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AUFSTEIGER: Der Senkrechtstarter wähnt sich schon im Elysée

Emmanuel Macron hat Intuition, Mut und Glück – genug, um aus dem politischen Nichts innert kürzester Zeit zum Staatspräsidenten Frankreichs aufzusteigen.
Stefan Brändle, Paris
Ein siegessicherer Emmanuel Macron tritt nach Bekanntgabe des Resultats vor seine Anhänger: «Wir werden gewinnen!» (Bild: Gwendoli Le Goff/ EQ (Paris, 23. April 2017))

Ein siegessicherer Emmanuel Macron tritt nach Bekanntgabe des Resultats vor seine Anhänger: «Wir werden gewinnen!» (Bild: Gwendoli Le Goff/ EQ (Paris, 23. April 2017))

Stefan Brändle, Paris

François Mitterrand, der vierzehn Jahre im Elysée-Palast herrschte, sagte einmal, das Lebensprojekt einer Präsidentschaftskandidatur müsse zwei Jahrzehnte lang in minutiöser Kleinarbeit vorbereitet und aufgebaut werden. Emma­nuel Macron brauchte gerade einmal drei Jahre: Der 39-jährige Nordfranzose ist auf dem besten Weg, am 7. Mai zum neuen französischen Präsidenten gewählt zu werden, obwohl er 2014 noch nicht einmal einer breiteren Öffentlichkeit bekannt war.

Damals war der Eliteschulabsolvent und Banker durch die Empfehlung eines früheren Mitterrand-Beraters Vizegeneralsekretär im Elysée geworden. In diesem wichtigen, aber nicht sehr exponierten Funktionärsjob fiel Macron seinem Vorgesetzten François Hollande durch seinen brillanten Intellekt auf. Der sozialistische Staatschef beförderte ihn 2014 zum Wirtschaftsminister. Macron erhielt gute Noten, wurde ein Medienstar und meldete schon bald seine präsidialen Ambitionen an. Zuerst belächelt, gründete er im April 2016 die Bewegung «En Marche» (vorwärts), bestehend aus den Initialen seines eigenen Namens. Im August 2016 reichte er seine Demission ein, um seine Präsidentschaftskandidatur zu lancieren. Der Rest ist bekannt: Während die Republikaner und die Sozialisten in mühseligen Primärwahlen ihre Kandidaten bestimmten, preschte Macron durch die Mitte vor. Er erhielt von Überläufern aus allen etablierten Parteien Zulauf; und vor allem schrieben sich zuerst 100000 und bis heute über 250000 Mitglieder bei «En Marche» ein.

Er galt schon in der Mittelschule als brillanter Kopf

Was nach einem politischen Märchen klingt, hat seine Gründe in der Persönlichkeit Macrons, aber auch in den Umständen. Der Favorit auf das Präsidentenamt hat unbestreitbar Talent, viel Talent: Er galt schon in der Mittelschule – wo er seine Gattin Brigitte, damals Lehrerin, kennenlernte und später heiratete – als brillanter, unkonventioneller Kopf, dem keine Aufgabe zu klein, kein Hindernis zu hoch ist. Dabei winkte dem parteilosen Mittepolitiker stets das Glück des Tüchtigen. Fast wundersam fielen auf seinem kurzen, aber steilen Weg alle möglichen Gegenkandidaten aus Abschied und Traktanden. Zuerst erwies sich, dass sein eigener Mentor Hollande politisch so geschwächt war, dass er gar nicht mehr zu einer weiteren Kandidatur antreten konnte. Dann wurde im Lager der Republikaner der gemässigte Alain Juppé – noch Mitte 2016 grosser Umfragefavorit – durch François Fillon vom rechten Parteiflügel eliminiert. Und schliesslich bestimmten die Sozialisten Benoît Hamon vom linken Parteiflügel zu ihrem Kandidaten; damit entfiel Macrons härtester, sozialliberaler Widersacher, Ex-Premierminister Manuel Valls .

Einladung in die Brasserie entpuppt sich als Fehler

Es wäre allerdings ungerecht, würde man Macron nur Talent und Glück attestieren. Der Shootingstar der französischen Politik hat auch eine ausgezeichnete Intuition. Er merkte als einer der ersten, dass die beiden politischen Blöcke bei den französischen Wählern in Ungnade gefallen waren. Und er hatte den Mut, sich in der politischen Mitte zu platzieren, in der seit der Gründung der Fünften Republik 1959 noch kein Präsidentschaftskandidat jemals reüssiert hatte. Die Kampagne des zweiten Wahlgangs ist allerdings noch nicht gelaufen. Macron beging am Sonntagabend in seinem Überschwang einen taktischen Fehler: Er gab sich, als wäre die Wahl schon gelaufen, und lud spätabends prominente Vertreter des «Tout Paris» in die bekannte Brasserie La Rotonde ein. Das weckte unweigerlich Erinnerungen an die Schickimicki-Wahlfeier von Nicolas Sarkozy vor zehn Jahren im Nobellokal Fouquet’s, welche die Unpopularität des Präsidenten von Beginn weg begründet hatte. Als sich der Grünenpolitiker David Cormand per Twitter über die «unwürdige» Soiree beklagte, wurde sich Macron des Fehlers bewusst; hastig trat er vor das Lokal, um die herbeiströmenden Presseleute zu beschwichtigen.

Zuvor waren ganze Kohorten von Motorrädern mit Kameraleuten und Fotografen der dunklen Limousine Macrons durch das nächtliche Paris gefolgt. Bilder, die man ansonsten nur von gewählten Präsidenten kennt. Dann, nach zweistündigem Warten seiner Anhänger, sprang Macron auf die Bühne. Ein Fahnenmeer empfing ihn und seine Frau Brigitte. «Ja, ich wünsche, in zwei Wochen euer Präsident zu werden», rief der 39-Jährige in die euphorische Menge; die Arme hochreissend, sagte er: «Nous allons gagner» – «wir werden gewinnen!»

Macron hatte am Sonntag 24 Prozent der Stimmen erhalten. Auf Platz zwei folgte Marine Le Pen mit 21,3 Prozent. In ihrem Hauptquartier in Hénin-Beaumont in Nordfrankreich bewirkte sie Jubelrufe, aber keinen Begeisterungssturm. Das sei keine Enttäuschung, erklärte die Kandidatin des Front National (FN). Während Macron seine Rede mit Worten wie «Optimismus» und «Hoffnung» spickte und seine Gegner applaudieren liess, giftelte Le Pen gegen ihn, weil er als «Erbe Hollandes» – des sozialistischen Präsidenten – keine wirkliche Wende verspreche.

Die Basis der Fillon- und Mélenchon-Anhänger schwankt

In ersten Umfragen werden Macron für den zweiten Wahlgang am 7. Mai 62 Prozent der Stimmen gutgeschrieben, Le Pen 38 Prozent. Das ist einerseits ein klarer Abstand; er zeigt aber auch das Potenzial der FN-Chefin. Ihr Vater Jean-Marie Le Pen war 2002 mit 16,9 Prozent in die Stichwahl eingezogen, hatte dort aber nur auf 17,8 Prozent zugelegt. Damals funktionierte die «republikanische Front» gegen Le Pen weitgehend.

Auch diesmal rufen die unterlegenen Kandidaten von François Fillon bis Benoît Hamon zum Schulterschluss gegen Le Pen auf; nur der Linke Jean-Luc Mélenchon weigert sich, dem «Ultraliberalen» Macron seine Stimme zu geben. Die Basis schwankt jedoch stärker: Je ein Drittel der Fillon- und Mélenchon-Wähler könnte laut Umfrageinstituten zu Le Pen überlaufen. Das würde ihr aber trotzdem nur knapp 40 Prozent der Stimmen einbringen.

Wenig zu feiern haben die ausgeschiedenen Kandidaten. Die Sozialisten und die Konservativen, die zusammen nur 26 Prozent der Stimmen erreichten, trafen sich gestern zu Krisensitzungen. Bei den Republikanern musste sich Fillon Vorwürfe anhören, er habe eine «unverlierbare» Wahl verloren. Der gemässigte Republikaner Alain Juppé rief zu einem Kurswechsel auf, um nicht nur die Bourgeoisie, sondern auch einfache Wähler zurückzugewinnen. Die Sarkozy-Anhänger hingegen verlangen einen klaren Rechtskurs. Damit steht den Republikanern ein Richtungsstreit ins Haus. Erstmals sei 1958 nicht im zweiten Präsidentschaftswahlgang vertreten, droht die Rechte damit auch die Parlamentswahlen im Juni zu verlieren.

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