Nordkorea

Aus der Küche des Diktators: «Kim Jong Un war wie mein Sohn»

Kenji Fujimoto, der Hilfskoch von Vater Kim Jong Il, beschreibt, wie er den jungen Kim Jong Un «bemutterte». Seine Schilderung macht auch deutlich, dass es den Diktatoren an nichts fehlt, während das Volk hungert.

Daniel Kestenholz, Bangkok
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Jung-Diktators «Kindermädchen»: Kenji Fujimoto bei der Vorstellung seines Buchs über die Kim-Familie.Rodrigo Reyes Marin/KeYSTONE

Jung-Diktators «Kindermädchen»: Kenji Fujimoto bei der Vorstellung seines Buchs über die Kim-Familie.Rodrigo Reyes Marin/KeYSTONE

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Immer sind es die Köche: Schon der italienische Pizzabäcker Ermanno Furlanis, der in den 90er-Jahren für Nordkoreas Diktator Kim Jong Il kochte, hatte aus dem Esszimmer geplaudert. Kim Jong Il liess es sich gut gehen und schwelgte in lukullischen Genüssen, während sein Volk Hunger litt.

Kims Sohn, Jungdiktator Kim Jong Un, steht dem Vater offenbar in nichts nach. Das sagt uns der japanische Sushi-Koch Kenji Fujimoto, der an der Seite von Furlanis mehr als ein Jahrzehnt für Kim Jong Il arbeitete und dabei zum Vertrauten des jüngsten Kim-Sprosses wurde.

Den Nordkoreanern geht es dreckig. Das sagt ein aktueller UNO-Bericht über die Zustände im Kim-Reich. Man fühlt sich an Exzesse in Nazi-Lagern erinnert. Auf Bagatellen steht der Tod, Mütter müssen ihre eigenen Babys töten, ganze Familien landen in Arbeitslagern.

Eine Satellitenaufnahme der Nasa, die das nächtliche Nordkorea praktisch in völliger Dunkelheit zeigt, während die nachbarlichen China und Südkorea hell erstrahlen, macht deutlich, dass es den Nordkoreanern am Lebensnotwendigen mangelt: Strom und damit auch Wärme im harten nordostasiatischen Winter.

«Fast Kims Kindermädchen»

An nichts mangelt es dagegen dem dritten Spross der Kim-Dynastie, der schon im Alter von sieben Jahren einen Mercedes fahren lernte – mit einem Kästchen unter dem Fuss, damit er bis zu den Pedalen reichte.

Dies ist nur eines der intimen Details, von denen Fujimoto erzählt. Er, der «fast wie ein Kindermädchen» für Kim war, dem er aus Peking neben Delikatessen eigens Big Macs einflog. Kim, erzählte Fujimoto der britischen «Mail on Sunday», soll schon als Teenager flaschenweise feinsten russischen Wodka getrunken und im Geheimen geraucht haben, bevor er mit 15 auf eine Schule in der Schweiz geschickt wurde.

Wenigstens musste er 18 werden, bis er zurück in der Heimat die «Freudenbrigade» von Papa kennen lernte: bildhübsche, singende Mädchen, die im Hause Kim für Striptease, Massage und erotische Gefälligkeiten zuständig waren. Doch Kim junior, so Fujimoto, sei das Gegenbild seines sexbesessenen Vaters gewesen. Eine Freundin habe er nie gehabt. Eine Frau sei ihm genug gewesen – nämlich seine Gattin Ri Sol Ju, die auf neueren Aufnahmen wieder das gleiche Umstandskleid tragen soll wie vor der Geburt ihrer Tochter Ende 2012; dem Jahr, in dem Fujimoto nach Pjöngjang zurückgekehrt war.

2001 geflohen, 2012 wieder zurück

2001 war er Hals über Kopf in seine japanische Heimat geflohen. Gerüchten zufolge soll er den japanischen Geheimdienst mit wertvollen Informationen aus dem innersten Kreis der Diktatur versorgt haben. 2012 liess Kim Jong Un nach seinem «Kindermädchen» schicken. Fujimoto habe zwar um sein Leben gefürchtet. Mit seiner Flucht hatte er Kim verraten, der im Dezember 2011 nach dem Tod seines Vaters an die Macht gekommen war. Doch Kim umarmte und verzieh ihm. Mit rotem Burgunder stiessen sie auf die alte Freundschaft an. «Ich war ihm am nächsten, als er jung war», erinnerte sich Fujimoto. «Er war wie mein Sohn.»

Der impulsive Kim Jong Un soll von seinem Vater schon als Kind für die Thronfolge auserkoren worden sein. Jong Uns älterer Bruder Jong Chul galt dem Vater als «verweiblicht» und der älteste der drei Brüder, Kim Jong Nam, fiel 2001 in Ungnade, als er mit einem gefälschten dominikanischen Pass das Disneyland in Tokio besuchen wollte, verhaftet und abgeschoben wurde.

Keine dritte Rückkehr

Ein drittes Mal, so Fujimoto, werde er nicht nach Nordkorea zurückkehren. Dies, obwohl er schon bei seiner Flucht 2001 Frau und Kind im Land zurückliess. Seit der Hinrichtung von Kim Jong Uns Onkel im Dezember fürchte er wieder um sein Leben: «Jong Un könnte zurücknehmen, dass er meinen Verrat vergessen habe, und mir antun, was er Jang Song Taek antat», so Fujimoto: «Mich verschwinden lassen, als hätte ich nie existiert.»