sich bei der Blockade in Gorino um eine Premiere für Italien handelt: Zwar stösst auch die Aufnahmebereitschaft der Italiener zunehmend an Grenzen. Aber bisher kam es in Italien kaum zu derart militanten Bürgerprotesten oder gar zu kollektiven Gewalttaten gegen Migranten.

Die Stimmung droht zu kippen

Innenminister Angelino Alfano betonte gestern, dass die Vorgänge in Gorino «kein Spiegel Italiens» seien. Die Stimmung droht indessen auch hier zu kippen; der Ton in der politischen Debatte ist schärfer geworden. «Die Bürger von Gorino sind für uns die neuen Helden des Widerstands», erklärte die Lega Nord.

Die fremdenfeindliche Partei habe die Blockade unterstützt, und werde in Zukunft auch jede andere Aktion unterstützen, die sich gegen die «Diktatur der Flüchtlingsaufnahme» wende, hiess es in einem Communiqué. Auch die Forza Italia des früheren Premiers Silvio Berlusconi solidarisierte sich mit dem Bürgerprotest und bezeichnete die Strassenblockade gegen Frauen und Kinder als «Initiative des gesunden Menschenverstands».

Die wachsende Ablehnung gegen Migranten steht in engem Zusammenhang mit den anhaltend hohen Flüchtlingszahlen. Seit Monaten kommen täglich mehrere hundert bis mehrere tausend Migranten und Bootsflüchtlinge in Italien an – meist an Bord von Schiffen der Küstenwache oder der EU-Grenzschutzagentur Frontex.

Bis zum vergangenen Wochenende sind in diesem Jahr laut dem Innenministerium 153 450 Migranten an Land gegangen, darunter 20 000 unbegleitete Minderjährige, für welche die Regierung Renzi nun einen separaten «Hotspot» zur Registrierung und anschliessenden Unterbringung und Betreuung einrichten will. Die Flüchtlingszahlen liegen inzwischen über jenen des Rekordjahres 2014, wenn auch nur geringfügig.

«Wir sind nahe am Kollaps»

Für die Behörden wird es immer schwieriger, die neu ankommenden Migranten unterzubringen, obwohl die Aufnahmekapazitäten allein in diesem Jahr um 60 000 Plätze erweitert worden sind. Waren im Rekordjahr noch 66 000 Menschen in nationalen Aufnahmestrukturen untergebracht, so sind es heute 167 000. «Wir sind nahe am Kollaps, inzwischen reichen auch die leerstehenden Kasernen nicht mehr aus», zitierte gestern die Zeitung «Repubblica» eine Quelle im Innenministerium.

Auch die Weitergabe an die Gemeinden, wo die Flüchtlinge in kleineren Wohneinheiten leben können als in den grossen nationalen Zentren, ist komplizierter geworden: Immer mehr Kommunen und Private erklären sich nicht imstande, weitere Plätze zur Verfügung zu stellen.

Genau so war es auch in dem 700-Einwohner-Dorf Gorino, das noch keinen einzigen Migranten bei sich aufgenommen hat. Zweieinhalb Jahre lang habe er die Gemeinde immer wieder aufgefordert, einige Plätze zur Verfügung zu stellen – ohne jeden Erfolg, betonte Präfekt Tortora. Angesichts der kompletten Auslastung aller übrigen Strukturen in der Provinz Ferrara habe er schliesslich die Unterbringung der Gruppe von Müttern als «ausserordentliche Notmassnahme» verfügt. Angesichts des Widerstands hat Tortora seine Anordnung gestern zurückgenommen.