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BALKAN-ROUTE: Das gefährliche Spiel der Flüchtlinge

In Serbien gestrandete Flüchtlinge scheuen keinen noch so verzweifelten Versuch, illegal in den EU-Raum zu gelangen. Denn zurück können sie nicht mehr. Und dort, wo sie feststecken, will man sie nicht haben.
Nemanja Novkovic, Belgrad
Afghanische Flüchtlinge waschen sich vor ihrem Obdach, einem verlassenen Lagerhaus. (Bild:)

Afghanische Flüchtlinge waschen sich vor ihrem Obdach, einem verlassenen Lagerhaus. (Bild:)

Nemanja Novkovic, Belgrad

Nach Schätzungen des Asylum Protection Center (APC), einer Hilfsorganisation in Belgrad, leben derzeit noch immer rund 4000 Flüchtlinge in Serbien auf der Strasse. Illegal, in keiner Statistik vermerkt, vom Staat bewusst ignoriert. Ihre Situation ist besonders aussichtslos. Wo sie hergekommen sind, können sie nicht mehr zurück. Wohin sie wollen, werden sie aller Voraussicht nach nicht kommen, und wo sie sind, sollen sie nicht bleiben können. Seit der Schliessung der Balkan-Route hängen sie in Serbien fest.

Sie schlafen auf offenen Feldern, in kalten Wäldern, verlassenen Fabrikgebäuden oder verfallenen Häusern. Jeder Tag ist ein neuer Kampf. Mit den eigenen Ängsten, mit den lokalen Behörden und Sicherheitskräften, mit der Erinnerung an eine Heimat, die diesen Namen nicht mehr verdient. Mit jedem Tag werden die Zweifel grösser, die Ausweglosigkeit ebenso. Nur betäubt von Geschichten von jenen, die es geschafft haben, in einem EU-Staat Asyl beantragen konnten.

Auch Stacheldrahtzäune können sie nicht aufhalten

Die Flüchtlinge versuchen mit allen Mitteln, die Grenzen der Europäischen Union zu überwinden und nach Kroatien oder Ungarn zu gelangen; Serbien ist seit 2012 EU-Beitrittskandidat. Sie harren auf offenem Feld nahe der Grenzen aus und hoffen, sich unbemerkt an einen der vorbeifahrenden Züge hängen zu können. Mehrere Flüchtlinge sind so bereits zu Tode gekommen. Sie versuchen, über die Stacheldrahtzäune und Grenzgräben Ungarns zu klettern oder über die Donau nach Kroatien zu schwimmen. Dafür haben sie mittlerweile sogar ein eigenes Wort. Sie nennen es: «Game». Ein lebensgefährliches Spiel für diejenigen, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben. Denn obwohl Kroatien wie auch Ungarn verpflichtet wären, dass Flüchtlinge einen Asylantrag stellen können, sieht die Realität anders aus. Unabhängig von­einander berichteten mehrere Flüchtlinge von Schlägen und Misshandlungen in Ungarn und Kroatien, bevor sie von Sicherheitskräften in Kleinbussen an die serbische Grenze zurückgebracht wurden. Keiner wundert sich dar­über. Alltag. Die Polizei nimmt nicht einmal ihre Personalien auf. Wieder zurück in Serbien, beginnt das Spiel von neuem. Nicht immer werden sie geschlagen, aber immer wieder zurück nach Serbien gebracht.

19-mal gescheitert, doch Aufgeben gilt nicht

Rashid (17) aus dem Irak hat das Spiel schon 19-mal mitgemacht. Jedes Mal griffen ihn Polizisten oder Grenzbeamte auf und schickten ihn über die Grenze zurück nach Serbien. Doch Aufgeben ist für ihn kein Thema: «Dann eben wieder Game», sagt er und lächelt gequält. Wenn es auch keine Berichte über Misshandlungen von Flüchtlingen in Serbien gibt, sieht die Situation dort nicht besser aus. Laut Radoš Durovic, Direktor des Hilfswerks APC, werden die Flüchtlinge bewusst in der Illegalität gehalten: «Das Kommissariat für Flüchtlinge und Migration, das für ihre Unterbringung zuständig ist, erschwert und verwehrt vielen von ihnen den Zutritt zu den ohnehin überfüllten Flüchtlingsunterkünften.» Man wolle nicht, so Durovic weiter, dass sie sich integrierten. Hinter vorgehaltener Hand würden die Flüchtlinge ermutigt, weiter nach Westen zu reisen, da Serbien selbst zu arm sei, um sich um sie zu kümmern. Laut APC haben von Januar bis August 2017 insgesamt 3830 Flüchtlinge die Absicht geäussert, in Serbien Asyl zu beantragen, wovon nur 164 tatsächlich auch einen Antrag gestellt haben. Von diesen 164 Personen haben schliesslich nur zwei Asyl vom serbischen Staat erhalten.

Bild: Grafik: Luzerner Zeitung

Bild: Grafik: Luzerner Zeitung

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