Fall Khashoggi

Auftragsmord als Betriebsunfall: Saudi-Arabien ist zunehmend isoliert

Das saudische Königshaus will mit einem abstrusen Teilgeständnis im Fall des ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi den Imageschaden begrenzen. Die Schuld für den Tod Khashoggis soll einzelnen Sicherheitsleuten in die Schuhe geschoben werden. Ein Verhör sei eskaliert. Während Donald Trump seinen Aussenminister Mike Pompeo nach Riad schickte, sagen Vertreter internationaler Konzerne ihre Teilnahme an einem Investoren-Treffen ab. Auch CS-Chef Tidjane Thiam bleibt daheim.

Michael Wrase, Beirut
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Forensiker der türkischen Polizei treffen beim Konsulat Saudi-Arabiens ein. Sie durchsuchten die Räume.

Forensiker der türkischen Polizei treffen beim Konsulat Saudi-Arabiens ein. Sie durchsuchten die Räume.

Keystone

In Beirut und anderen Städten des Nahen Ostens kursieren Fotos, auf denen sauber abgetrennte Arme und Beine zu sehen sind, bei denen es sich angeblich um Teile der Leiche von Jamal Khashoggi handle. Die grauenvollen Aufnahmen, betonen Experten, seien «Fake News». Sie sollen die ohnehin schlechte Stimmung gegen den saudischen Kronprinzen weiter anheizen.

Um der «Verleumdungskampagne» entgegenzuwirken, hat das Regime in Riad seine Verbündeten im Nahen Osten aufgefordert, dem Königshaus mit zum Teil grotesken Lobhudeleien den Rücken zu stärken. So pries der libanesische Grossmufti, Scheich Abdul Latif Deryan, die saudischen Herrscher am Dienstag als «weise, rationale Regenten», die sich nun «Hetztiraden ausgesetzt sähen, welche die Gefühle von einer Milliarde muslimischer Gläubiger zutiefst verletzt hätten.

Regierungssprecher in Bahrain, Abu Dhabi und Kairo verteidigten das Königshaus als einen Grundpfeiler der Stabilität, das sich die Bekämpfung des Terrorismus auf seine Fahne geschrieben habe.

Hilft Trump den Saudis?

Für die mutmassliche Ermordung von Jamal Khashoggi wird keine Erklärung gesucht. Stattdessen verkündeten am Dienstag mindestens acht arabische Staaten hoch offiziell, dass sie, geschehe, was wolle, an der Seite ihrer von «heimtückischen Feinden» angegriffenen saudischen Brüder stünden.

Saudi-Arabien verliert an Unterstützung

CS-Chef Tidjane Thiam geht nicht an Investorenforum in Riad

Während sich die Hinweise verdichten, dass der Journalist Jamal Khashoggi im Gebäude des saudischen Generalkonsulats in Istanbul getötet wurde, gehen international tätige Konzerne auf Distanz zu Riad. Ein Dutzend Firmen aus
der Finanz-, Technologie- und Medienbranche sagten ihre Teilnahme an einer Investmentkonferenz, welche vom 23. bis zum 25. Oktober in der saudischen Hauptstadt Riad stattfindet, bereits in den letzten Tagen ab.

Anders Tidjane Thiam, Chef der Grossbank Credit Suisse. Er hielt seine Teilnahme lange aufrecht. Die CS ist einer von acht strategischen Partnern der Future Investment Initiative, welche die Konferenz organisiert. Thiam ist zudem einer von neun Beiräten. Gestern nun zog Thiam seine Teilnahme gemäss diversen Medienberichten zurück. Eine offizielle Stellungnahme der Bank ging bis zum Redaktionsschluss allerdings nicht ein. Und noch ein weiterer Teilnehmer aus der Schweiz gibt sich zurückhaltend: Ulrich Spiesshofer, Chef des Energie-
und Automatisierungstechnikkonzerns ABB, sagte Riad indes noch nicht ab. «Wir beobachten die Entwicklungen aufmerksam. ABB ist in mehr als 100 Ländern tätig und steht weiterhin zu seiner Verpflichtung, Geschäfte in Übereinstimmung mit den geltenden internationalen Vorschriften zu tätigen», schrieb ein Sprecher auf Anfrage in einem E-Mail.

Der Fall Khashoggi ist auch ein Thema für den Baselbieter Chemiekonzern Clariant. Knapp 25 Prozent der Firma sind im Besitz des saudischen Chemiekonzerns Sabic. Mit Blick auf die aktuellen Spannungen zwischen Saudi-Arabien und den USA sagte der neue Firmenchef Ernesto Occhiello: «Sollte es zu Handelsbeschränkungen oder Sanktionen gegen Saudi-Arabien kommen, könnte das auch Clariant, aber auch sehr viele andere Unternehmen betreffen.» (rit/mka)

Diese befinden sich seit genau zwei Wochen in akutem Erklärungsnotstand. Nicht einmal die Verbündeten in den USA wollen glauben, dass Jamal Khashoggi am 2. Oktober das saudische Generalkonsulat in Istanbul lebendig verlassen hat, wie Riad dies bis heute gebetsmühlenartig beteuert. Um den immensen Imageschaden zumindest zu begrenzen, müsste Riad daher eine glaubwürdigere Version der Ereignisse in Istanbul präsentieren. Das ist bisher nicht geschehen. Nach Informationen von CNN und al-Dschasira plant Riad, den Mord an dem prominenten Journalisten als ein Versehen oder «bedauerlichen Betriebsunfall» darzustellen.

Der Saudi sei während einer zu forsch geführten Befragung kollabiert und dann «völlig unerwartet gestorben». Das «ausser Kontrolle geratene Interview» sei ohne Genehmigung aus Riad geführt worden. Die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen. Die 14 saudischen Geheimpolizisten sowie der Forensiker, die vor der Ermordung des 59-jährigen Journalisten offenbar extra nach Istanbul eingeflogen wurden, fehlen in der revidierten Geschichte. Die mutmasslichen Mörder müssen, der Glaubwürdigkeit halber, vermutlich noch in die Geschichte eingebaut werden. Vielleich lässt deshalb eine überarbeitete Version der Legende wohl noch auf sich warten.

«Kronprinz war besessen»

Trotzdem kann sich der amerikanische Präsident offenbar mit einem Teilgeständnis der Saudis anfreunden. Der saudische König habe im Telefongespräch mit ihm angedeutet, dass «boshafte Killer» am Werk gewesen seien. Salman, so Donald Trump weiter, habe ihm ganz «entschieden» versichert, «von nichts gewusst zu haben». Was vermutlich sogar stimmt. Denn nicht der demente Saudi-König, sondern dessen Lieblingssohn und Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS) hält in Riad das Heft des Handelns fest in der Hand.

Fast alle Experten gehen fest davon aus, dass er auch die Ermordung von Jamal Khashoggi befohlen hat. «MBS war geradezu besessen von dem Gedanken, mit Khashoggi auch das letzte Schwergewicht unter den Regimekritikern zu liquidieren», sagte ein in Beirut akkreditierter Diplomat aus der arabischen Golfregion im Gespräch mit dieser Zeitung: «Und er geht noch immer fest davon aus, dass die Amerikaner diesen Mord auch schlucken werden.»

Tatsächlich sind die USA im Nahen Osten auf Saudi-Arabien als Bündnispartner im Ringen mit Iran angewiesen. Von einer Schwächung der Allianz könnte Teheran profitieren. Das heisst aber nicht, dass Washington seine Nahostpolitik ausschliesslich auf den als unberechenbar und impulsiv beschriebenen Königssohn abstützen muss.

Als strategische Partner von Riad sind die USA in Saudi-Arabien blendend vernetzt. «Mittelfristig», so arabische Diplomaten in der libanesischen Hauptstadt, «dürften die Amerikaner nach Wegen suchen, um MBS kaltzustellen oder ihn loszuwerden.» Mit einem wie ihm könnten die USA im Nahen und Mittleren Osten auf Dauer keine erfolgreiche Politik machen. Ob im Jemen, gegen Katar oder nun in Istanbul, wo auch immer «MBS» etwas anpacke, «sei der Schaden sehr viel grösser als der Nutzen».