ATOMWAFFEN: Atomwaffen-Ankündigung der USA schreckt Russland nicht

Russland reagierte wenig begeistert, aber ohne Panik auf Donald Trumps Äusserungen zur atomaren Aufrüstung. Moskau hofft weiter auf ein Treffen zwischen ihm und Putin.

Stefan Scholl, Moskau
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Putin lässt sich von Trump nicht aus der Ruhe bringen.Bild: Maxim Shipenkov/EPA (Moskau, 23. Februar 2017)

Putin lässt sich von Trump nicht aus der Ruhe bringen.Bild: Maxim Shipenkov/EPA (Moskau, 23. Februar 2017)

Noch keine Aussage Donald Trumps über das Verhältnis zu Russland sei so Besorgnis erregend gewesen, klagt Konstantin Kosatschew, aussenpolitischer Experte des Föderationsrates, auf Facebook. «Wenn Trump mit seiner Wahlkampfparole ‹Macht Amerika wieder gross› atomare Überlegenheit meint, kehrt die Welt in die schlimmsten Zeiten des Rüstungswettlaufs der Fünfziger- und Sechzigerjahre zurück.» Trump gab gestern bekannt, dass er das Atomwaffenarsenal der USA ausbauen will. Die USA seien hier zurück­gefallen und müssten wieder «ganz nach oben» kommen. Zugleich kritisierte er, das Russland Marschflugkörper stationiert und damit Abrüstungsabkommen verletzt habe. Russlands Offizielle reagierten wenig begeistert auf Trumps Worte.

Keine Reaktion aus dem Kreml

Wirkliche Panik brach in Moskau jedoch nicht aus. Das russische Militär werde eine asymmetrische Antwort geben, sagte Ex­generalstabschef Juri Balujewski der Agentur Interfax. «Unsere Streitkräfte werden genügend Atomwaffen besitzen, um die Abschreckung zu garantieren.»

Auch in Russland hat man sich an Donald Trumps aggres­sive Art gewöhnt. Kreml und Aussenministerium reagierten gestern – der Tag war arbeitsfrei – gar nicht. Die Experten in beiden Parlamentskammern aber schwankten zwischen demonstrativer Besorgnis und nicht weniger demonstrativer Courage. Russland werde auf der Verlängerung des 2021 auslaufenden Vertrages bestehen, erklärte der für Rüstungsfragen zuständige Senator Viktor Oserow gegenüber Ria Nowosti. «Er ist grundlegend für die Weltsicherheit», sagte er. Der Duma-Abgeordnete Wjatscheslaw Nikonow dagegen verkündete Interfax: «Trump sollte bedenken, dass wir jeden Versuch der USA, ihr Atomraketenarsenal auszubauen, mit der Schaffung von Antiraketensystemen beantworten. Und wenn nötig auch mit der Erweiterung unseres Kernwaffenpotenzials jenseits der Rahmen des New-Start-Vertrages.» Der 2010 ausgehandelte Vertrag sieht bis 2018 eine Einschränkung der russischen wie der US-Atomwaffen auf 1550 Nuklearsprengköpfe und 700 Trägersysteme vor.

Im Juli 2016 waren in Russland 526 Trägersysteme mit 1735 Sprengköpfen stationiert. Ein Grossteil der Atomraketen auf beiden Seiten gilt als veraltet, beide Seiten sind dabei, zu modernisieren.

Manche russischen Fachleute zweifeln an der Ernsthaftigkeit von Trumps Atomrüstungsankündigung. «Zurzeit verringern die USA ihr Nukleararsenal eher», sagt der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin unserer Zeitung. «Sie sind dabei, die atomaren Gefechtsköpfe durch solche mit ähnlicher Sprengkraft, aber ohne Kernstrahlung zu ersetzen.» In Russland haben gerade erst Präsident Wladimir Putin und Verteidigungsminister Sergei Schoigu bekräftigt, die Stärkung des strategischen Atomwaffenarsenals gehöre zu den Prioritäten ihres Rüstungsprogramms.

Abgesehen davon hofft Moskau weiter auf grundlegende Entspannung im Verhältnis zu Trumps USA. Der hatte nach amerikanischen Presseberichten schon bei einem Telefonat mit Putin im Januar seine Unzufriedenheit mit dem sogenannten New-Start-Vertrag zum Ausdruck gebracht. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte später, man habe seit 2010 nicht mit den USA über die strategischen Atomwaffen verhandelt, es bedürfe eines «Updates» im Dialog. Und er deutete Offenheit bei möglichen Verhandlungen über die Verlängerung von New Start an. «Das hängt von der Position unserer amerikanischen Partner ab.» Es bedürfe der Gespräche dazu, vorher wolle er keinerlei Position formulieren.

«Das war nicht Trumps letztes Wort», glaubt auch Experte Litowkin. «Bis er sich wirklich mit Wladimir Putin an einen Tisch gesetzt hat, um das Thema zu besprechen, bleibt alles nur Spekulation.» Beide Staatschefs wollen sich treffen, einen Termin dafür gibt es aber noch nicht.