Rentenreform
Aufstand gegen Sarkozys Politik

Was eine Rentenreform alles auslösen kann: Die Grande Nation Frankreich versinkt im ritualisierten Chaos der Massendemonstrationen.

Stefan Brändle, Paris
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Proteste in Frankreich halten an

Proteste in Frankreich halten an

Keystone

Am Kiosk der Pariser Metrostation Saint-Paul informiert ein kleiner Zettel, warum der Rollladen unten bleibt: «Geschlossen wegen Streik für die Rente 60.» Der Zeitungshändler muss ganz schön wütend sein über den Verlust der Tageseinnahmen. Irrtum – er steht voll auf der Seite der Protestierenden, wie er weiter auf den Aushang gekritzelt hat: «Damit man uns in Pension gehen lässt, bevor uns der Tod ereilt.»

Der poetische Hinweis des Kioskverkäufers spricht Bände über die französischen Be- und Empfindlichkeiten. Da kann eine europäische Nation ihr Rentensystem nicht mehr finanzieren, weshalb ihr Präsident die nicht unvernünftige Idee hat, das Rentenalter der steigenden Lebenserwartung anzupassen und von 60 auf 62 Jahre zu erhöhen.

Doch der Landesvater hat die Rechnung ohne das Volk gemacht: Seit Wochen demonstrieren und streiken Hunderttausende, tageweise bis zu zwei Millionen Menschen gegen die Reform. Fernfahrer sperren die Benzinlager, Dockarbeiter die Häfen, Eisenbähnler die Züge, Stewardessen die Flüge.

Mittelschüler, die noch nicht einmal wissen, welchen Beruf sie wählen sollen, blockieren ihre Gymnasien; Randalierer aus den Vorstädten benützen die Gelegenheit, um ihren Banlieue-Frust an der Bereitschaftspolizei abzulassen. Ein französisches Ritual. 71 Prozent der Franzosen, so eine Umfrage von Mittwoch, unterstützen die Protestbewegung. Sogar von den Streiks hart betroffene Zeitungsverkäufer.

Im Élysée erscheint Sarkozy wie Ludwig XVI., der an einem schönen Morgen des Jahres 1789 aufwachte und seinen Diener wegen des Strassenlärms fragte: «Gibt es eine Revolte?» Er erhielt die Antwort: «Nein, Sire, es ist eine Revolution.» Auch der neuste Präsident der Grande Nation hatte sich als guter Franzose, das heisst als rationell denkender Kartesianer, überlegt, dass sein Volk wohl unzufrieden sein werde, wenn es länger arbeiten müsse; am Schluss würde es sich aber kraft der Argumente gewiss ins Unwiderrufliche schicken.

Es geht nicht mehr um die Rentenreform - es geht auch um Sarkozy

Die Franzosen haben aber nicht nur einen Sinn für klares Denken, sondern richten auch gerne ein mehr oder weniger kreatives Chaos an. Sie leben gerne mit dem Widerspruch – einerseits mit der Einsicht in die Notwendigkeit einer Rentenreform, andererseits mit der standhaften Weigerung, ein in den Achtzigerjahren hart erkämpftes «acquis social» (angestammtes Recht) aufzugeben.

Sarkozy hat sich gründlich verrechnet, wenn er meinte, dass sich der rebellische Geist seiner Citoyens im 21. Jahrhundert etwas beruhigt habe. Er übersah, dass die Wirtschaftskrise in seinem Land tiefe Spuren hinterlassen hat und die Franzosen düster in die Zukunft blicken – unter anderem, weil sie selbst um ihre Reformabneigung wissen. Noch so ein französischer Widerspruch.

Dieser betrifft aber nicht nur das Volk, sondern auch den Präsidenten selbst: Sarkozy markiert um seiner Wiederwahl willen den harten Mann. Sich selbst nimmt er aber von den harten Massnahmen aus. Diese Woche setzte er gegenüber Angela Merkel durch, dass die EU keine automatischen Sanktionen gegen Defizitsünder erlassen darf. Die Regierung in Paris, die auf einem Schuldenberg von 1500 Milliarden Euro sitzt, wird Brüssels Defizitvorgaben damit weiterhin ungestraft verletzen. Sie tut also genau, was sie ihren Bürgern verbieten will: über ihre Verhältnisse leben.

Luxusjacht statt Klostertage

Sarkozy hatte im Wahlkampf 2007 gelobt, er werde nach seiner Wahl ein paar Klostertage einlegen, um sich auf sein schweres Amt vorzubereiten. Nicht schlecht, dachten die Franzosen und gaben ihm die Stimme. Stattdessen besuchte ihr frisch gewählter Präsident dann einen Milliardärsfreund auf dessen Luxusjacht in Malta.

Die französischen Medien sahen darüber hinweg, doch die Franzosen haben ein gutes Gedächtnis. Ihr heutiger Protest richtet sich auch gegen einen Staatschef, der in seinem Pariser Nobelvorort Neuilly-sur-Seine mit den Reichen hofiert und dem Volk Opfer abverlangt. Und der sich selbst kurz nach der Wahl eine Lohnerhöhung von 170 Prozent zugestand.

Gut möglich, dass Sarkozy seine Reform schliesslich doch noch durchbringt: Die Protestbewegung könnte in den Herbstferien nächste Woche ermatten. Sie wird aber im Elysée kein Triumph-, sondern ein bitteres Gefühl hinterlassen – das Gefühl nämlich, dass eine grosse Mehrheit der Franzosen nicht mehr einverstanden ist mit Sarkozy. Selbst wenn der Präsident an der Rentenfront siegen wird: Dem damit verbundenen Ziel, der Wiederwahl 2012, kommt Sarkozy nicht unbedingt näher.