Ecuador
Ausgerechnet die Gesetzeshüter brachen das Gesetz

Wie der Auslandschweizer Silvio Dohner die jüngste Gewalteruption in der Hauptstadt Ecuadors hautnah erlebte.

Silvio Dohner
Merken
Drucken
Teilen

Meine Frau und ich sitzen auf dem Boden, so weit wie möglich vom Fenster entfernt. Es knattert laut um uns herum. Dann eine kurze Stille, bevor weitere Schüsse fallen und gedämpfte Detonationen ertönen. Unser Hund zuckt bei jedem Krachen zusammen, während wir ergriffen zum Fernseher schauen. Wir verfolgen live die Aufnahmen des staatlichen Senders, der die Geschehnisse der Befreiungsaktion des Präsidenten Ecuadors in die Wohnzimmer der Nation überträgt. Um uns lärmt es weiter. Ich spüre, wie meine Frau neben mir zittert, und stelle fest, dass ich selber auch ungewollt zittere. Es ist nicht nur die Nervosität, die uns heimsucht. Es ist die tragische Einsicht, dass nun doch Blut vergossen wird.

Die ganze Nachbarschaft ist mucksmäuschenstill. Wir fühlen mit den Zivilisten im Spital mit. Ein Reporter berichtet über sein Handy direkt aus dem Krankenhaus. Es werde wild um sich geschossen. Mit flatteriger Stimme erzählt er, Ärzte, Personal und Patienten hätten sich in den Zimmern eingeschlossen und verbarrikadiert. Tränengas in den Gängen. Sein Handy überträgt Schüsse. Armee und aufständische Polizisten bekämpfen sich. Letztere halten den Präsidenten fest.

Im Fernseher ist zu sehen, wie Spezialeinheiten des Militärs das Spital stürmen. Ein Geländewagen eilt herbei. Wir sehen, wie Soldaten den Präsidenten ins Auto zerren und es davonbraust. Ein Soldat fällt zu Boden. Kameraden eilen zu ihm. Am Tag darauf werden wir erfahren, dass dieser Mann, 26 Jahre alt, einer der vier Toten dieses beklemmenden Ereignisses ist. Der Präsident ist befreit. Auf sein Auto wird geschossen, aber er entkommt. Bei uns erklingen weiterhin Schüsse. Zwei grosse Detonationen lassen die Scheiben klirren. Dann ist es vorbei.

Zwölf Stunden zuvor erfuhr ich, dass die Polizisten in ganz Ecuador zu einem Streik aufgerufen hatten und Präsident Rafael Correa in einem Spital gefangen hielten. Sie waren der Meinung, ein am Vortag von der Nationalversammlung verabschiedetes Gesetz würde ihre Löhne kürzen. Die grosse Mehrheit hatte es gar nicht gelesen. Das Gesetz sieht nämlich das Gegenteil vor: bessere Löhne und gerechte Arbeitsbedingungen. Ignorantentum, das Tote fordern würde.

Ich liess die Arbeit liegen und fuhr schleunigst nach Hause. Unsere Wohnung ist nur zweihundert Meter vom Spital entfernt, in dem der Präsident festgehalten wurde. Vor uns liegt die «Occidental», die Hauptstrasse, die direkt zum Spital führt. Vor der Spitaleinfahrt stellten die Polizisten eine Barrikade auf. Die Situation in Quito eskalierte. Es sprach sich herum, dass die Polizisten Zivilisten grundlos mit Tränengas und Gummigeschossen angegriffen hatten. Wirre Gerüchte und Behauptungen kursierten. In der ganzen Stadt häuften sich die Demonstrationen.

In ganz Quito lieferten sich empörte Bürger Strassenschlachten mit aufständischen Uniformierten. Auch bei uns. Tränengasgranaten drangen bald bis zu unserem Häuserblock vor, als die Polizei versuchte, die wütenden Anwohner zu vertreiben. Wut staute sich auch bei uns an. Nachbarn begannen, die Polizisten zu beschimpfen und mit ihren Handys zu filmen. Die Sicherheitskräfte antworteten mit Tränengas. Zwei Geschosse landeten direkt neben uns. Rauch breitete sich aus. Unsere Augen brannten und wir schnappten mühevoll nach Luft. Anwohner versperrten die Einfahrt zu unseren Häusern mit Gerümpel aus ihren Kellern. Doch angesichts der bitteren Kälte der einfallenden Nacht und der Erschöpfung beruhigten sich die Gemüter. Die Polizei zog ab.

Plötzlich erklang ein Rattern. Es wurde immer lauter. Eine halbe Stunde später war der Präsident befreit.

Die Meuterei der Polizei forderte 8 Tote und um 280 Verletzte. Man kann Correas Standhaftigkeit als «theatralischen Auftritt» bezeichnen, wie ich in einem Zeitungsbericht las. Für ihn war es aber ein Sieg. Zum einen, weil er sich bis zum Schluss nicht einschüchtern liess. Zum anderen, weil die internationale Gemeinschaft ihm von Anfang an ihre Unterstützung zusagte. Das wäre bei einem Umsturzversuch in Kuba oder Venezuela wohl anders gewesen. Man kann Correa vieles vorwerfen. Ihn als Diktator zu bezeichnen, wie seine Kontrahenten das gerne tun, das geht nicht. Er ist autoritär, gewiss. Aber ein skrupelloser «Caudillo» wie Nicaraguas Somoza oder Chiles Pinochet ist er auf keinen Fall.

Das brutale und verfassungswidrige Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten und eigene Kollegen und die Dienstverweigerung haben dieser Institution hingegen zweifelsohne geschadet. Dem ohnehin schlechten Ruf der «Chapas», wie die Polizisten geringschätzig in der Bevölkerung genannt werden, summiert sich nun die Schande, als «Verräter des Volkes» dazustehen.

Am Wochenende ist die Stadt zu ihrer Normalität zurückgekehrt. Abgesehen von Militärpatrouillen verläuft der Alltag vollkommen normal: Hausfrauen trocknen ihre Wäsche auf den Terrassen, lautstarke Musik erklingt aus den Fenstern. Aber es herrscht Entrüstung und Unverständnis darüber, dass ausgerechnet die Gesetzeshüter das Gesetz brachen.

Der unnötig erscheinende Tod von 8 Menschen ist freilich ein Schreck für das friedliche und gastfreundliche Ecuador. Er ist aber auch ein Pyrrhussieg der Demokratie. In den letzten 30 Jahren wurde nämlich mehrmals erfolgreich geputscht. Nicht aber am 30. September 2010. Der demokratische Prozess hat nun endgültig starke Wurzeln in diesem vergleichsweise jungen Land geschlagen – völlig gleich, ob die Reformen sozialistisch klingen oder die Regierung populistisch erscheint.

In seiner Gefangenschaft zitierte Correa dazu Pablo Neruda und ich zitiere ihn auch: «Sie können alle Blumen abschneiden, aber nie werden sie den Frühling verhindern.»