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Auf der Suche nach dem Merkel-Nachfolger: «Wird Merz Kandidat, gibt es Revolution»

Das Rennen um Angela Merkels Nachfolge ist eröffnet. Viele Szenarien sind derzeit möglich – und eines am wahrscheinlichsten.

Fabian Hock
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Steht weiterhin auf ihrem bröckelnden Podest, während Annegret Kramp-Karrenbauer davonfliegt: Kanzlerin Angela Merkel.

Steht weiterhin auf ihrem bröckelnden Podest, während Annegret Kramp-Karrenbauer davonfliegt: Kanzlerin Angela Merkel.

chmedia

Diese Frau überlebt sogar ihre designierte Nachfolgerin: Während Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) vom politischen Sturm, der seit der umstrittenen Wahl in Thüringen durch Deutschland peitscht, hinweggerissen wurde, steht Angela Merkel scheinbar fest auf ihrem Sockel. Sehr stabil ist dieser allerdings nicht mehr.

Zum einen, weil Merkel nur noch Kanzlerin auf Zeit ist. 2021 ist Schluss, hat sie versprochen. Zum anderen durch eine Forderung der abtretenden Parteichefin: AKK insistierte am Tag ihrer Rücktrittsankündigung, dass Parteiführung und Kanzlerkandidatur in eine Hand gehören.

Das wird wohl auch so kommen. Da stellt sich die Frage: Was bedeutet das für Merkel und die CDU? Muss die Kanzlerin früher abtreten als geplant? Gibt es Neuwahlen? Diese Zeitung hat mit dem Politologen Heinrich Oberreuter die möglichen Szenarien durchgespielt.

Formal fällt die Entscheidung über AKKs Nachfolge an einem Parteitag im Dezember. Viel zu spät, meint Oberreuter. Der Professor von der Universität Passau hält es für wahrscheinlich, dass die CDU bereits vor der Sommerpause einen neuen Chef findet und diesen dann auch zum Kanzlerkandidaten kürt.

Ein Bayer mit Aussenseiterchancen

Im Rennen sind drei Favoriten aus Nordrhein-Westfalen (NRW) und ein bayerischer Joker. Wer aus dem Trio Armin Laschet, Jens Spahn und Friedrich Merz die besten Chancen hat, ist derzeit weit offen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder käme wohl nur zum Zuge, wenn die CDU zur Einsicht gelangt, dass sie keinen eigenen Kandidaten aufstellen kann.

Wer wird Kanzlerkandidat der CDU? Vier mögliche Anwärter

Armin Laschet: Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen gilt seit einiger Zeit als möglicher Kanzlerkandidat. Zuletzt äusserte er sich häufig kritisch in Richtung Kramp-Karrenbauer. Sein Landesverband ist gross, das verleiht ihm Einfluss innerhalb der Partei. Allerdings gilt Laschet als relativ weit links, was ihm zum Nachteil ausgelegt werden könnte.
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Friedrich Merz: Der ehemalige Fraktionschef im Bundestag ist der Wunschkandidat des rechtskonservativen Teils der Union. Merz steht für die CDU vor Angela Merkel, er vertritt eine konservative Linie. Er dürfte einige Wähler von der AfD zurückholen, gleichzeitig aber wohl einige Merkel-Anhänger verlieren. Ob er wirklich antritt, liess Merz gestern noch offen.
Jens Spahn: Auf dem Parteitag Ende 2018 war er gegen AKK und Friedrich Merz chancenlos, doch das könnte sich nun ändern. Hatte sich Spahn zu Beginn seiner Amtszeit als Bundesgesundheitsminister noch in viele Themen eingemischt, was ihm Kritik einbrachte, fällt er inzwischen durch kompetente Sacharbeit auf. Er gilt als konservativ; könnte aber wohl am ehesten das eigene und das progressive Lager miteinander versöhnen.
Markus Söder: Bayerns Ministerpräsident ist der Aussenseiter unter den Favoriten auf die Kanzlerkandidatur der Union. Ganz abwegig ist seine Nomination nicht: Schon zweimal entschied sich die Union für einen Kandidaten von der CSU: in den 80ern für Franz Josef Strauss und zu Beginn der Nullerjahre für Edmund Stoiber. Den konservativen Hardliner gibt Söder inzwischen nicht mehr. Doch bekräftigte er gestern, er wolle in Bayern bleiben.

Armin Laschet: Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen gilt seit einiger Zeit als möglicher Kanzlerkandidat. Zuletzt äusserte er sich häufig kritisch in Richtung Kramp-Karrenbauer. Sein Landesverband ist gross, das verleiht ihm Einfluss innerhalb der Partei. Allerdings gilt Laschet als relativ weit links, was ihm zum Nachteil ausgelegt werden könnte.

Sascha Steinbach / EPA

Von den Beteuerungen Söders, dass München doch so schön sei und er keinerlei Ambitionen auf die Kanzlerschaft hege, hält Oberreuter nicht viel. «Gerede», sagt er. «Wenn der Ruf kommt, wird Söder ihn annehmen.» Oberreuter, selbst CSU-Mitglied, macht auch keinen Hehl daraus, dass er Söder den Job zutrauen würde.

Hoffen auf "disziplinierende Kräfte"

Wahrscheinlicher ist jedoch ein NRW-Kandidat. Heisst er Armin Laschet oder Jens Spahn, könnte Merkel auf ihrem bröckelnden Sockel möglicherweise bis 2021 ausharren. Das hiesse zwar, dass die Ämterverteilung dieselbe wäre, die bereits AKK das politische Genick gebrochen hat: Über dem Kandidaten würde eine präsidiale Kanzlerin schweben.

Auch wenn es nicht auszuschliessen sei, hält es Oberreuter dennoch für unwahrscheinlich, dass einer der beiden Kandidaten «der Kanzlerin die Pistole auf die Brust setzen» und sie zum Platz machen auffordern würde. Es gelte dann, «auf disziplinierende Kräfte innerhalb der Partei zu hoffen», die die friedliche Co-Existenz von Kanzlerin und Parteichef für eine Übergangszeit bis zur Wahl ermöglichten. Gleichwohl hätte der Wahlkampf etwas Rückwärtsgewandtes, sollte Merkel «am Amt kleben».

Möglich wäre aber auch mit Laschet und Spahn, dass die Partei oder die Kanzlerin höchst selbst die Reissleine zieht und die Ära Merkel ein jähes Ende findet. Zwei Möglichkeiten kämen dafür in Frage: Merkel könnte die Vertrauensfrage stellen und eine Mehrheit im Bundestag einen anderen Kanzler bestimmen. Dieser würde dann mit dem Amtsbonus in den Wahlkampf ziehen. Dass die SPD dabei mitmacht, ist allein deshalb fraglich. Die zweite Möglichkeit wären Neuwahlen.

Friedrich Merz wurde von Merkel einst von der Fraktionsspitze verdrängt.

Friedrich Merz wurde von Merkel einst von der Fraktionsspitze verdrängt.

EPA/SASCHA STEINBACH

Merz hat eine Rechnung mit Merkel offen

Und wenn sich Merz die Kandidatur sichert? «Wenn Merz der Kandidat wird, dann gibt es Revolution», sagt Oberreuter. Kaum vorstellbar, dass die alten Widersacher Merkel und Merz gemeinsam in den Wahlkampf ziehen. Merz hat mit der Kanzlerin noch eine alte Rechnung offen: Sie drängte ihn vor fast zwei Jahrzehnten von der Fraktionsspitze. Würde er Kandidat, könnte er sich jetzt dafür revanchieren.

Der Blick in die Kristallkugel weist demnach – ohne Gewähr, versteht sich – dieses Szenario als das wahrscheinlichste aus: Die CDU findet bis zum Sommer einen neuen Chef. Wird es Laschet oder Spahn, könnte die Koalition bis 2021 überleben. Wird es Merz, wählt Deutschland wohl schon früher. Vermasseln es jedoch alle drei, könnte ein Bayer zum Zug kommen.

Alle Bundeskanzler von Deutschland:

Konrad Adenauer (CDU): 1949 - 1963 Der CDU-Politiker Konrad Adenauer war der erste Bundeskanzler Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Hitler-Regime. Er boxte den NATO-Beitritt und die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) gegen den Widerstand der SPD durch. Die EGKS ist der Grundstein der Europäischen Union (EU). Adenauer unterschrieb den deutsch-französischen Friedensvertrag und setzte sich für die deutsch-jüdische Versöhnung ein.
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Konrad Adenauer (CDU): 1949 - 1963 Ausserdem wird Adenauer für die wirtschaftliche Erholung der westdeutschen Gesellschaft verantwortlich gemacht. Vorgeworfen wird ihm, dass er zu lange an seiner Position geklammert hat. Bei den Wahlen 1963 hat er seinen späteren Nachfolger Ludwig Erhard strikt abgelehnt. Adenauer war der älteste Bundeskanzler von Deutschland. Er hatte mit 73 Jahren das Amt angetreten und regierte bis zu seinem 88. Lebensjahr.
1953: Erster Besuch in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer (links) hatte am 7. April 1953 als erster deutscher Regierungschef nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die USA besucht. Auf diesem Bild unterhält er sich mit dem US-Aussenminister John Foster Dulles in Washington.
1963: Erster Besuch von den USA in den Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Zehn Jahre nach dem Treffen von Konrad Adenauer und dem US-Aussenminister John Foster Dulles reiste der damalige amerikanische Präsident John F. Kennedy nach Deutschland. Kennedy kam am 23. Juni 1963 auf dem Flughafen Wahn an und wurde von Adenauer empfangen. Auf diesem Bild sieht man die Regierungschefs beim Abspielen der beiden Nationalhymnen.
Ludwig Erhard (CDU): 1963 - 1966 Die Kanzlerschaft von Ludwig Erhard stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Einerseits wurde er von seinem Vorgänger und Parteikollege Konrad Adenauer scharf angegriffen, andererseits kam es zu einer leichten wirtschaftlichen Schwächephase.
Ludwig Erhard (CDU): 1963 - 1966 Erhard versuchte, die Beziehungen zu den USA zu stärken. Ausserdem nahm er diplomatische Beziehungen zu Israel auf, was heftige Proteste in arabischen Staaten auslöste.
Ludwig Erhard (CDU): 1963 - 1966 Der zweite Kanzler nach dem Zweiten Weltkrieg trat Ende 1966 zurück, nachdem er sich mit seiner Partei überworfen hatte. Auch die wirtschaftliche Probleme wurden ihm angelastet.
Kurt Georg Kiesinger (CDU): 1966 - 1969 Der CDU-Politiker Kurt Georg Kiesinger ging in die Geschichte als der Bundeskanzler der ersten «Grossen Koalition» ein. Er vermittelte zwischen den beiden grossen Parteien CDU und SPD.
Kurt Georg Kiesinger (CDU): 1966 - 1969 Diese Vermittlungen zwischen den beiden Parteien wurden Kiesinger oft angelastet. Er habe zu wenig selber entschieden. Weil er früher der rechtsradikalen Partei NSDAP angehörte, musste er diverse Angriffe von politischen Gegnern aushalten. Die Union (CDU und CSU) verfehlte bei der Bundestagswahl 1969 die absolute Mehrheit um lediglich sieben Mandate.
Willy Brandt (SPD): 1969 - 1974 Er war der erste Sozaildemokrat im Bundeskanzleramt. Für seine aussenpolitischen Anstrengungen erhielt er 1971 den Friedensnobelpreis. Willy Brandt setzte sich für die Ostverträge ein und förderte die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarländern.
Willy Brandt (SPD): 1969 - 1974 In seiner Amtszeit fiel aber auch die Ölkrise 1973, was zu mehr Arbeitslosen führte. Ein waschechter Skandal war die Enttarnung seines engen Mitarbeiters Günter Guillaume als DDR-Spion. Brandt stelle daraufhin sein Amt zur Verfügung und begründete den Rücktritt damit, dass es «keinen Zweifel an der Integrität des Bundeskanzlers geben dürfe.» Politische Beobachter sind sich heute einig, dass Brandt wegen Arbeitsmüdigkeit und Depressionen zurücktrat.
1970: Der Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt am Mahnmal in Warschau Der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt kniete am 7. Dezember 1970 am Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos in Warschau nieder. Der symbolischen Geste folgte die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags zwischen Polen und Deutschland.
Helmut Schmidt (SPD): 1974 - 1982 Die ersten Jahre der Amtszeit des SPD-Politikers Helmut Schmidt wurden vom Terror der Roten Armee Fraktion geprägt. Schmidt verfolgte strikt die Politik, dass der Rechtsstaat gewahrt werden müsse.
Helmut Schmidt (SPD): 1974 - 1982 Innenpolitisch verfolgte er einen konservativen Kurs, was vielen Parteimitgliedern sauer aufstiess. Er unterstützte den NATO-Doppelbeschluss, was das Ende seiner Amtszeit einläutete.
Helmut Schmidt (SPD): 1974 - 1982 Schmidt wurde wegen seiner offenen und direkten Art auch «Schmidt-Schanuze» genannt. Der Bundeskanzler war bekannt dafür, überall zu rauchen wo er nur konnte. Auch in Fernsehstudios trat er immer mit dem Glimmstengel auf, was ihm auch einige Kritik einbrachte. Letztlich war es aber Schmidts Markenzeichen. Helmut Schmidt verstarb am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren an einer Infektion.
Helmut Kohl (CDU): 1982 - 1998 Der erste CDU-Kanzler nach 13 Jahren wurde durch ein Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt mit den Stimmen von CDU, CSU und der Mehrheit der FDP-Fraktion zum neuen Bundeskanzler gewählt. Er setzte sich starkt für den Euro ein und ist ein Befürworter der Europäischen Union.
Helmut Kohl (CDU): 1982 - 1998 Der Höhepunkt der Amtszeit von Helmut Kohl war die Deutsche Wiedervereinigung im Jahr 1989. Weil die Wirtschaft in Ostdeutschland gegen Kohls Einschätzung zusammengebrochen war, nahm die Arbeitslosigkeit zu. Er wurde 1998 hauptsächlich wegen einer Rekordarbeitslosigkeit abgewählt. Mit 16 Jahren Amtszeit ist Kohl bis heute der Bundeskanzler, der am längsten amtierte.
2013: Helmut Kohl in der Schweiz Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl besuchte das Filmfestival in Zürich. Zu diesem Zeitpunkt sitzt er wegen eines Unfalls schon seit Jahren im Rollstuhl.
Gerhard Schröder (SPD): 1998 - 2005 Der SPD-Politiker verweigerte 2002 den USA offiziell seine Zustimmung zum Irak-Krieg. Dies galt als wichtiger Grund für seine Wiederwahl im selben Jahr.
Gerhard Schröder (SPD): 1998 - 2005 Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit benannte Schröder mit der «Agenda 2010» sein Reformprogramm, dass der politischen Linken zu weit ging und wirtschaftsnahen Gruppen nicht weit genug ging. Dies führte zu Massenaustritten aus der SPD und zu schweren Wahlniederlagen der Partei. Mittels einer Vertrauensfrage erreichte Schröder vorgezogene Neuwahlen im Herbst 2005, weil er das Vertrauen der rot-grünen Koalition in sich beeinträchtigt sah. Er verlor die Neuwahlen, konnte aber die SPD in der Regierung halten.
2016: Gerhard Schröder am Swiss Media Forum in Luzern Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder (links) wird von der Moderatorin Susanne Wille am Swiss Media Forum im KKL in Luzern interviewt.
Angela Merkel (CDU): 2005 - heute Die CDU-Politikerin wurde am 22. November 2005 zur Bundeskanzlerin gewählt. Sie ist die erste Frau, die das höchste Regierungsamt Deutschlands bekleidet. Ausserdem war sie bei Amtsantritt mit ihren 51 Jahren die jüngste Amtsinhaberin in der Deutschen Geschichte.
Angela Merkel (CDU): 2005 - heute Die Amtszeit von Angela Merkel wurde und wird von vielen Krisen überschattet. So gelang es ihr, die Arbeitslosigkeit zu mindern. Die Folgen der Finanzkrise 2008, der Eurokrise ab 2009 und der Flüchtlingskrise ab 2015 bleiben aber immer noch aktuell. Merkel wird von ihren politischen Gegner Führungsschwäche vorgeworfen. Im Dezember 2016 kündigt sie an, bei den Wahlen 2017 für eine vierte Amtszeit kandidieren zu wollen.
2016: Angela Merkel mit US-Präsident Barack Obama Angela Merkel empfing den ersten afroamerikanischen Präsidenten Barack Obama bei dessen Abschiedstour in Berlin.
Alle acht Bundeskanzlerinnen und Bundeskanzler seit dem Zweiten Weltkrieg.

Konrad Adenauer (CDU): 1949 - 1963 Der CDU-Politiker Konrad Adenauer war der erste Bundeskanzler Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Hitler-Regime. Er boxte den NATO-Beitritt und die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) gegen den Widerstand der SPD durch. Die EGKS ist der Grundstein der Europäischen Union (EU). Adenauer unterschrieb den deutsch-französischen Friedensvertrag und setzte sich für die deutsch-jüdische Versöhnung ein.

Keystone

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