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BALKAN: Bosnien-Herzegowina – ein Staat, der keiner ist

Bosnien-Herzegowina dürfte das letzte Balkanland sein, das dereinst der EU beitreten wird. Doch ob der zerrissene Vielvölkerstaat bis dahin überlebt, ist ungewiss.
Rudolf Gruber, Sarajevo/Banja Luka
Die wiedererrichtete Ferhadija-Moschee in Banja Luka. (Bild: Rudolf Gruber)

Die wiedererrichtete Ferhadija-Moschee in Banja Luka. (Bild: Rudolf Gruber)

Rudolf Gruber, Sarajevo/Banja Luka

Die Ferhadija-Moschee, einst Wahrzeichen der nordbosnischen Provinzmetropole Banja Luka, ziert wieder das Zentrum. Serbische Nationalisten hatten den Prachtbau aus dem 16. Jahrhundert im Mai 1993, in der Frühphase des Bosnienkriegs, dem Erdboden gleichgemacht. Die Zerstörung des Unesco-Kulturjuwels war einer der grössten Triumphe der Politik der «ethnischen Säuberung», wie Serbenführer Radovan Karadzic seinen Krieg gegen andere Volksgruppen nannte.

«Der Hass hat nachgelassen, die Versöhnung wird unseren Geist stärken», sagte Grossmufti Husein Kavazovic bei der Einweihung vor rund einem Jahr. Doch von Versöhnung keine Spur, die örtliche islamische Gemeinde konnte den Wiederaufbau nur mit internationaler Hilfe umsetzen. Die serbische Mehrheit fragt sich erzürnt: Wozu haben wir Krieg geführt und die «Türken», wie die bosnischen Muslime abschätzig genannt werden, aus unserer «Republik» vertrieben, wenn alles wieder so sein soll wie früher? Die wenigen Rückkehrer fühlen sich 22 Jahre nach Kriegsende noch ­immer nicht sicher in ihrer Stadt, nur geduldet.

Vor dem Krieg war Banja Luka, 190 000 Einwohner, ethnisch gut gemischt, danach wurde es eine serbische Hochburg, die Hauptstadt des bosnischen Teilstaates Republika Srpska (RS). Und die Ferhadija, die zu jugoslawischer Zeit ein Ort der Begegnung war, sei heute «nur ein Symbol des Islam», sagt der serbische Bürgeraktivist und Webjournalist Aleksandar Trifunovic. Der Islam, ein Erbe der 400-jährigen osmanischen Besatzung, ist für die meisten Bosniaken weniger Religion als vielmehr nationales Identitätsmerkmal; so wie Serben ihre Nationalität mit der orthodoxen und Kroaten mit der katholischen Kirche verbinden. Berichte über Bosnien als Dschihadisten-Nest hält Valentin Inzko, der Hohe Repräsentant der internationalen Staatengemeinschaft (OHR), für übertrieben: «Viele Bosniaken würden sofort auswandern, käme hier ein radikaler Islam an die Macht», sagt der österreichische Spitzendiplomat, seit 2009 Wächter über den Friedensvertrag von Dayton 1995.

«Als befänden wir uns in endloser Übergangszeit»

Im Moscheegarten der Ferhadija sitzen zwei junge Männer auf einer Mauer, ins Gespräch vertieft. Ihre Vornamen verraten, dass der eine Serbe, der andere Muslim ist. Goran, 30, und Jasmin, 25, mussten sich nicht erst versöhnen, sie haben den Krieg nicht bewusst erlebt. «In unserer Generation sind solche Freundschaften ganz normal», versichert Goran, und der muslimische Freund nickt zustimmend. Doch die Harmonie bricht, als die Sprache auf das politische System kommt: Die Frage, ob sich beide als Bürger des Gesamtstaates sehen, bringt namentlich Goran in Verlegenheit. Ausweichend antwortet er, 90 Prozent seiner serbischen Landsleute dächten, «die Republika Srpska gehört nicht zu Bosnien, sondern ist ein unabhängiges Land». Ob auch er so denkt, verrät er nicht. Würde Goran bei einem Austrittsreferendum mit Ja stimmen? Die Blicke der Freunde treffen sich: «Besser nicht», lächelt Jasmin trotzig. Er hofft auf den Fortbestand des Gesamtstaates.

Präsident Milorad Dodik, der die hochverschuldete RS mit autoritärer Hand regiert, hat das Referendum vorerst abgesagt. Er weiss, dass die Unabhängigkeit unrealistisch ist. Doch eignen sich die Attacken gegen die Einheit des Landes («Bosnien ist kein Staat») immer wieder gut als Ablenkungsmanöver von Korruptionsskandalen oder gegen aufkeimende Unzufriedenheit (siehe Interview mit Mladen Ivanic). So geht das seit Jahren, und niemand weiss, wohin Dodik die Serbenrepublik wirklich steuert. «Wir sind kein richtiges Land», sagt Trifunovic, dessen Talkshows namentlich bei oppositionellen jungen Leuten populär sind, «es ist, als befänden wir uns in endloser Übergangszeit.»

Die Zustandsbeschreibung kann für das ganze Land gelten. «Auch die junge Generation wird im ethnischen Hass erzogen», zeigt sich die renommierte Regimekritikerin Tanja Topic eher pessimistisch. Solange in den Köpfen der Eltern und in den Schulbüchern die alte Kriegspropaganda der nationalistischen Parteien herumspukt, gilt die These: «Die Kriegsverbrecher sind immer die anderen, wir sind nur die Opfer.» Politiker aller Parteien zeigen wenig Interesse an einer Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit, so Topic. Und es kommt auch kaum zu einem Austausch zwischen den Volksgruppen: Die meisten jungen Serben waren noch nie in der gemeinsamen Hauptstadt Sarajevo, umgekehrt zieht es kaum einen jungen Muslim von dort in die Republika Srpska.

Kein Parteibuch – kein Job

Im Gegensatz zum verschlafenen Banja Luka bietet Sarajevo - zugleich Hauptstadt des zweiten Teilstaates, der bosnisch-kroatischen Föderation - das Bild einer vor Vitalität sprühenden Stadt. Türkische Reisegruppen streifen durch die Bašcaršija, das Basarviertel, und schnuppern das vertraute osmanische Flair; gefolgt von Japanern und Chinesen, die unentwegt Selfies knipsen. Auch immer mehr europäische Touristen entdecken die schicksalsträchtige Stadt, in der vor über 100 Jahren der Funke zum Ersten Weltkrieg gezündet wurde. Die Spuren der Zerstörung des letzten Krieges sind kaum noch sichtbar, aber er ist nicht vergessen, dafür hat es zu viel Leid gegeben: 100 000 Tote, 2,2 Millionen gewaltsam Vertriebene, viele Kriegsverbrechen. An die über 14 000 Opfer der dreieinhalbjährigen Belagerung Sarajevos durch die bosnisch-serbische Armee erinnern symbolisch die «Blutrosen», wie in bitterer Poesie die mit rotem Harz ausgegossenen Einschlaglöcher von Granaten auf den Strassen und Plätzen genannt werden.

Sarajewo täuscht indes eine Dynamik vor, von der im Rest des Landes wenig zu spüren ist. Die Wirtschaft wächst kaum, die Arbeitslosenrate beträgt 40, bei jungen Leuten unter 25 Jahren nahezu 60 Prozent. Jobs sind rar, und deren Vergabe läuft über die Parteisekretariate: kein Parteibuch, kein Job. Staatsbetriebe dominieren, der Privatsektor entwickelt sich nur langsam, Investoren im In- und Ausland fürchten am meisten die staatliche Bürokratie und allgegenwärtige Korruption. So hat in den letzten Jahren die Abwanderung dramatisch zugenommen. Jährlich ziehen rund 60 000 Menschen weg, die meisten nach Deutschland. Mittlerweile leben zwei von ehedem fünfeinhalb Millionen Bosniern im Ausland. Eine Million darbt an und unter der Armutsgrenze, der Durchschnittslohn liegt bei 200 bis 300 Euro, jener der Politiker zehnmal höher.

Jeden Arbeitstag stehen vor dem Konsulat der deutschen Botschaft in Sarajevo Menschen Schlange für ein Visum. Amor hat nach eineinhalb Jahren endlich einen Termin bekommen, er will in Deutschland als Änderungsschneider arbeiten. «Es geht nicht um mich», versichert der 45-jährige Familienvater, «ich will meinen zwei Kindern eine bessere Zukunft bieten.» Sead, 49, kennt Deutschland als Kind von Gastarbeitereltern ganz gut. 1999 kehrte er voller Hoffnung heim nach Sarajevo. «Aber es klappt mit dem Aufbau einer sicheren Existenz nicht, ich verdiene zu wenig.» Haris stellt mit seinen 20 Jahren ernüchtert fest: «In diesem Land habe ich keine Zukunft». Er finde als Zahntechniker keine Stelle. Beim Termin im Konsulat hofft er zu erfahren, ob die deutschen Behörden seine Ausbildung anerkennen.

Kaum wonaders in Europa ist Fortschritt so mühsam

«Viele junge Leute sind bereit, im Ausland Jobs anzunehmen, die sie im eigenen Land nie akzeptieren würden», weiss Berufs- und Unternehmensberater Ranko Markuš. Dabei könnten sie mit professioneller Hilfe zu Hause durchaus eine solide Existenz aufbauen. «Viele kommen gar nicht auf die Idee, sich selbständig zu machen.» Das «sozialistische Denken» aus jugoslawischer Zeit, wonach der Staat für Arbeitsplätze zu sorgen hat, sei noch lange nicht ausgemerzt.

Markuš, Mitte dreissig, ist Projektleiter des Youth Employment Project (YEP), eines Beratungs- und Schulungszentrums, das in Bosnien noch einzigartig ist und auch von der Schweizer Botschaft in Sarajevo unterstützt wird (siehe Artikel rechts). YEP vermittelt nicht nur Jobs in Kooperation mit Arbeitsämtern, sondern bietet vor allem Aus- und Weiterbildungskurse an. Geboten werden auch Trainingskurse für junge Leute, die eine Firma gründen wollen und in einer Ideenwerkstatt ihre Vorstellungen entwickeln können. «Das Land braucht dringend neue Unternehmer», sagt Markuš. Derzeit schult YEP rund 100 Kandidaten; seit Bestehen 2010 seien 4000 junge Menschen an Firmen vermittelt worden oder hätten Trainingskurse durchlaufen.

Es ist nicht alles hoffnungslos in Bosnien-Herzegowina, doch kaum woanders in Europa ist Fortschritt so mühsam. Anfang 2016, 13 Jahre nachdem die EU auf dem Gipfel von Thessaloniki den Balkanländern eine Beitrittsperspektive eröffnet hatte, stellte die Regierung in Sarajevo in Brüssel den Antrag auf Mitgliedschaft. «Was die Annäherung an Europa betrifft, war 2016 das beste Jahr für das Land überhaupt», schwärmt OHR-Repräsentant Inzko. Doch ist Europa noch attraktiv genug, reisst der Mehrheit der Bosnier, die im Land bleiben wollen oder müssen, nicht allmählich der Geduldsfaden? «Die Leute ­wollen schon Europa, aber sie wollen Europa sofort», sagt Inzko. Bis Bosnien-Herzegowina der EU beitreten kann, werden noch weitere 15 Jahre vergehen. Da läuft vielen Menschen im aktiven Berufsalter zwischen 25 und 45 Jahren die Zeit davon.

«Die EU zwingt niemanden zum Beitritt

Auch die EU habe Fehler gemacht, kritisiert Tanja Topic, es fehle ihr vor allem an Konsistenz: «Es tut mir weh zu sehen, wie viel Zeit und Geld da investiert wird und letztlich ein Parasitentum am meisten davon profitiert.»

Der Dayton-Friedensvertrag schuf einen monströsen Staat mit 14 Regierungen, 120 Ministern und über 600 Volksvertretern – bei 3,5 Millionen Einwohnern. 60 Prozent des Budgets verschlingen der Verwaltungsapparat und die Politikergehälter. Die Parteien zeigen wenig Interesse an Systemreformen, denn auf dem Status quo gründet ihre Macht. Es geht ihnen nicht ums Gemeinwohl, sondern um die Befriedigung der Anhängerschaft. «Es gibt keine Identifikation mit diesem Staat», sagt der Politologe Miloš Šolaja. «Europa wäre für uns eine grosse Chance, aber die EU müsste viel mehr in die Zivilgesellschaft investieren.» Brüssel setzt mittlerweile auf Pragmatik: «Wichtiger als Reformen am politischen System sind zuerst solche in der Wirtschaft und im Sozialsystem», sagt Lars-Gunnar Wigemark, EU-Sonderbeauftragter in Sarajevo. Der Privatsektor müsse gestärkt werden, um Jobs zu schaffen, ebenso die Infrastruktur ausgebaut. Das schlechte Strassennetz sei eine Wachstumsbremse. Aufräumen müsse man auch mit der Mentalität, «die Korruption als Teil des politischen Systems akzeptiert». Die EU zwinge niemanden, Mitglied zu werden, meint Wigemark: «Wir sagen nur: Wenn ihr beitreten wollt, dann müsst ihr die europäischen Standards übernehmen.»Der bosnische Normalbürger hat damit kein Problem. Wohl aber die politische Kaste, die um Macht und Pfründen fürchtet.

Altstadtviertel in Sarajevo. (Bild: Elvis Barukcic/AFP)

Altstadtviertel in Sarajevo. (Bild: Elvis Barukcic/AFP)

Mit rotem Harz ausgegossene Einschlaglöcher von Granaten auf den Strassen von Sarajevo werden Blutrosen genannt. (Bild: Rudolf Gruber)

Mit rotem Harz ausgegossene Einschlaglöcher von Granaten auf den Strassen von Sarajevo werden Blutrosen genannt. (Bild: Rudolf Gruber)

Bild: Grafik: LZ

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