Barack is back: Doch Obamas neuer Videoauftritt erweist Biden einen Bärendienst

Eigentlich wollte Obama seinem einstigen Vize nur helfen. Mit der jüngsten Werbeaktion aber entlarvt der Superstar der US-Demokraten seinen potenziellen Nachfolger als schwache Figur. Vier Erkenntnisse zum missglückten PR-Auftritt.

Samuel Schumacher
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Joe Biden, 77, und Barack Obama, 58, in Obamas Washingtoner Büro.

Joe Biden, 77, und Barack Obama, 58, in Obamas Washingtoner Büro.

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Kryptisch war die Ankündigung: «44 + 46. 7.23.20» schreib Biden am Mittwoch auf Twitter.

Am Donnerstag dann folgte die Auflösung: Über die Videoplattform Periscope veröffentlichte das Kampagnenteam des 77-jährigen demokratischen Präsidentschaftskandidaten ein knapp 16-minütiges Video, das Biden (den möglicherweise 46. Präsidenten der USA) im Gespräch mit Barack Obama (dem 44. Präsidenten der USA) zeigt.

Beide steigen mit schwarzer Maske aus ihren gepanzerten Gefährten und treffen sich in einem Konferenzraum. Muhammed Alis Boxhandschuhe in einer Glasvitrine im Hintergrund verraten, wo wir sind: In Obamas Washingtoner Büro. Die angeschlagene Box-Legende hatte Obama die «Händsche» einst geschenkt. Wie schwierig es Obama selber nun fällt, für seinen «guten Freund Joe» in den politischen Ring zu steigen, zeigten die zuweilen fast schmerzhaften 16 Minuten danach.

Biden will uns glauben machen: Zuhören reicht, um ein guter Präsident zu sein

Joe Biden, der über das gesamte Video deutlich weniger Redezeit erhielt als Barack Obama, inszenierte sich als Zuhörer-in-Chief, als Sorgenvater der Nation, der für die Ängste und Probleme der Nation immer ein offenes Ohr haben werde. Um einen maximalen Kontrast zum lauten Dauersender Donald Trump (74) zu schaffen, sagte Biden:

«Ich verstehe nicht, wie er so unfähig sein kann, sich in andere hineinzuversetzen.»

Obama betonte, was für ein guter Zuhörer Joe sei und wie sehr die Amerikaner «hungrig nach dieser grundsätzlichen Bescheidenheit» seien, die Joe verkörpere. Er habe keinen Zweifel, dass Biden auf Experten hören werde. «Was ich an dir immer bewundert habe, Joe, ist deine Bereitschaft, zuzuhören und zu lernen. Es ist ein Zeichen von Leadership, wenn man bereit ist, anderen zuzuhören», sagte Obama. Eine reichlich tief gesetzte Latte für einen Aspiranten aufs mächtigste Amt der Welt.

Biden schmückt sich mit fremden Federn – weil ihm nicht viel anderes bleibt

Um den Zuschauern – während der Liveübertragung waren es gerade mal rund 7000 – aufzuzeigen, was er als Präsident alles erreichen könnte, blickte Biden weit zurück und zählte auf, was die Obama-Administration in ihren acht Jahren alles zustande gebracht habe: Gesundheitsreform, Aufschwung nach der Wirtschaftskrise, Ausbau der internationalen Beziehungen. «You and I», du und ich, sagte Biden immer wieder – als ob er selber an den Hebeln der Macht gesessen hätte.

Als Vizepräsident war Biden zwar tatsächlich «in the room» bei schwierigen Entscheidungen. Aber er war stets die Nummer 2, nie der Verantwortungsträger. Sein sicher nicht böse gemeinter Versuch, Obamas Verdienste für sein eigenes politisches Erbe zu kapern, wirkte reichlich hilflos.

Ein Präsident Biden wäre anstrengend für die Ohren

Biden ist ein Stotterer seit Schulzeiten. Der 77-Jährige hat offen über seine Sprachfehler gesprochen und sie in seinen Jahren als Vizepräsident gut im Griff gehabt. Jetzt aber scheint ihn die alte Schwäche wieder einzuholen. An mehreren Stellen des Videos ist kaum zu verstehen, was er sagt. Er verspricht sich mehrfach, antwortet auf Steilpässe von Obama zweimal schlicht mit dem deplatziert wirkenden Zweisilber «Bingo!» und wirkt selbst bei den gescripteten Antworten zuweilen äusserst unsicher.

Dieses unsichere Auftreten ist auch seinen Beratern aufgefallen. Mehrere sagen hinter vorgehaltener Hand, dass sie darauf hoffen, dass es nicht zu einem direkten Fernsehduell zwischen Biden und Trump kommen wird. Biden würde der rasanten, griffigen Sprache seines strittigen Gegenübers kaum gewachsen sein.

Man wünscht sich, es wäre andersrum: Biden wäre der Ratgeber, Obama der aufmerksame Zuhörer

Sieben von zehn Amerikanern sind laut jüngsten Umfragen unzufrieden mit Donald Trumps derzeitiger Amtsführung. Dass eine Alternative her muss, scheint für viele klar. Das neue PR-Video dürfte allenfalls in manch einem genau das ausgelöst haben, was Biden eigentlich dringend vergessen machen sollte. Nämlich, dass sein einstiger Chef noch immer vielfach besser geeignet wäre für das Amt als er selber.

Für komplett uninformierte Betrachter des Videos wäre zweifelsohne klar: Der sympathische alte Mann, der nickend in seinem Stuhl sitzt und dem eloquenten 58-Jährigen im Stuhl gegenüber zuhört, das muss der frühere Präsident sein, der seinem dynamischen Nachfolger Tipps gibt. Doch die Welt ist verkehrt und Obama der Ex, der die Tipps gibt. Einst hat er seinem «guten Freund Joe» gar geraten, nicht für das höchste Amt des Landes zu kandidieren. Doch das mit dem Gut-Zuhören, das hatte Biden damals offenbar noch nicht so drauf.

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