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Arbeitskampf mit politischen Untertönen bei General Motors

Zehntausende General-Motors-Arbeiter streiken. Das bedeutet auch eine Chance für demokratische Präsidentschaftskandidaten.
Renzo Ruf aus Detroit
Ruf nach höheren Löhnen: GM-Angestellte sind unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen. (Bild: Kathleen Galligan/AP) (Bild: keystone-sda.ch)

Ruf nach höheren Löhnen: GM-Angestellte sind unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen. (Bild: Kathleen Galligan/AP) (Bild: keystone-sda.ch)

Nach 20 Minuten muss Bernie Sanders weiter. Der demokratische Präsidentschaftskandidat drängt sich an den streikenden Arbeitern vorbei, klettert in einen massigen Geländewagen und fährt davon. Joe Ryan, seit 40 Jahren beim Autobauer General Motors (GM), hätte sich gewünscht, dass Sanders länger geblieben wäre – auch weil er im Gespräch gerne mehr über das Programm des Senators aus Vermont erfahren hätte. Sanders aber zog es vor, während seines Auftrittes am Haupttor der GM-Fabrik in Detroit-Hamtramck (Michigan), in der normalerweise 800 Angestellte Modelle der Marken Chevrolet und Cadillac herstellen, eine Brandrede zu halten.

«In unserem Kampf sind wir auf Unterstützung angewiesen.»

Darin zog er über gierige Manager vom Leder und kritisierte die 22 Millionen Dollar, mit denen die GM-Konzernchefin Mary Barra im vorigen Jahr entschädigt wurde. Dafür erntet er zwar Jubel im Publikum, das sich vornehmlich aus Mitgliedern der Gewerkschaft UAW (United Auto Workers) zusammensetzt. Joe Ryan bezeichnet den Auftritt aber als «einen Fototermin» eines gehetzten Politikers. Er sei dem linken Präsidentschaftskandidaten dennoch dankbar, dass er die Reise in die «Motor City» auf sich genommen und sich mit der streikenden GM-Belegschaft solidarisiert habe, fügt der UAW-Funktionär an.

«In unserem Kampf sind wir auf Unterstützung angewiesen.» Denn letztlich stehe die Zukunft des Mittelstands auf dem Spiel. Und ein Gründungsmythos der amerikanischen Wirtschaft: Wer hart arbeitet und sich an die Regeln hält, der wird belohnt. Die Streikenden kämpfen unter anderem für mehr Lohn, bezahlbare Krankenkassen und Teilhabe an Profiten.

Gespräche mit streikenden GM-Arbeitern in Michigan und Ohio zeigen, dass Ryans Meinung weit verbreitet ist: Der Arbeitskampf, der heute Montag in die dritte Woche geht, dreht sich in ihren Augen um weit mehr als die Gleichbehandlung sämtlicher GM-Angestellten, oder die radikale Neupositionierung des Autobauers unter der Regie von Mary Barra. So bezeichnet der langjährige GM-Angestellte Celso Duque die Streikenden als die «letzte Abwehrkette» der amerikanischen Industriearbeiter.

Entschädigung aus der Streikkasse

Steven Banach, der seit neun Jahren im GM Tech Center in Warren (Michigan) arbeitet, hat sich deshalb auf einen langen Kampf eingestellt. Er werde «so lange wie möglich» streiken, sagt Banach, auch wenn er und seine Familie während des Arbeitskampfes den Gürtel enger schnallen müssten. Die Streikenden bekommen keinen Lohn von GM, werden aber mit 250 Dollar pro Woche aus der UAW-Streikkasse entschädigt.

Dazu muss man wissen: Im Gegensatz zu anderen Regionen des Landes sind Gewerkschaften wie die UAW im industriell geprägten Herzland Amerikas immer noch stark vertreten. So sind 14,5 Prozent aller Angestellten in Michigan einer Arbeitnehmerorganisation angeschlossen; landesweit liegt diese Quote bei rund 10 Prozent. Und: Die UAW stand in den boomenden Nachkriegsjahren an der Spitze des gesellschaftspolitischen Fortschrittes. Dafür ist man der Gewerkschaft immer noch dankbar, obwohl sich im UAW-Fussvolk mittlerweile zahlreiche Anhänger von Präsident Donald Trump befinden .

Staatliche Zuschüsse sicherten Überleben

Im Gespräch mit den GM-Streikenden fällt zudem oft der Ausdruck Vertrauensbruch. Die UAW-Mitglieder erinnern daran, dass der grösste amerikanische Autobauer die letzte Wirtschaftskrise nur dank staatlicher Zuschüsse im Umfang von 51 Milliarden Dollar überlebt habe. Auch hätte die Gewerkschaft damals Konzessionen gemacht, um das Überleben der «Big Three» GM, Ford und Chrysler nicht weiter zu gefährden. Nun habe sich der Konzern gefälligst dankbar zu zeigen, ist immer wieder zu hören. GM-Chefin Barra hingegen verweist auf die Herausforderungen, mit denen sich GM konfrontiert sieht: So ist die Nachfrage nach Kleinwagen stark eingebrochen. Auch forderten die Konsumenten eine Abkehr vom traditionellen Verbrennungsmotor. Die 50 Jahre alte Fabrik in Lordstown (Ohio) liess Barra deshalb im März einmotten. Einige tausend Angestellte waren von diesem Schritt betroffen.

Obwohl das riesige Fabrikgelände, auf dem gegen 27 Fussballfelder Platz hätten, seit Monaten verwaist ist, streikt auch in Lordstown ein Fähnlein aufrechter UAW-Mitglieder. Craig Nicholas zum Beispiel, GM-Angestellter seit 42 Jahren. Oder Tim Cubellis. Beide freuen sich darüber, dass heute Präsidentschaftskandidat Beto O’Rourke angereist ist. Im Gegensatz zu Sanders nimmt sich der Demokrat Zeit, und hört den Gewerkschaftern zu. O’Rourke spricht darüber, welche langfristigen Folgen die Stilllegung der Fabrik für eine Kleinstadt wie Lordstown habe, die wirtschaftlich darbt. Cubellis sagt, er sei O’Rourke dankbar, dass er dieses Jahr zweimal nach Ohio gekommen sei. «Fantastisch, dass er uns nicht vergessen hat.»

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