Aufschwung in Gefahr
China schrumpft: Die Rache der Ein-Kind-Politik wird zur grössten Bedrohung für das Riesenreich

Die Bevölkerung wird rasant älter – und zunehmend kinderlos. Die demographische Zeitbombe bedroht den wirtschaftlichen Aufstieg.

Fabian Kretschmer, Peking
Merken
Drucken
Teilen
Einzelkinder sind in China bis heute die Regel.

Einzelkinder sind in China bis heute die Regel.

Bild: Getty Images

Mit grosser Sorge muss Pekings Staatsführung derzeit feststellen, dass die Bevölkerung zwar mit drakonischen Massnahmen zu einem einzigen Kind pro Familie gezwungen werden kann. Doch im Gegenteil lässt sich eine Anhebung der Geburtenrate nicht einfach so von oben anordnen.

Auch wenn die Behörden die Daten ihrer jüngsten Volkszählung noch vor der Öffentlichkeit geheimhalten, steht bereits jetzt fest: Noch nie seit rund 60 Jahren, also zur Zeit der grossen Hungersnöte, haben die Chinesen weniger Kinder bekommen als jetzt. In mehreren Städten der wohlhabenden Ostküstenprovinz Zhejiang ist die Anzahl an Neugeborenen gar um rund 20 Prozent zurückgegangen.

Zu Beginn der Woche sorgte die «Financial Times» mit einer Nachricht für mediale Schockwellen, dass es erstmals zu einem Bevölkerungsrückgang gekommen sei. Die Regierung dementierte daraufhin umgehend, doch aus wirtschaftlicher Sicht lieferte auch sie keine guten Nachrichten: Bereits 2022 werde Chinas Einwohnerzahl schrumpfen, weitaus früher als erwartet. Die chinesische Akademie für Sozialwissenschaften hatte in ihren Prognosen geschätzt, dass der Wendepunkt in der Bevölkerungsentwicklung erst 2027 eintreten wird.

Geburtenrate tiefer als gedacht

«Viele Frauen in meinem Umfeld wollen zwar Kinder haben, aber nur mehr eins», sagt die 30-jährige Wu Fang, die in Peking als Büroangestellte arbeitet:

«Das hat vor allem mit den hohen Kosten zu tun. Und natürlich, dass man wegen der Arbeit kaum Zeit für die Erziehung hat.»

Wu selbst wünscht sich in Zukunft zwar auch Nachwuchs, doch so richtig konkret habe sie darüber noch nicht nachgedacht.

Offiziell liegt die Geburtenrate in China bei durchschnittlich 1,8 Kindern pro Frau. Doch im März ging aus einem Papier der Zentralbank hervor, dass sich der tatsächliche Wert womöglich unter 1,5 befindet.

Natürlich ist dies für eine rasant anwachsende Weltgemeinschaft alles andere als eine Hiobsbotschaft. Für die chinesische Volkswirtschaft hingegen schon: Nichts bedroht das langfristige Ziel Chinas, die Vereinigten Staaten ökonomisch zu überholen, stärker als sein demographischer Wandel. «Sinkende Geburtenraten und die schnell alternde Bevölkerung werden in den nächsten Jahrzehnten einen starken Gegenwind für das Wachstum darstellen», heisst es vom Beratungsinstitut «Trivium China».

Zu viele Männer hat das Land

Bis vor fünf Jahren galt in China nach wie vor eine drakonische Ein-Kind-Politik, was zu unzähligen Zwangsabtreibungen und einem Männerüberschuss von über 30 Millionen geführt hat. Mehr noch hat sich die fehlgeleitete Politik als kontraproduktiv herausgestellt: Auch wenn Chinesen mittlerweile längst zwei Kinder haben dürfen, wollen sie es schlicht nicht mehr. Als Hauptgründe werden die hohen Wohnkosten in den Städten sowie immense Ausgaben für die Schulbildung genannt.

Um dem Bevölkerungsrückgang und den knapp werdenden Arbeitskräften entgegen zu wirken, setzt die Staatsführung immer mehr auf künstliche Intelligenz und Automatisierung. So werden Roboter in Restaurantküchen und in Hotels eingesetzt, auch «smarte» Fabriken fungieren in China zunehmend autonom. Bis Ende der laufenden Dekade wird die Anzahl an Arbeitskräften in China jährlich um gut 0,5 Prozent sinken.