Auschwitz soll ewig warnen: 200 Holocaust-Überlebende nahmen an der Gedenkfeier im ehemaligen KZ teil

Die Feier zum 75. Jubiläum der Auschwitz-Befreiung kam nicht ohne politischen Seitenhieb aus.

Paul Flückiger aus Warschau
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Israels Präsident Reuven Rivlin (links) und Polens Präsident Andrzej Duda.
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Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit seiner Ehefrau.
Rund 200 Holocaust-Überlebende haben an der Auschwitz-Gedenkfeier teilgenommen.
Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga gedenkt der Opfer.
Auschwitz-Überlebende legen im Gedenken an die Opfer Kränze nieder.
Ein Schauspieler trägt die gestreifte Uniform der Häftlinge am Gedenktag in Auschwitz-Birkenau.
Blumen werden in der Dresdner Strasse in Blumen niedergelegt.
Überlebende gedenken der Opfer des Holocausts.
Auch in Madrid wird am 75. Jahrestag eine Rede gehalten.
Eine weisse Rose liegt auf einer der Stelen beim Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Israels Präsident Reuven Rivlin (links) und Polens Präsident Andrzej Duda.

Bild: EPA

Polens Präsident Andrzej Duda hat den 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am Montag zum Anlass genommen, um für das Andenken an die deutschen Gräueltaten und gegen Geschichtsverfälschung zu mahnen. «Lasst uns die gemeinsame Verpflichtung eingehen, die Botschaft und die Warnung für die Menschheit, die von diesem Ort ausgehen, in die Zukunft zu tragen», forderte er vor über 50 Regierungsdelegationen, darunter Israels Präsident Reuven Rivlin, Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundesratspräsidentin Simonetta Sommaruga.

Im Zentrum der Gedenkfeier im ehemaligen KZ standen die Überlebenden des Holocaust. Gesenkten Hauptes schritten Duda und seine Ehefrau Agata Kornhauser die erste Reihe von noch rund 200 Auschwitz-Überlebenden ab und schüttelten Dutzende von Händen.

Ganz ohne politische Sticheleien ging die Feier aber nicht über die Bühne. Duda nutzte die Gunst der Stunde zu einem wohlkalkulierten Seitenhieb nach Russland, mit dem Polen sich seit ein paar Monaten um die Rolle der Sowjetunion und Polens im Zweiten Weltkrieg streitet. Der am Montag in Auschwitz abwesende russische Amtskollege Wladimir Putin hatte Polen Ende 2019 einer Mitschuld am Krieg der Nationalsozialisten und auch dem Holocaust zugeschrieben. In Auschwitz warnte Duda: «Der instrumentelle Einsatz Auschwitz’ für irgendwelche andere Ziele kommt einer Schändung der Opfer gleich.»

Und was, wenn alle Zeugen gestorben sein werden?

Sehr berührend waren die Erinnerungen von vier Auschwitz-Überlebenden, darunter der erblindeten 84-jährigen Hamburger Elsa Baker. Die letzten Zeitzeugen kämpften mit Tränen, der Anspannung und Erinnerungen und oft auch mit den Notizen. «Ich spreche ab jetzt nur noch gemäss meinem Herzen», gab sich Batsheva Dagan aus Israel schliesslich geschlagen. Die polnische Jüdin war als Teenager nach Auschwitz deportiert worden, bekam dort die Häftlingsnummer 45554 auf den Unterarm tätowiert und erzählte, wie sie zuerst kahl geschoren wurde und welche Arbeiten sie im Vernichtungslager verrichten musste. Sie erinnere sich an die Schläge der deutschen Aufseherin und den Todesmarsch kurz vor der Befreiung durch die Rote Armee. Die spätere Kindergärtnerin Dagan erzählte, wie Rachegedanken ihr im Lager Kraft gaben und wie ihr eine Jüdin aus Belgien französisch beigebracht habe. «Etwas zu lernen, etwas zu machen, was ich will, half mir damals sehr», sagt sie in ihrer langen Rede.

Der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, beklagte die mangelnde Hilfe und Aufnahme jüdischer Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg, überbürdete die Verantwortung für das Böse explizit «Deutschland und Österreich gemeinsam» und kritisierte mit Blick auf heute die Unterstützung von UNO-Resolutionen gegen den heutigen Staat Israel. Museumsdirektor Piotr Cywinski wagte am Ende einen Ausblick auf eine Zukunft ohne Zeitzeugen: Schlimmer als das Vergessen sei ein Erinnern ohne Konsequenzen, warnte der Pole. «Die Gerechten unter den Völkern haben weder Likes vergeben noch Internet-Petitionen unterschrieben, sondern unter dramatischen Umständen Gutes getan», so Cywinski. Die Gedenkfeier endete mit deutlicher Verspätung mit einem ökumenischen Gebet für alle Opfer.

KZ-Besuche sollen für deutsche Schüler Pflicht werden

Nur jeder fünfte Deutsche (21 Prozent) hat die Gedenkstätte des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau schon einmal besucht. Das hat eine am Montag veröffentlichte Umfrage ergeben. Vor allem ältere Deutsche tun sich mit der Aufarbeitung der Gräuel ihrer Vorfahren offenbar schwer: Von den 18- bis 24-Jährigen haben zwei Drittel bereits einmal eine KZ-Gedenkstätte besucht. Von den über 49-Jährigen lediglich 49 Prozent.

Nicht zuletzt deshalb wird der Ruf in Deutschland lauter, dass ein Besuch eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers für deutsche Schüler Pflicht werden soll. In der erwähnten Umfrage sprechen sich 54 Prozent der Deutschen dafür aus, KZ-Besuche zum Pflichtprogramm für alle deutschen Schülerinnen und Schüler zu erklären. 34 Prozent der Befragten sind gegen solche Pflichtbesuche. In derselben Umfrage äusserte allerdings auch mehr als ein Fünftel der Befragten (22 Prozent) die Meinung, der Holocaust spiele in der deutschen Erinnerungskultur eine zu grosse Rolle. Die Forderung, KZ-Besuche in den deutschen Lehrplan aufzunehmen, stellte der Zentralrat der Juden bereits vor einigen Jahren auf.

Derweil wandte sich die heute in Hamburg lebende Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano anlässlich des 75. Jahrestages der Auschwitz-Befreiung in einem offenen Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bejarano fordert Deutschland dazu auf, den 8. Mai zum offiziellen Feiertag zu erklären. Am 8. Mai endete der Zweite Weltkrieg in Europa offiziell, nachdem Deutschland die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet hatte. Diesen Tag zum Feiertag zu erklären, würde dabei helfen, «zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war», so Bejarano. Die 95-Jährige sorgt sich um die Entwicklung in Deutschland. «Es ist für uns Überlebende unerträglich, wenn heute wieder Naziparolen gebrüllt werden, wenn Menschen durch die Strassen gejagt und bedroht werden, wenn Todeslisten kursieren», schreibt Bejarano in dem Brief.

Christoph Reichmuth aus Berlin