Reportage

Ausnahmezustand auf Italienisch: Ein persönlicher Erfahrungsbericht aus der Sperrzone Rom

Ganz Italien ist seit Dienstag zur «Sicherheitszone» erklärt worden: Das hört sich dramatisch an. In Rom sah die Realität – zumindest am ersten Tag – teilweise noch sehr anders aus. Das Leiden der Geschäfte ist indessen sehr real.

Dominik Straub aus Rom
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Der sonst so belebte Petersplatz in Rom: Fast menschenleer.

Der sonst so belebte Petersplatz in Rom: Fast menschenleer.

Bild: Andrew Medichini / AP (10. März 2020)

Mich hat der Ausnahmezustand im südlichen Latium erreicht, ziemlich genau auf halbem Weg zwischen Neapel und Rom. Das bedeutete für mich am Dienstagmorgen: «Auto-certificazione» von der Homepage des Innenministeriums herunterladen, ausfüllen – und dann ins Auto, um in die Ewige Stadt zu gelangen. Die «auto-certificazione» gehört zu den neuen Notmassnahmen, welche die Regierung am Montagabend erlassen hatte, um die Coronavirus-Epidemie einzudämmen: Jeder Bürger, der seine Wohngemeinde verlässt, muss diesen Passierschein dabei haben, in welcher er den Grund für seine Bewegung von Punkt A nach Punkt B angeben muss. Ich kreuze «lavoro» an, Arbeit. Weitere Gründe sind gemäss dem Formular: «Notlage», «gesundheitliche Gründe» und «Rückkehr an den eigenen Wohnort».

Das Überlebens-Motto: «Ich bleibe zuhause»

«Wir müssen alle auf etwas verzichten. Wir werden die Epidemie besiegen, wenn wir noch drastischere Massnahmen zum Schutz unserer Bürger ergreifen», hatte Ministerpräsident Giuseppe Conte am Montagabend der Nation erklärt. Über allen Massnahmen steht das neue, landesweite Überlebens-Motto: «Ich bleibe zuhause.». Im Grunde handelt es sich beim neuen Notdekret um eine Fotokopie des Erlasses, den die Regierung zwei Tage zuvor in der Lombardei und 14 weiteren Provinzen in Norditalien in Kraft gesetzt hatte. Statt für 16 Millionen Bürgerinnen und Bürger gelten die Restriktionen nun für alle 60 Millionen Italiener. Sämtliche öffentlichen Veranstaltungen sind untersagt, Museen, Kinos, Diskotheken und Pubs bleiben zu; Restaurants und Bars müssen um 18 Uhr schliessen. Schulen und Universitäten haben den Unterricht schon letzte Woche eingestellt.

Korrespondent Dominik Straub.

Korrespondent Dominik Straub.

Meine Reise im Notstandsgebiet Italien, wo offiziell kaum noch Bewegungsfreiheit herrscht, führt zunächst auf der Landstrasse über 40 Kilometer durch drei Städtchen; dann folgen 70 Kilometer auf der Autobahn Neapel-Rom, der Autostrada del Sole. Theoretisch hätte bei jedem Ortseingang ein Kontrollposten stehen müssen, um meinen selbst ausgefüllten Passierschein zu verlangen. Es sind aber weit und breit keine Streifenwagen und Polizisten auszumachen. Auch bei der Auffahrt auf die Autobahn und bei der Mautstation an der Ausfahrt nicht. Auf der Autobahn wälzen sich wie immer lange und dichte LKW-Kolonnen in Richtung Norden und Süden: Der Warenverkehr bleibt uneingeschränkt erlaubt. Die Zahl der Autos scheint ein wenig kleiner zu sein als üblich – aber wenn man nichts von den neuen Massnahmen wüsste, würde das kaum auffallen. Am Ende bin ich 110 Kilometer durch Italien gefahren, ohne einen einzigen Kontrollbeamten zu erblicken. Den Ausnahmezustand hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.

Leere Gassen in Italiens Hauptstadt.

Leere Gassen in Italiens Hauptstadt.

Bild: Alessandro Di Meo / EPA (10. März 2020)

Zahl der Neuinfektionen steigt immer noch rasant

Die Regierung hatte sich zur Ausweitung der zum Teil einschneidenden Massnahmen entschlossen, weil alle zuvor getroffenen Restriktionen nichts gefruchtet hatten: Die Zahl der Infektionen am Coronavirus nimmt in Italien weiterhin rasant zu. Innerhalb von nur 24 Stunden waren am Montag in Italien 97 Menschen an der neuartigen Lungenkrankheit gestorben; damit stieg die Zahl der Todesopfer auf 463. Die Zahl der Infizierten kletterte auf knapp 8000. Die explosionsartige Verbreitung des Virus in Kombination mit den neuen Massnahmen hat am Montagabend im ganzen Land zu panikartigen Hamsterkäufen in den Supermärkten geführt. Conte musste eilends beschwichtigen: «Einkaufen wird nach wie vor erlaubt sein - und die Versorgung der Geschäfte mit Nachschub ist sichergestellt.»

Eine Schlange vor einem Einkaufsladen in Rom.

Eine Schlange vor einem Einkaufsladen in Rom.

Bild: Claudio Peri / EPA

Sichergestellt bleibt auch der öffentliche Verkehr: Züge, Busse und Metros verkehren fahrplanmässig, auch in der 3 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt. Im Römer Quartier Piazza Bologna-Nomentano, wo eine Viertelmillion Menschen lebt, sind alle Geschäfte geöffnet; die Leute gehen einkaufen, mit dem Hund spazieren, in der Bar einen Kaffee trinken. Im Stadtpark Villa Borghese sind Jogger am trainieren; junge Römerinnen und Römer liegen auf den Wiesen und geniessen die warme Märzsonne. Der Verkehr auf den sonst heillos verstopften Verkehrsadern Via Nomentana und Corso d'Italia ist aber flüssiger als sonst: Statt des üblichen Stillstands herrscht stockender Kolonnenverkehr. «Die Epidemie hat auch ihre guten Seiten», sagt ein Busfahrer an der Haltestelle bei der Porta Pia, dem antiken Stadttor im Nordosten Roms: «Man kommt besser voran, und mein Bus ist nur zur Hälfte besetzt und nicht überfüllt wie sonst.»

Die scheinbare Normalität vermag aber nicht darüber hinwegzutäuschen, dass viele Römerinnen und Römer verunsichert sind:

«Ja, ich habe Angst - um mich, meine Familie, meine Grosseltern»,

gesteht die Versicherungsangestellte Alessia und zweifache Mutter, die in einer Bar an der Via Nomentana einen Kaffee trinkt. Ein Problem sei auch die Kinderbetreuung, seit die Schulen geschlossen sind. Sie selber hat Glück, weil die «nonna», die Oma, einspringt. Andere müssten Babysitter engagieren oder sonst irgendwie improvisieren. Viele Arbeitgeber, vor allem im öffentlichen Dienst, haben ihren Mitarbeitern schon letzte Woche die Möglichkeit gegeben, von zu Hause aus zu arbeiten oder gleich ganz frei zu nehmen. Im Vergleich zu Mailand wurden in Rom zwar bisher nur sehr wenige Corona-Fälle registriert. Doch die Angst vor einer Ansteckung hat auch hier dazu geführt, dass kaum noch jemand die Massnahmen der Regierung für übertrieben hält. Im Gegenteil: «Wenn schon, dann kommen sie zu spät - aber im Nachhinein ist man ja immer klüger», betont Alessia.

Ein Paar vor dem sonst belebten Petersplatz im Vatikan.

Ein Paar vor dem sonst belebten Petersplatz im Vatikan.

Bild: Fabio Frustaci / EPA

Relativ wenig Betrieb herrscht am Vormittag auch im Vatikan: Auf der Via della Conciliazione, die vom Tiber zum Petersplatz führt, sind nur wenige Reisegruppen zu sehen; in den Souvenirläden mit den Papst-Kalendern und den Rosenkränzen halten sich kaum Touristen und Pilger auf. «Zum Glück haben die Touristenmassen abgenommen - heute ist man um jeden froh, der das Virus nicht weiter transportiert», betont ein Römer Stadtpolizist, der den verbliebenen Touristen am Eingang zum Petersplatz erklärt, was in Italien und in der Stadt nun noch erlaubt sei. Wichtig sei jetzt einfach, dass man zu den Mitmenschen wie von der Regierung verordnet einen Meter Abstand halte und die Regeln befolge. «Aber eigentlich ist es heute auf der Piazza wie immer, alles ist ganz normal - nur dass es weniger Leute hat», sagt der Beamte.

Leere Geschäfte, wohin man blickt

Am meisten leiden in Rom, wie auch im übrigen Italien, die Geschäfte. «Wir hatten schon in den letzten Tagen, als die Krise noch vorwiegend Norditalien betraf, eine Umsatzeinbusse von 50 Prozent zu verkraften. Heute werden es bis am Abend wohl 80 Prozent sein», betont die Geschäftsinhaberin der Mode- und Handtaschen-Boutique «Tebe» auf der Römer Einkaufsmeile Via del Corso. Sie ist gerade dabei, ein handgeschriebenes Schild anzufertigen, wonach das Geschäft für die nächsten zwei Tage geschlossen werde. Die Inhaberin sagt:

«Mit so wenig Kundschaft hat es keinen Sinn, geöffnet zu bleiben. Und ausserdem habe ich Angst, dass ich mich ebenfalls mit dem Virus anstecken könnte, wenn ich nicht zuhause bleibe.»

Wie ihr geht es den meisten Läden im historischen Zentrum Roms: Leere Geschäfte wohin man blickt.

Am Dienstagnachmittag hiess es, dass die Strassenkontrollen an den Ortseingängen, aber auch innerhalb der Städte und Gemeinden selber, erst am heute Mittwoch voll im Einsatz sein werden. Man wird es ja sehen. Jedenfalls ist es schon erstaunlich, wie sehr sich in Italien, wenn nicht das Leben selber, aber ganz bestimmt das Lebensgefühl geändert hat - und das in wenigen Tagen. Der sonst allgegenwärtige Fussball ist unwichtig geworden - und die Meisterschaft am Montagabend abgesagt.

Drei Nonnen unterwegs in Rom.

Drei Nonnen unterwegs in Rom.

Bild: Andrew Medichini / AP

Die Menschen gehen sich aus dem Weg: In den Läden und in den Banken wurden am Boden eilends farbige Klebestreifen vor den Kassen und Theken angebracht, die den staatlich verordneten Sicherheitsabstand sicherstellen sollen. Und dass man in Italien, wo die Begrüssung normalerweise aus einer Umarmung besteht, sich nun stattdessen mit einer gegenseitigen Berührung der Ellbogen begnügt: Daran wird man sich erst einmal gewöhnen müssen.

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