Recycling
Aus Plastiksäcken werden im Togo Portemonnaies

Herumliegende Plastiktüten stellen in Afrika eine Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt dar. Darum haben im Togo Frauen begonnen, daraus Taschen und Portemonnaires zu häkeln. So leisten sie ihren Beitrag um Umweltschutz und verdienen auch noch Geld.

Christine Bertschi
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Frauen im Togo häkeln aus Plastiksäcken Taschen und Portemonnaies.

Frauen im Togo häkeln aus Plastiksäcken Taschen und Portemonnaies.

Christine Bertschi

Man nehme ein paar Plastiksäcke, wasche und trockne sie, schneide sie in Ringe, verschleife die Ringe ineinander und beginne damit zu häkeln. Mit etwas Geduld und Übung entstehen so Taschen, Portemonnaies und Schlüsselanhänger. In allen Farben, die sonst auf der Müllhalde anzutreffen sind. Denn die Müllhalden sind das Schicksal einmal benutzter Plastiktütchen; an Strassenrändern, auf Maisfeldern und in Büschen finden sie sich wieder.

Fünf Frauen aus Benin wollen das ändern. Auf Workshops zeigen Odile Sannou und ihre vier Assistentinnen, wie Plastik recycelt und gleichzeitig neuer Abfall verhindert werden kann. Diese Woche fuhren die Beninerinnen zum ersten Mal in ihr Nachbarland Togo. Dort ist das Problem genauso präsent wie in ihrer Heimat - eine Müllabfuhr oder Kehrichtanlage sucht man vergebens.

Die Plastiksäcke in der Natur stören Odile Sannou seit langem: «Doch eine Lösung fanden wir nicht. Es war eine Deutsche aus der Entwicklungszusammenarbeit, die uns die Technik vor vier Jahren beigebracht hat.» Heute bilden Plastikhäkeln und Workshops für die Schneiderin ein zweites Standbein. Doch bevor in ihren Kursen mit dem Häkeln begonnen wird, will Sannou ein Verständnis für die verschiedenen Arten von Abfall schaffen. Sie erklärt den Frauen, dass abgeknabberte Maiskolben, Bananenschalen und Hühnermist zu Komposterde werden können. Und warnt, dass Konservendosen, Batterien und leere Ölkanister eine Gefahr für die Umwelt darstellen.

Ziegen sterben an Plastiktüten

Erst nach dieser Einführung kommt Sannou auf ihr eigentliches Motiv zu sprechen: «Ihr geht auf den Markt, kauft Tomaten, Reis, Orangen. Was macht die Verkäuferin?», fragt sie in die Runde. Die Antwort kennen alle, jedes Produkt wird separat in ein oder mehrere Plastiktütchen gepackt. Auch die nächste Frage beantworten die Frauen einhellig: Die gebrauchten Tütchen schmeisse man weg, bestenfalls etwas entfernt vom Haus. Den meisten ist klar, dass dies nicht gut sein kann. Doch Alternativen kennen sie nicht.

Sannou erläutert die Folgen dieses Verhaltens lebensnah: «Wenn deine Ziege an einem Plastiktütchen Salz riecht, frisst sie es. Und morgen ist deine Ziege tot, weil der Plastik ihren Darm verstopft hat.» Und endlich präsentiert Sannou ihre Lösung: Taschen, Etuis und Armbänder, gehäkelt aus den gebrauchten Plastiktütchen.

50 Frauen nahmen am dreitägigen Workshop in der Stadt Sokodé im Zentrum des Togos teil. Einige haben schon im Fernsehen von ähnlichen Projekten gehört: «Ich wusste, dass Frauen in Benin mit Plastikschnüren häkeln. Doch dies ohne Anleitung nachzumachen, gelang mir nicht», erklärt die 52-jährige Derman Yatessou. Und Monifa Baou, Lehrerin in Sokodé, ergänzt: «Ich will mein Wissen nun weitergeben. Wenn ich meine Häkeltasche trage, werden mich die Kolleginnen darauf ansprechen, und ich kann sie anlehren.»

Häkeltreffs als Umweltschutzidee

Am zweiten Tag kommen die meisten Frauen mit schon fast fertigen Taschen an. Sannou zeigt, wie Henkel gehäkelt und Reissverschlüsse eingenäht werden. Viele Frauen haben Freundin, Schwester oder Tochter mitgebracht, denn die Idee gefällt: Aus Abfall etwas produzieren, was man brauchen oder sogar verkaufen kann.

Die Teilnehmerinnen schmieden Zukunftspläne: Familie und Nachbarschaft sollen beim Plastiksammeln helfen, Häkeltreffs jeden Sonntag stattfinden. Und die 19-jährige Maimouna Idrissou, eine der flinksten Häklerinnen, meint: «Vielleicht kann ich mich damit eines Tages selbstständig machen, eine kleine Manufaktur gründen und die Fabrikate in einer Boutique verkaufen.»

Der Umgang mit dem Abfall ist im Togo nicht nur eine Knacknuss für Politik und Nicht-Regierungs-Organisationen, sondern letztlich eine Frage der Sensibilisierung der Bevölkerung. Denn Plastik liegt im Trend. Wenn vor wenigen Jahrzehnten noch die meisten Waren in Teakblätter gepackt und in Körben aus Palmwedel transportiert wurden, will man heute mit der Zeit gehen und zeigt sich gerne mit Plastiktüte. Und in Zukunft hoffentlich öfter mit einer gehäkelten Plastiktasche.