USA
Applaus für den afghanischen Präsidenten Ghani in den USA

Bei seinem Antrittsbesuch in Washington hat der afghanische Präsident Ashraf Ghani 60 Minuten vor den beiden Kammern des US-Parlaments gesprochen. Dabei hat er sämtliche Register gezogen. Und wichtige politische Erfolge erzielt.

Renzo Ruf, Washington
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Die Rede setzte einen Schlusspunkt unter einen mehrtägigen Aufenthalt des afghanischen Präsidenten Ashraf Ghaniin Washington.

Die Rede setzte einen Schlusspunkt unter einen mehrtägigen Aufenthalt des afghanischen Präsidenten Ashraf Ghaniin Washington.

KEYSTONE

Ashraf Ghani hat gestern alles richtig gemacht. In seiner 60 Minuten dauernden Rede vor den beiden Kammern des US-Parlaments war er wechselweise demütig, aufgeschlossen, visionär – und vor allem berechenbar. Seine Zuhörer waren ihm dafür dankbar, nachdem sein Vorgänger Hamid Karsai die politische Elite in Washington jahrelang in Atem gehalten hatte.

Die Volksvertreter im grossen Versammlungssaal des Repräsentantenhauses unterbrachen die Ausführungen Ghanis wiederholte Male mit warmem Applaus. Selbst sein Humor stiess auf Zustimmung. «Im Gegensatz zu einigen Nachbarn hat Afghanistan keinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Westen», erklärte der fliessend Englisch sprechende Präsident. Denn schliesslich sei es dem afghanischen Volk über die Jahre hinweg immer wieder gelungen, «die meisten Imperien» zurückzuschlagen, die versucht hatten, das Land am Hindukusch zu besetzen.

Die Rede setzte einen Schlusspunkt unter einen mehrtägigen Aufenthalt des Präsidenten in Washington. Dabei gelang es Ghani nicht nur, die Erinnerungen an seinen Vorgänger auszulöschen. Er rang seinem amerikanischen Amtskollegen auch ein wichtiges Zugeständnis ab: Präsident Barack Obama erklärte sich am Dienstag dazu bereit, den Abzug der noch in Afghanistan stationierten Soldaten bis Ende 2015 auszusetzen (vgl. Ausgabe vom Mittwoch).

Ghani machte gestern im US-Parlament klar, sein Land müsse nun, 14 Jahre nach dem Sturz der Taliban, endlich auf den eigenen Beinen stehen. Afghanistan wolle Amerika nicht auf der Tasche liegen. Zu diesem Prozess gehöre auch die Aussöhnung zwischen den verfeindeten Lagern und Stämmen, sagte Ghani. Verhandlungen mit den Taliban müssten aber aus einer «Position der Stärke» geführt werden, damit erreichte Fortschritte nicht gefährdet würden. Explizit erwähnte der langjährige Angestellte der Weltbank, der in New York an der Columbia University studiert hatte, dabei auch die Gleichstellungsfrage. Die Bewohner Afghanistans, sagte der Präsident an die Adresse der amerikanischen Volksvertreter, «sehnen sich nach einem gewöhnlichen Leben».