Kiew
Auf seinen schmalen Schultern lastet die Zukunft der Ukraine

Der neue, junge ukrainische Premierminister muss sein Land vor dem Bankrott und dem georgrafischen Zerfall bewahren. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet auf der abtrünnigen Krim, begann der 39-Jährige seine politische Karriere.

André Ballin, Moskau
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Obwohl er erst 39 Jahre alt ist, hat Arseni Jazenjuk bereits grosse politische Erfahrung. keystone

Obwohl er erst 39 Jahre alt ist, hat Arseni Jazenjuk bereits grosse politische Erfahrung. keystone

«Begeistert» von der Aussicht, Premierminister der Ukraine zu werden, sei er nicht, hat Arseni Jazenjuk vor zwei Monaten gesagt, als ihm der Posten – damals noch als Oppositionsführer – schon einmal angetragen wurde. Zu gut kannte Jazenjuk die trübselige finanzielle und wirtschaftliche Lage des Landes. Nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch hat er sich dennoch breitschlagen lassen – und deswegen sogar seine Ambitionen auf das Präsidentenamt zurückgestellt.

Nun steht er vor einer Herkules-Aufgabe: Das Land steht nicht nur vor dem Bankrott, ihm droht auch der Zerfall, den Jazenjuk in aller Eile mit diplomatischen Missionen in Washington und Brüssel zu verhindern sucht. Heute Mittwoch wird der 39-Jährige von US-Präsident Barack Obama im Weissen Haus empfangen.

Es ist eine schwere Last, die auf den schmalen Schultern des ukrainischen Intellektuellen liegt. Immerhin kann der Sohn eines Geschichtsprofessors und einer Fremdsprachenlehrerin auf einen reichen politischen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Noch während seines Jura- Studiums in Czernowitz gründete er seine eigene Kanzlei, anschliessend arbeitete er als Konsulent für eine ukrainische Grossbank.

Im Dienst der neuen Herren

Doch schon bald zog es Jazenjuk in die Politik: Sein erstes Amt übernahm er – Ironie des Schicksals – auf der heute abtrünnigen Krim, wo er zum Wirtschaftsminister der autonomen Teilrepublik wurde. Dann übernahm er in Kiew den Posten des stellvertretenden Nationalbankchefs. Auch nach der Orangen Revolution fand sich Verwendung für den aufstrebenden und ehrgeizigen Politiker, zumal er sich ganz in den Dienst der neuen Herren stellte. In verschiedenen «orangen» Regierungen war er Wirtschafts- und Aussenminister, zwischenzeitlich auch stellvertretender Kanzleichef von Präsident Viktor Juschtschenko. Vorläufiger Höhepunkt seiner Karriere war allerdings 2007 die Wahl zum Vorsitzenden des ukrainischen Parlaments, der Werchowna Rada.

Doch die Querelen zwischen Juschtschenko und Julia Timoschenko, die nach dem gemeinsamen Sieg bei der Orangen Revolution später versuchten, sich gegenseitig beim Kampf um Ämter, Einfluss und wirtschaftliche Macht auszustechen, kosteten Jazenjuk bereits nach einem Jahr seinen Posten.

Mit der von ihm gegründeten «Front der Veränderungen» versuchte Jazenjuk einen Neuanfang fernab der Streithähne im orangen Lager. Bei der Präsidentenwahl trat er daher als eigenständiger Kandidat an, konnte aber nur knapp sieben Prozent der Wähler auf sich vereinen.

Erst nach dem Sieg Janukowitschs fand Jazenjuk den Weg zurück zur Opposition. Nach der Inhaftierung Timoschenkos übernahm er den Fraktionsvorsitz ihrer Partei. Später, auf dem Maidan, war er einer der Führer der Revolte gegen Janukowitsch und die unter ihm grassierende Korruption. Als Premier muss er nun beweisen, dass er es besser kann. Die Feuerprobe könnte angesichts der Begleitumstände härter nicht sein.