ATOMKONFLIKT: Südkorea setzt auf Abschreckung

Seoul konzipiert eine Spezialeinheit – mit dem Ziel, die Führung in Pjöngjang zu eliminieren. Bereits jetzt finden tägliche Militärmanöver statt, um Nordkorea in Schach zu halten. Die amerikanischen Verbündeten sollen Seoul aufrüsten.

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Südkorea geht in den Angriffsmodus über. Wie «The Korea Herald» gestern berichtete, soll eine Spezialbrigade gegründet werden, deren einzige Aufgabe es ist, «Nordkoreas Kriegskommando- und Kontrollsystem zu neutralisieren und die Führung des Regimes, einschliesslich Kim Jong Un, zu eliminieren».

Die Sondereinheit soll eng mit entsprechenden US-Spezialkräften wie Seal oder Team Six kooperieren, die bereits Terroristenchef Osama bin Laden getötet haben. «Wir sind jetzt in der Phase der Konzipierung», bestätigte Verteidigungsminister Song Young Moo auf Anfrage von Parlamentariern den Zeitungsbericht. «Ich glaube, wir können eine solche Enthauptungseinheit bilden und bis zum 1. Dezember operationsfähig machen.»

Laut «The Korea Herald» ist dieser Plan Teil einer Strategie, die Führung in Pjöngjang im ­Falle eines nordkoreanischen Nuklearangriffs mit ballistischen Raketen und Marschflugkörpern gefechtsunfähig zu machen. Zudem sollen konventionelle Waffensysteme Raketenabschussrampen, Nuklearanlagen und unterirdische Kommandostände zerstören. Präsident Moon Jae In sagte der Zeitung, es sei «jetzt entscheidend, machtvolle und praktische Massnahmen zu ergreifen, damit Nordkorea die Folgen seines Handelns realisiert».

Jedes Ziel in Nordkorea soll getroffen werden können

Dazu gehört die bereits zwischen US-Präsident Donald Trump und Staatschef Moon beschlossene Aufhebung der Nutzlastbegrenzung für südkoreanische Raketen. Seit 2001 galt eine Obergrenze von 500 Kilogramm. Zudem wird die Reichweite der Geschosse von bisher 800 Kilometern deutlich erhöht, damit jedes Ziel in Nordkorea getroffen werden könnte, teilte das Präsidialamt mit.

Um sich gegen künftige Attacken aus dem Norden zu schützen, leitet Seoul zudem einen bislang beispiellosen Aufrüstungskurs ein. Wie das Büro von Staatschef Moon Jae In gestern bestätigte, sollen sehr schnell Rüstungsgüter für «mehrere Milliarden Dollar» in den USA gekauft werden. Trump habe dafür bereits seine prinzipielle Zustimmung erteilt.

Laut dem Stockholmer Sipri-Institut lieferten die USA in den Jahren 2011–2016 Rüstungsgüter im Wert von fast 5 Milliarden Dollar an ihren Verbündeten Südkorea. Damit war Seoul der global viertgrösste Käufer von US-Rüstungsgütern und rangiert auf Platz zwölf unter den vermutlich stärksten Armeen der Welt.

Die neue Härte der südkoreanischen Führung erklärt sich am besten durch die Angst vor neuen nordkoreanischen Raketentests. Der südkoreanische Geheimdienst NIS informierte den Verteidigungsausschuss des Parlaments, dass Pjöngjang offenbar seit Montag eine Interkontinentalrakete an seine Westküste verlegt. Der Transport erfolge nachts, um eine grösstmögliche Tarnung zu sichern. In Seoul wird davon ausgegangen, dass der neuerliche Test um den nordkoreanischen Nationalfeiertag und das Gründungsjubiläum der kommunistischen Partei am 9. und 10. September erfolgt. Drei derartige Geschosse hatte das Regime in Pjöngjang bereits im Juli Richtung Japan abgefeuert, wobei eine Rakete sogar japanisches Territorium überquerte.

Zur Abschreckung wurden die südkoreanischen Streitkräfte in einen umfassenden Manöverzustand versetzt, der die gesamte Woche über anhalten soll. Die Militärübungen wurden auf das Meer ausgedehnt. Kriegsschiffe, darunter Fregatten, Raketen- und Schnellboote feuerten als «Demonstration der Stärke» auf Ziele vor der Südküste ins Japanische Meer. Unmittelbar nach dem vermeldeten Test einer nordkoreanischen Wasserstoffbombe hatte Seoul gezielte Raketenmanöver befohlen. Dazu gehören simulierte Angriffe auf die Atomanlagen des Kim-Regimes.

Südkoreas Staatschef unter Handlungszwang

Die Militärführung gab bekannt, bei dieser Gefechtsübung seien ballistische Raketen abgeschossen worden, die in exakt derselben Entfernung wie die realen Ziele eingeschlagen seien. Zudem wurden F15-Kampfjets zur Bekämpfung simulierter Objekte eingesetzt. Der bisher auf politische Aussöhnung mit Pjöngjang orientierte linksliberale Staatschef Moon gerät immer mehr unter Druck, die militärpolitische Wende einzuleiten. Direkt an seine Adresse giftete US-Präsident Trump per Twitter: «Südkorea findet jetzt heraus, dass sein Appeasement-Gerede mit Nordkorea nicht funktionieren wird. Die verstehen nur eine Sache!»

Moon, dessen Dialogofferten bislang von Diktator Kim Jong Un brüsk abgelehnt wurden, hat lange gezaudert, bis er der verstärkten Stationierung von US-Abfangraketen in Südkorea zustimmte. Am Montag fiel nun die Entscheidung, vier weitere THAAD-Batterien aufzustellen. Zur Stärkung der Verteidigungskraft ist Südkoreas Führung auch bereit, den USA zu gestatten, wieder strategische Waffen auf der koreanischen Halbinsel zu stationieren, die 1991 als Geste des guten Willens gegenüber Nordkorea abgezogen worden waren.

 

Angela Köhler, Tokio