Frankreich
Augenschlitz statt Gesichtsgitter: Das Burka-Verbot existiert nur auf dem Papier

Fünf Jahre nach seiner Einführung erweist sich das Burka-Verbot als eher symbolisch. Die Polizei verhält sich flexibel. Und die Trägerinnen bezahlen die Bussen ohnehin nicht selbst.

Stefan Brändle, Paris
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Bewusste Provokationen – Burka-Trägerin vor einer Polizeistation in Paris.Gonzalo Fuentes/REUTERS

Bewusste Provokationen – Burka-Trägerin vor einer Polizeistation in Paris.Gonzalo Fuentes/REUTERS

REUTERS

Seit April 2011 ist es in Frankreich verboten, sein Gesicht in der Öffentlichkeit zu verhüllen. Im Visier sind – auch wenn das nicht offen gesagt wird – jene Muslima, die ihren Körper von den Fingern bis zur Nasenspitze bedecken. Sie tragen meist einen Nikab, der im Unterschied zur afghanischen Burka kein Gesichtsgitter hat, sondern einen Augenschlitz freilässt. Im Volksmund hat sich dennoch der Begriff «Burka-Verbot» durchgesetzt.

Nur 600 Frauen erhielten Bussen

Die Bilanz ist relativ bescheiden: In fünf Jahren wurde die Busse von 150 Euro insgesamt nur 1500-mal ausgesprochen, im Durchschnitt also 300-mal pro Jahr. Das allein zeigt die geringe Verbreitung des Phänomens – bei schätzungsweise fünf Millionen Muslimen in Frankreich. 1500 Bussen bedeutet zudem nicht, dass 1500 Frauen betroffen wären. Nach Polizeiangaben erhielten nur 600 Frauen einen Busszettel – viele von ihnen mehrfach. Zwei besonders renitente Burka-Trägerinnen wurden im vergangenen Jahr insgesamt mehr als 50-mal gebüsst. Das zeigt auch, dass viele der betroffenen Frauen nicht so sehr auf Betreiben ihrer Ehemänner, sondern sehr bewusst «als Provokation oder als Zurschaustellung» handeln, wie ein Polizeisprecher meinte. Ein Drittel der Burka-Trägerinnen sollen Konvertitinnen sein. Pariser Medien fragen heute, ob diese seltenen Einzelfälle das mediale Tamtam um das Burka-Verbot überhaupt verdient hätten. Laut Umfragen wird das Gesichtsverhüllungsverbot aber weiter von einer Mehrheit der Franzosen begrüsst.

Seitdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte das Burka-Verbot 2014 gebilligt hat, ist die Debatte in Frankreich abgeflaut. Das streng laizistische Land hält an dem prinzipiellen Verbot fest, legt aber in der täglichen Umsetzung eine beträchtliche Souplesse an den Tag. In den Vorstadtquartieren schauen die Polizisten gerne weg, wenn es sich nicht gerade um Überzeugungstäterinnen handelt.

Unternehmer bezahlt die Bussen

Zudem wissen die Behörden, dass die Frauen die Bussen gar nicht selber zu zahlen brauchen. Ein algerischstämmiger Unternehmer namens Rachid Nekkaz, der sich als gemässigter Laizist bezeichnet, aber gegen das Verschleierungsverbot ist, übernimmt die Bezahlung. Er hat nach eigenen Angaben schon 900 Bussen in Frankreich bezahlt, dazu 120 in Belgien, wo das öffentliche Nikab-Tragen ebenfalls untersagt ist.

Das Reiseland Frankreich, das durch die Terroranschläge des vergangenen Jahres schon zahlreiche Touristen – besonders in Paris – verloren hat, will auch nicht die zahlungskräftigen Touristinnen aus der Golfregion verlieren. Eine reiche Besucherin aus Saudi-Arabien, die trotz Nikab unschwer zu erkennen ist, wird in der Hotellobby ihres Luxushotels nicht angehalten, und auch das Taxi lässt man sie problemlos besteigen.