Aus Angst verjagen sie die Helfer: Wenn Ärzte und Gesundheitsfachkräfte plötzlich zur vermeintlichen Gefahr werden

In Lateinamerika und Spanien schlägt die Dankbarkeit gegenüber Ärzten mancherorts in blanken Hass über. Eine gefährliche Entwicklung.

Sandra Weiss aus Puebla und Manuel Meyer aus Madrid
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Wird immer häufiger angegriffen: Mexikos Ärzteschaft.

Wird immer häufiger angegriffen: Mexikos Ärzteschaft.

Bild: Imago (Mexiko-Stadt)

In Europa sind sie Helden und bekommen Applaus, in Mexiko müssen sie sich vor Angriffen in Schutz nehmen: Die Ärztinnen und Pfleger, die an vorderster Front gegen die Pandemie kämpfen. «Unverantwortliche Schlampe» ist nur eine der Beleidigungen, die Krankenschwester Sofia Cortés aus Mexiko-Stadt dieser Tage zu hören bekommt, wenn sie in den Bus steigt.

Ihr Kollege Abdel de la Rosa fährt wegen der schrägen Blicke und abfälligen Bemerkungen deshalb lieber Taxi, auch wenn dafür sein halber Lohn draufgeht.

Noch schlimmer traf es die Ärztin Sandra Alemán aus San Luis Potosí. Sie wurde vor einem Supermarkt von einer hysterischen Frau geschlagen und zu Boden gestossen, eine Kollegin wurde mit Chlor überschüttet. Einer Ärztin einer abgelegenen Gesundheitsstation im Bundesstaat Oaxaca wurde nach Ausbruch der Pandemie wegen vermeintlicher Ansteckungsgefahr die Wohnung gekündigt, ihre Kollegen werden im örtlichen Tante-Emma-Laden nicht mehr bedient.

Spital rät Mitarbeitenden, in Zivilkleidung zur Arbeit zu kommen

Im nördlichen Bundesstaat Nuevo León zündeten aufgebrachte Nachbarn ein Spital an, das kurz zuvor zum Zentrum für die Behandlung von Coronapatienten umfunktioniert worden war. Sie fürchteten, dieses könne die ganze Nachbarschaft infizieren.

Seither patrouillieren Polizei und Nationalgarde regelmässig in der Nähe von Krankenhäusern. Aber nicht nur Mexiko ist betroffen: In Kolumbien darf der Anästhesist Santiago Osorio in seinem Wohnblock auf Anweisung der Verwaltung weder den Aufzug noch den Gemeinschaftsgarten betreten; in Argentinien bekam der Gynäkologe Leandro Goñi Besuch von seinen Nachbarn, die ihn aufforderten, wegen Ansteckungsgefahr seine Praxis zu schliessen.

Von Panama bis Chile berichten Krankenschwestern und Ärzte über anonyme Drohbriefe und von Bus- und Taxifahrern, die sie einfach stehen lassen.

Hintergrund für die Angriffe ist eine in Lateinamerika weitverbreitete Mischung aus Wut und falschen Ängsten in der Bevölkerung. Viele Krankenhäuser raten ihrem Personal inzwischen dazu, in Zivil zur Arbeit zu kommen. Die Gewerkschaft der mexikanischen Krankenpfleger und einige Bundesstaaten haben begonnen, Minibusse anzumieten, um den Personaltransport sicherzustellen.

Vorschlag aus Mexiko: 25 Jahre Haft für Angriffe auf Ärzte

Wie viele andere Länder der Gegend ist Mexiko dringend auf die eh schon knappe Zahl der medizinischen Fachkräfte angewiesen. Bereits liegt deshalb ein neuer Gesetzesentwurf vor. Wer Gesundheitspersonal angreift, soll demzufolge mit bis zu 25 Jahren Haft bestraft werden können.

Doch nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in Spanien scheint die allgemeine Solidarität mit dem Gesundheitspersonal mancherorts in Hass überzugehen. Das bekam Silvana Bonino aus Barcelona zu spüren. Als die Gynäkologin morgens zur Arbeit ins Krankenhaus fahren wollte, fand sie ihren Wagen in der Hausgarage, mit zerstochenen Reifen vor. Auf dem weissen Lack der Seitentür war in grossen, schwarzen Buchstaben «infizierte Ratte» gesprayt.

Gynäkologin Silvana Bonino wurde von ihren Nachbarn als "infizierte Ratte" betitelt. (Bild: Keystone)

Gynäkologin Silvana Bonino wurde von ihren Nachbarn als "infizierte Ratte" betitelt. (Bild: Keystone)

Auch der Arzt Jesús Monllor aus dem zentralspanischen Alcázar de San Juan wurde jüngst Opfer einer nachbarschaftlichen Drohung. Als er nach einer Zwölf-Stunden-Schicht im Spital nach Hause kam, fand er an seiner Wohnungstür einen Zettel. Darauf stand: «Hallo, Nachbar. Wir wissen um Deine gute Arbeit im Krankenhaus.

Aber Du musst auch an Deine Nachbarn denken. Es gibt hier Kinder und alte Menschen. Es gibt ein Hotel, in dem sie Fachkräfte unterbringen. Solange das andauert, bitte ich Dich, darüber nachzudenken.» Der Grund für die dezente Drohung waren wohl berichte über das hohe Ansteckungsrisiko, dem Ärztinnen und Pfleger ausgesetzt sind. Offiziell infizierten sich in Spanien bereits über 25000 bei der Pflege von Erkrankten in Kliniken.

Doch nicht nur das Gesundheitspersonal gerät immer häufiger ins Fadenkreuz der Nachbarn. Im südspanischen Cartagena wurde die Kassiererin Miriam Armero von ihren Nachbarn mit einer handgeschriebenen Botschaft im Hausflur darum gebeten, sich doch bitte eine andere Wohnung zu suchen.

Armero war empört und hängte ein Antwortschreiben daneben, auf dem sie ihre Nachbarn daran erinnert, dass sie und alle anderen Supermarktangestellten sich täglich einem hohen Risiko aussetzen, nur damit der Rest der Einwohner überhaupt etwas zu Essen und Trinken hätten.