EM 2016

Baguette und Spiele: «Les Bleus» sind ein Spiegelbild ihres Landes

Die Fussball-EM in Frankreich. Es soll etwas Freude und Hoffnung in trüben Zeiten geben. Doch ob der Funke in der Bevölkerung zünden wird, ist fraglich.

Stefan Brändle, Paris
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Die Französische Nationalmannschaft ist ein Spiegelbild ihres Landes. Im Bild Paul Pogba der zum neuen Zidane werden und Les Bleus den Titel bringen soll.

Die Französische Nationalmannschaft ist ein Spiegelbild ihres Landes. Im Bild Paul Pogba der zum neuen Zidane werden und Les Bleus den Titel bringen soll.

Keystone

Feiern können die Franzosen: Man erinnert sich an die Jubelszenen von 1998, als Zidane «les Bleus» im Stade de France zum WM-Triumph über Brasilien und damit über die ganze Fussballwelt führte.

Die Champs-Élysées mit ihrem Prachtdekor zwischen Triumphbogen und Concorde-Platz erzitterten von der spontan angestimmten Marseillaise aus hunderttausend Kehlen.

18 Jahre später kehrt der Fussballtross nach Frankreich zurück. Die Stadien werden mit 2,5 Millionen Zuschauern gefüllt sein, die Fanmeilen werden sogar für noch mehr Besucher als das Stade de France hergerichtet – allein 100 000 sollen es auf dem Marsfeld beim Eiffelturm sein.

Und doch ist es fraglich, ob der Funke in der Bevölkerung zünden wird. Unsicher, ob die Franzosen das tun werden, was sie so gut beherrschen: Festen, feiern, ihren Idolen zujubeln.

Das Problem ist nicht so sehr spieltechnischer Natur: Wie Marcel Desailly, ein «Held» von der WM 1998, kürzlich sagte, hätten die in den europäischen Spitzenklubs spielenden Stars der «Blauen» durchaus das Zeug zum Europameister. Wo liegt dann das Problem? Eher rundherum, bei der schlechten Verfassung Frankreichs.

Es ist nicht nur das Damoklesschwert des Terrorismus

Die «Grande Nation», seit Jahren immer wieder Opfer mörderischer Terroranschläge (Toulouse 2012, «Charlie-Hebdo» 2015, «Bataclan» und Stade de France Ende 2015), befindet sich verfassungsrechtlich immer noch im Ausnahmezustand.

Militärpatrouillen prägen das Strassenbild, und nicht nur das Stade de France mutiert zum Hochsicherheitstrakt. Wird das auf den Tribünen auf die Stimmung drücken, werden die schwer kontrollierbaren Fanmeilen halb leer bleiben?

Sicher ist, dass Frankreich nicht nur unter dem Damoklesschwert des Terrorismus leidet. Sozialpolitisch brodelt es mit Streiks, Bahnblockaden und Tankstellen-Sperren.

Und das ist nur die sichtbare Seite des französischen Übels: Die Arbeitslosigkeit, die für fünf Millionen Franzosen und ihre Familien ein Drama ist, verharrt auf mehr als 10 Prozent – ein Rekordniveau.

Nicht von ungefähr ist der Front National, dieser Affront gegen die Werte der Republik, die stärkste Partei Frankreichs. Marine Le Pen will im Mai 2017 in den Élysée-Palast einziehen.

Etwas Freude und Hoffnung in trüben Zeiten

Für die gebeutelte Nation, allen voran ihren Präsidenten, kommt das Fussballfest gerade recht. Wahlmonarch Hollande will seinen Untertanen Baguette und Spiele geben, also etwas Freude und Hoffnung in diesen trüben Zeiten der Dauerkrise.

Und die Franzosen wären noch so glücklich, wenn die neuen «Bleus» an die alten Zeiten anknüpfen könnten, wenn sie an diese Nationalelf glauben könnten.

Doch das Aufgebot von Didier Deschamps weckte zumindest im Vorfeld des Turniers viel Skepsis. Die Blauen machen nicht träumen, sie sind selbst nur ein Spiegelbild des Landes, dessen Farben sie tragen.

Was sagte Desailly genau über die Blauen: «Es ist doch unglaublich, all diese Individualisten zu sehen – das sind alles Spieler von Weltklasse, die zuoberst auf dem Podium sein können.» Dann fügte er aber zweifelnd an: «Mal sehen, ob sie zusammen zu einer Geschlossenheit finden.»

Geschlossenheit, Ensemble, Kollektiv: Das sind für die individualistischen Franzosen mehr denn je Fremdwörter – auf dem Fussballfeld und andernorts.

In den aktuellen Streiks und Protesten gegen die Arbeitsreform verteidigt jeder sein eigenes «bifteck», wie man in Frankreich sagt, das heisst sein kleines Privileg oder Vorrecht.

So funktionierte schon die Privilegienwirtschaft im Ancien Régime der Monarchie, so ging es mit den Sozialrechten nach der Revolution von 1789: Der Aristokrat kämpft wie der Citoyen für seinen Besitzstand, nicht für das Allgemeinwohl.

Ähnlich verhält es sich mit den Cracks der Nationalelf. Die fussballlastige Radiostation Europe-1 hatte die gute Idee, ehemalige «Blaue» des Traditionsklubs Saint-Etienne aus der Ära Platini zu befragen.

Gérard Janvion, Teilnehmer der WM 1982, meinte ohne Umschweife: «Die Jungs von heute sind zu sehr Individualisten. Sie weigern sich, auf einem anderen als dem angestammten Posten zu spielen. Heute befiehlt nicht mehr der Trainer, sondern der Spieler.»

Didier Deschamps weiss sich nur noch zu helfen, indem er auf mehrere Teamstützen verzichtet, die matchentscheidend sein können. Karim Benzema bleibt in (Real) Madrid, weil er in die Erpressungsaffäre gegen den Mitspieler Mathieu Valbuena verwickelt war, und Franck Ribéry bleibt in (Bayern) München, weil er früher andere Nationalspieler wie Yoann Gourcuff gemobbt hatte.

Sowohl Benzema wie Ribéry hätten sich wie «Rädelsführer auf dem Pausenplatz» aufgeführt, meint der Kommentator Jean-Marcel Bouguereau von der Zeitschrift «L’Obs».

Sogar die Zeitung «Le Monde», die nun wirklich nicht des Boulevard-Journalismus oder gar Rassismus verdächtigt werden kann, schrieb bereits bei der Fussball-WM 2010 in Südafrika:

«In der Equipe de France gibt es Clans – die Schwarzen aus den Antillen, die Schwarzen aus Afrika, die Weissen, die Muslime, die Legionäre und die, die in Frankreich geblieben sind.»

Clans verhindern Aufkommen eines Gruppengefühls

Diese Interessengruppen, das sind auf Landesebene genau jene wirtschaftspolitischen Korps und Berufszweige, die ihre eigenen Interessen vertreten und alle Reformversuche der Regierung aus Prinzip bodigen.

In Deschamps Equipe verhindern sie das Aufkommen eines Gruppen- oder Gemeinschaftsgefühls.

Die «Blauen» sind zwar auch eine Turniermannschaft, die bei günstigem Verlauf zu einer kollektiven Entente finden kann. So war es 1998, als die Chemie einfach stimmte.

Herkunft und Hautfarbe spielten damals keine Rolle mehr, Frankreich feierte die rot-weiss-blauen Weltmeister auch, weil sie die soziologischen Landesfarben «black-blanc-beur» (schwarz-weiss-braun) verkörperten.

Zwei Jahre später, 2000, holte sich Frankreich als Zugabe noch die EM-Trophäe. Dann ging es bergab, und zwar rasant: Bei der WM 2002 kamen die «Bleus» nicht einmal über die Vorrunde hinaus. 2006 erlebten sie mit Zidanes «Coup de boule», dem Kopfstoss in den Magen des Italieners Materazzi, ihre Götterdämmerung.

Für Südafrika vier Jahre später qualifizierten sie sich nur dank dem Handspiel von Thierry Henry gegen Irland; an der WM schieden sie dann kläglich aus.

Schlagzeilen machte vor allem der Spieleraufstand gegen den damaligen Trainer Raymond Domenech, der sich von Nicolas Anelka auch noch beleidigen lassen musste.

«Allez les Bleus» richtet sich an ganz Frankreich

Von diesem Tiefpunkt erholte sich die Elf unter Deschamps nur langsam. 2014 schied sie im Viertelfinal gegen Deutschland ehrenvoll aus. Jetzt, im eigenen Land, sind die Erwartungen natürlich hoch. Aber die Herzen der Franzosen müssen die Blauen zuerst noch zurückerobern. Die Nation wird genau hinschauen, ob sich die Spieler wieder Solotouren oder andere Extravaganzen leisten.

Aber wer weiss, ohne die Superstars Ribéry und Benzema könnte sich das Kollektivgefühl, das die «Bleus» so weit zu tragen vermag, vielleicht sogar leichter entfalten.

Das wäre nicht nur für den Turnierverlauf wichtig: Es wäre das Zeichen, dass der «kranke Mann Europas», wie Frankreich derzeit vielenorts genannt wird, wieder Selbstvertrauen schöpft und aus dem Tal der Tränen steigt.

«Allez les Bleus» richtet sich deshalb an ganz Frankreich: Auf dass dieses Turnier ein kollektives Erlebnis werde – ein Fest für alle!