Europa und die EM

Auf der Suche nach dem Triumph: König Fussball soll Europa wieder vereinen

Heute beginnt die Fussball-Europameisterschaft in Frankreich. Darf und soll man sich in politisch schwierigen Zeiten darauf freuen? Der Fussball soll nun Europa wieder vereinen.

François Schmid-Bechtel
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König Fussball sucht den Triumph

König Fussball sucht den Triumph

Illustration: Marco Tancredi

Letzte Ausfahrt Fussball. Als Retter Europas. Eines Europa, das auseinanderdriftet. Wo einzelne Teile bedrohlich weit nach rechts rutschen.

Der Fussball, genauer die Europameisterschaft, soll nun Europa wieder vereinen. Das mutet absurd an. Schliesslich spielen die Nationen nicht mit-, sondern gegeneinander.

Aber so eine EM ist auch ein verbindendes Fest. Man kommt sich näher und ist empfänglich für die Sorgen und Nöte des Nachbarn.

Die Sicherheit wird in Paris während der EM gross geschrieben.

Die Sicherheit wird in Paris während der EM gross geschrieben.

Keystone

Diese EM hat sich sogar noch mehr aufgeladen, als Europa zu vereinen. Sie dient auch als Speerspitze in der Verteidigung unserer Werte.

Am 13. November ist es, als Paris zur Zielscheibe des islamistischen Terrors wird. Im Fadenkreuz ist auch der Fussball. Frankreich spielt an jenem schwarzen Freitag gegen Deutschland. Man hört während des Spiels mehrmals eine Bombe detonieren.

Dass die Terroristen nicht ins Stade de France gelangen, ist Salim Toorabally, einem 43-jährigen Stadion-Ordner aus Mauritius, zu verdanken. Er ist es, der Bilal Hadfi den Eintritt ins Stadion verwehrt.

In der Halbzeitpause sprengt sich Hadfi an einer Kreuzung neben dem Stadion in die Luft. «Ein Muslim hindert seine Glaubensbrüder an der Ermordung Tausender Christen» – ein Held ist geboren. Und nebenbei hat Toorabally auch die Fussball-EM gerettet.

Dabei gab es Menschen, die geraten haben, das Turnier in einem anderen Land auszutragen.

Just Fontaine beispielsweise, 1933 in Marokko geboren, WM-Rekordtorschütze und noch heute eine Fussball-Legende in Frankreich.

Doch wenn Europa ein Mantra hat, dann dieses: Wir müssen unseren Lebensstil beibehalten und dürfen dem Terror nicht klein beigeben.

Egal, wie häufig und wie laut man den Satz wiederholt. Die Verunsicherung wird nicht kleiner.

Nun sollen knapp 100 000 Sicherheitskräfte dafür sorgen, dass die EM gewaltfrei über die Bühne geht.

Aber beruhigt uns diese Zahl? Vielleicht. Doch wenn der Pariser Polizeipräfekt bereits jetzt einen «Zustand fortschreitender Erschöpfung» bei seinem Personal feststellt, beschleicht uns ein ungutes Gefühl.

Stürmer in der Europafrage, Verteidiger der Werte – der Fussball muss ziemlich viel Ballast schultern.

Doch welche Werte? Allein in Migrationsfragen laufen die Meinungen der EU-Mitgliedstaaten diametral auseinander. Aber was hat das mit Fussball zu tun? Sehr viel.

Die Einsatzkräfte sind in der Öffentlichkeit gut zu sehen

Die Einsatzkräfte sind in der Öffentlichkeit gut zu sehen

Keystone

Unruhen in den Banlieue und streikende Fussballstars

«Die Zeit» schreibt: «Die Fussball-EM kommt gerade recht. Sie fördert in Zeiten der Verunsicherung das Gefühl kollektiver Stärke». Noch mehr Ballast. Trotzdem ist die These nicht ganz falsch.

Nur ist die Halbwertzeit des Fussballs als Weltverbesserer beschränkt. Beispiel: Black, Blanc, Beur – die französische Erfolgsformel. Weltmeister 1998, Europameister 2000. Farbiges Frankreich, glückliches Frankreich. Das Land gilt als Paradebeispiel für gelungene Integration.

Aber hat sich Frankreich nachhaltig gewandelt? «1998 hat die französische Gesellschaft weitergebracht im Denken über Gleichheit für alle», sagt Lilian Thuram, mit 142 Einsätzen Rekordnationalspieler Frankreichs.

«Aber der Fussball kann nicht für soziale Integration sorgen. Der politische Diskurs bestimmt die Integration.»

Nur: Der politische Diskurs ist nicht immer auf der Höhe der Gesellschaft, hat aber gleichwohl Einfluss auf den Fussball.

Nicolas Sarkozy, Staatspräsident von 2007 bis 2012, bezeichnete Einwohner der Banlieue vorzugsweise als Gesindel.

Irgendwann schwappten die gesellschaftlichen Unruhen auf die Nationalmannschaft über. Was bei der WM 2010 im «Fiasko von Knysna», einem Spielerstreik, gipfelte.

Der Fussball belohnt bisweilen die Nationen, die für ein gesellschaftliches Gleichgewicht besorgt sind.

Deutschland präsentierte sich 2006 von seiner schönsten Seite. Seither ist der Fussball wieder salonfähig – bis heute.

Wenn heute einer wie AFD-Spitzenmann Gauland den dunkelhäutigen Nationalspieler Boateng verunglimpft, muss er mit Kritik aus dem eigenen Lager rechnen.

Und die Schweiz? Nun sehen wir den Nationaltrainer Vladimir Petkovic auch mal lachen. Und hören, dass der Balkan-Graben im Team zugeschüttet ist.

Präsentiert sich aber die Nati in Frankreich nicht als Kollektiv, wird Multikulti wieder zum Thema. Auch wenn das politische Klima nach dem Ja zum Asylgesetz leicht entspannter ist.

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