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Kampf zwischen Leben und Tod: Sterbehilfe-Aufschub für Vincent Lambert

Der Franzose Vincent Lambert bleibt doch am Leben: Ein Gericht hat die Ärzte angewiesen, die bereits abgeschalteten Pflegeapparate wieder anzustellen.
Stefan Brändle, Paris
Seit einem Unfall vor elf Jahren laut einem Gutachten nicht mehr bei Bewusstsein: der französische Koma-Patient Vincent Lambert. (Bild: KEYSTONE/EPA/PHOTOPQR/L'UNION DE REIMS)

Seit einem Unfall vor elf Jahren laut einem Gutachten nicht mehr bei Bewusstsein: der französische Koma-Patient Vincent Lambert. (Bild: KEYSTONE/EPA/PHOTOPQR/L'UNION DE REIMS)

Spektakuläre Kehrtwende im Fall Lambert, der Frankreich seit über zehn Jahren in Atem hält: Aufgrund eines Gerichtsentscheids von Montagabend muss das Universitätsspital Reims (Bretagne) die lebenserhaltende Behandlung des Patienten wieder aufnehmen. Das Ärzteteam hatte am Montag bereits mit dem Abschalten der Apparate begonnen, nachdem die französische und europäische Justiz dafür durch alle Instanzen grünes Licht gegeben hatten (wir berichteten).

Lambert ist nach einem Autounfall im Jahr 2008 querschnittsgelähmt und auf sein vegetatives System reduziert; er erkennt niemanden und zeigt keine vitalen Regungen. Seine Frau Rachel erklärte, der heute 43-jährige Psychiatriepfleger habe sich mündlich mehrfach gegen lebensverlängernde Massnahmen im eigenen Fall ausgesprochen.

UNO-Komitee muss entscheiden

Vincents Mutter Viviane kämpft hingegen seit einem Jahrzehnt für das Überleben ihres Sohnes. Jahrelang blitzte die praktizierende Katholikin ab: Die Gerichte bezeichneten die Behandlung einhellig als «therapeutisches Beharren». Am Montag begann die auf einige Tage angesetzte und vom Patienten nicht wahrgenommene Abschaltung der Ernährung. In einem letzten Verzweiflungsakt veröffentlichte die Mutter ein Video mit angeblichen Tränen Vincents. Zugleich gelangte sie an ein Pariser Gericht, weil das Behindertenkomitee der UNO Ende April einen Aufschub zwecks eingehender Fallprüfung angeregt hatte.

Zur allgemeinen Überraschung empfahl das Pariser ­Gericht am Montagabend, den Sachentscheid des UNO-Komitees abzuwarten. Völkerrechtler sind sich uneins, wie verbindlich der UNO-Befund ist. Eine zeitgleich stattfindende Kundgebung mit Lamberts Eltern feierte den Entscheid wie einen Fussballsieg. Viele der gegen Sterbehilfe und Abtreibung engagierten Vertreter christlicher Verbände skandierten «on a gagné» (Wir haben gewonnen). Dagegen verurteilte ein Neffe Lamberts, der mit dessen Frau für die «Erlösung» des unheilbar Verletzten eintritt, das medizinische Hin und Her als «puren Sadismus».

Debatte um Sterbehilfe wird neu lanciert

Diese Reaktionen zeugen von der Leidenschaft, die der Fall Lambert in Frankreich seit Jahren weckt. Aktive und passive Sterbehilfe sind in dem zwar laizistischen, aber immer noch sehr katholischen Land verboten. In einer Umfrage sprachen sich allerdings über 90 Prozent der Befragten für die Zulassung gewisser Formen der Euthanasie aus. Diese Debatte wird nun zweifellos neu lanciert. In Frankreich sollen mehr als 1500 Menschen in einer ähnlich unheilbaren Lage in Krankenzimmern «vegetieren».

In Reims schlossen die Ärzte die Apparate am Dienstag wieder an. Die Eltern wurden eingeladen, sich darüber vor Ort zu vergewissern. Wie lange Vincents Zustand zwischen Leben und Tod noch anhalten soll, weiss niemand mehr.

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