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ATTENTAT: Nordkorea giert nach Aufmerksamkeit

Die Todesursache scheint geklärt: Kim Jong Nam soll durch einen chemischen Kampfstoff getötet worden sein. Auch die Hinweise, dass Nordkorea hinter dem Tod des Halbruders des nordkoreanischen Diktators steckt, verdichten sich.
Felix Lee, Peking
An einer Demonstration in Südkorea wird das Porträt des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un mit Wasserballons beworfen. (Bild: Ahn Young-Joon/AP (Seoul, 30. März 2016))

An einer Demonstration in Südkorea wird das Porträt des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un mit Wasserballons beworfen. (Bild: Ahn Young-Joon/AP (Seoul, 30. März 2016))

Felix Lee, Peking

Zumindest das ist nun erwiesen: Es war Mord. Und getötet wurde Kim Jong Nam, der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un, mit einem hoch dosierten Nervengas. Das hat Malaysias Chefermittler Khalid Abu Bkar am Freitag offiziell bestätigt. Er verweist auf eine vorläufige chemische Analyse, die seiner Behörde vorliegt. Spuren des tödlichen Kampfgases VX seien an den Augen und auf dem Gesicht des Opfers gefunden worden. Eine der beiden mutmasslichen Täterinnen, die die Substanz auf Kims Gesicht aufgetragen hat, habe sich dabei ebenfalls vergiftet – zumindest leicht. Sie habe später unter Erbrechen gelitten.

Die beiden mutmasslichen Mörderinnen hatten die malaysischen Behörden schon am ersten und zweiten Tag nach der Tat gefasst. Sie befinden sich seitdem in Polizeigewahrsam. Dass sie es waren, die sich am Morgen des 13. Februars am internationalen Flughafen von Kuala Lumpur von hinten dem 45-Jährigen näherten und ihm eine Flüssigkeit ins Gesicht schmierten, beweisen Aufnahmen von Überwachungskameras. Sie liegen nicht nur den Ermittlern vor, sondern sind längst auch im Netz zu finden. Trotz dieser Erkenntnisse weist Nordkoreas Führung weiter jegliche Beteiligung von sich – und riskiert lieber einen handfesten diplomatischen Streit mit Malaysia. Bereits am Mittwoch hatte Chefermittler Khalid der Öffentlichkeit mitgeteilt, die beiden hauptverdächtigen Frauen seien darin unterrichtet gewesen, ihre Hände mit giftigen Chemikalien zu benetzen und an Kim Jong Nams Mund abzustreifen. Nordkoreas Botschaft wies diese Darstellung zurück. Wenn die Frauen tatsächlich Gift in den Händen gehabt hätten, stelle sich die Frage, weshalb sie überlebt hätten. Sie forderte die malaysischen Behörden auf, die «unschuldigen Frauen» freizulassen.

Vier Verdächtige haben sich nach Pjöngjang abgesetzt

Insgesamt haben die malaysischen Behörden vier Personen festgenommen, neben den zwei bereits gefassten mutmasslichen Täterinnen auch zwei ihrer Freunde. Sieben weitere haben die Behörden im Visier, von denen sich vier schon in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang abgesetzt haben. Ebenfalls am Mittwoch hatte Khalid mitgeteilt, unter den Verdächtigen werde auch ein ranghoher Diplomat der nordkoreanischen Botschaft in Kuala Lumpur vermutet. Seine Behörde wolle ihn deswegen vernehmen.

Die Regierung in Nordkorea reagierte empört auf diese Verdächtigungen. Malaysia sei bei der Aufklärung des Falls nicht zu vertrauen, heisst es in einer schriftlichen Stellungnahme. Zuvor hatte Nordkoreas Botschafter generell Zweifel an der Identität des Toten geäussert – zugleich aber die Übergabe des Leichnams gefordert. Malaysia wiederum zog aus Protest auf diese Vorwürfe seinen Botschafter in Nordkorea ab. Polizeichef Khalid hat bislang noch nicht bestätigt, dass die nordkoreanische Regierung hinter dem Giftmord steckt. Er sieht es aber als erwiesen an, dass Nordkoreaner in den Mordfall involviert sind. Derweil gehen die Spekulationen über das mögliche Tatmotiv weiter. Südkoreanische Medien berichten, Nordkoreas Diktator könnte tatsächlich Angst gehabt haben, dass der Halbbruder im Ausland eine Exilregierung bildet. Die «Korea Times» beruft sich auf Quellen mehrerer nordkoreanischer Exilorganisationen. Sie hätten Kim Jong Nam im vergangenen Jahr ein entsprechendes Angebot gemacht. Er soll aber abgelehnt haben. Ihr gemeinsamer Vater war der 2011 verstorbene Diktator Kim Jong Il. Er hatte wahrscheinlich sieben Kinder aus zwei verschiedenen Ehen sowie eine uneheliche Beziehung, aus der Kim Jong Nam stammt.

In Ungnade fiel Kim Jong Nam, als er 2001 mit gefälschtem Pass in Tokio aufgegriffen wurde. Er hatte dem dortigen Disneyland einen Besuch abstatten wollen. Aus Furcht vor seinem Halbbruder lebte Kim Jong Nam in den letzten Jahren in der ehemaligen portugiesischen und jetzigen südchinesischen Sonderverwaltungszone Macau. Eine andere Erklärung als Tatmotiv für den Mord liefert der in Japan lebende Politologe Narushige Michishita vom National Graduate Institute for Policy Studies in Tokio. Der nordkoreanische Diktator habe grosse Hoffnungen auf Donald Trump gesetzt. Im US-Wahlkampf hatte der tatsächlich mehrfach angekündigt, sich mit der nordkoreanischen Führung an einen Tisch setzen zu wollen. Davon ist aber nichts mehr zu hören.

Deswegen provoziert Pjöngjang wieder, vermutet Nordkorea-Experte Michishita. Eine Rakete hatte das Regime zeitgleich zum Besuch des japanischen Premierministers Shinzo Abe in den USA vor zwei Wochen bereits abgefeuert. Der Mord an dem Halbbruder sorgte für weitere Schlagzeilen. «Kim will genug reizen, um Aufmerksamkeit zu erregen – aber nicht zu viel, um als Gesprächspartner völlig inakzeptabel zu sein und Gespräche im Keim zu ersticken oder gar eine heftige Gegenreaktion auszulösen», sagt Michishita. «Diese Aktionen richten sich unmittelbar gegen Trump.»

US-Strategie zum Stopp des Atomprogramms fehlt

Ob diese Art der Botschaftsvermittlung den US-Präsidenten erreicht? Gegenüber Abe versicherte Trump seine Bündnistreue zu Japan und Südkorea. Und auch auf China scheint Trump zuzugehen, nachdem er noch im Wahlkampf die Regierung in Peking heftig beleidigt hatte.

Eine konkrete Strategie, wie Nord­koreas Atomprogramm zu stoppen ist, scheint Trump aber nicht zu haben. Das Pentagon weist bereits darauf hin, dass Nordkorea mit den jüngsten Tests grosse technische Fortschritte bewiesen habe. Das Regime verfüge nun sogar über ein mobiles, geländegängiges Abschussgerät, von dem die Raketen abgefeuert werden können. Das mache es schwerer, die Abschüsse vorherzusehen und darauf zu reagieren, warnte das Pentagon. Auf die Frage, wie er auf diese technischen Fortschritte reagieren wolle, antwortete Trump gegenüber Journalisten lediglich: «Nordkorea ist offensichtlich ein grosses, grosses Problem, bei dem wir sehr hart durchgreifen werden.»

Politische Morde: Sie wurden den Mächtigen zu gefährlich

Geschichte Wer die Position von Herrschern gefährdet, hat in der Regel keine hohe Lebenserwartung. Was in der früheren Weltgeschichte ohne grösseren Skandal und per Daumengeste möglich war, geschieht in der neueren Zeitgeschichte im Heimlichen und lässt sich selten mit letzter Gewissheit beweisen.

Fast schon legendär sind etwa die unzähligen Attentatsversuche auf den ehemaligen kubanischen Präsidenten Fidel Castro durch den US-Geheimdienst CIA. Während des Kalten Krieges war auch der sowjetische Geheimdienst KBG an mehreren Morden an Dissidenten zumindest beteiligt.

Der Tod kam mit dem Regenschirm

Gift scheint dabei das Mittel der Wahl beim politischen Meucheln zu sein. Dies zeigt sich beispielsweise am Tod des in London lebenden bulgarischen Regimekritikers Georgi Markow im Jahr 1978. Während er auf den Bus wartete, spürte er plötzlich einen Stich in seinem Bein, doch als er sich umdrehte, sah er laut eigenen Angaben nur eine Person mit einem Regenschirm davonlaufen. Markow bekam hohes Fieber und verstarb vier Tage später. Bei der Obduktion haben Ärzte eine winzige Kapsel mit dem Gift Rizin in seinem Bein gefunden. Markows Mörder wurde nie gefasst. Jedoch wurde später bekannt, dass der Regenschirm mit dem Druckmechanismus an der Spitze eine KGB-Erfindung war.

Abseits von Staatschefs, deren Ableben inklusive Regierungswechsel anderen Staaten nützen würde, und KGB-Attentaten haben unter anderem folgende zwei Fälle in den letzten Jahren für Aufsehen und viele Fragen nach den Drahtziehern gesorgt:

  • Alexander Litwinenko (2006): Der ehemalige russische Nachrichtendienst-Mitarbeiter hat ab 2003 begonnen,britische Geheimdienste mit Informationen zu versorgen. Anschliessend trat er als Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Erscheinung. Litwinenko verstarb 2006 in einem Londoner Spital. Erst kurz vor seinem Tod wurden in seinem Körper grosse Mengen des radioaktiven Elements Polonium entdeckt. Auf dem Sterbebett beschuldigte er den Kreml für seine Vergiftung. Umfangreiche Ermittlungen der britischen Behörden kommen zum Schluss, dass der mutmassliche Täter Andrej Lugowoi, russischer Parlamentarier und Ex-KGB-Mann, das Polonium in Litwinenkos Tee gekippt haben soll.

  • Iranische Atomwissenschaftler (2010–2012): Innert zwei Jahren wurden vier iranische Atomwissenschaftler ermordet – drei starben durch Bomben an Fahrzeugen, und einer wurde erschossen. Hinter den Morden werden unter anderem iranische Oppositionsgruppen vermutet. Die professionelle Ausführung, welche kaum ohne akribische Recherche über die Opfer möglich war, lassen westliche Geheimdienste zumindest die Unterstützung durch den israelischen Geheimdienst Mossad vermuten. Motiv: die Sabotage des iranischen Atomprogramms.

(ras)

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