NSU-Prozess
Beate Zschäpe: scheue Mitläuferin oder abgebrühte Rechtsterroristin?

Der Prozess gegen das NSU-Mitglied Beate Zschäpe geht in die Schlussphase. Die Verteidigung stellt sie als Anhängsel von Terroristen dar. Dieser Darstellung widersprechen mehrere Akteure.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Keine scheue Mitläuferin, sondern eine selbstbewusste Frau: Beate Zschäpe.

Keine scheue Mitläuferin, sondern eine selbstbewusste Frau: Beate Zschäpe.

KEYSTONE/EPA DPA/TOBIAS HASE

22 Stunden lang dauert das Schlussplädoyer der Bundesanwaltschaft in dem Mammutprozess gegen die mutmassliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe. Das sind fünf volle Verhandlungstage. Gestern hätten die Ankläger mit ihrem Schlussvortrag beginnen sollen. Doch wegen Anträgen der Verteidigung musste der Verhandlungstag vorzeitig abgebrochen werden. Das Plädoyer ist nun für nächste Woche angesetzt.

Morde aus Fremdenhass – das Wichtigste zum NSU

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) setzte sich mutmasslich aus dem Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zusammen. Allerdings hatte der NSU auch einen Kreis an Unterstützern.

- Der rechtsextremen Terrorzelle werden insgesamt zehn Morde, zwei Nagelbombenattentate mit Dutzenden von Verletzten und 15 bewaffnete Raubüberfälle zur Last gelegt.

- Zschäpe wird vorgeworfen, von den Morden an den vorwiegend türkischstämmigen Menschen gewusst und die Handlungen der beiden Uwe aktiv mitunterstützt zu haben. Hingegen wird sie nicht beschuldigt, an den Morden beteiligt gewesen zu sein.

- Das Trio fiel schon in den 1990er-Jahren polizeilich auf. Von 1998 bis 2011 agierte es aus dem Untergrund heraus. Wohnungen wurden auf falsche Namen angemietet.

- In dem Verfahren wurden teilweise massive Mängel der Sicherheitsbehörden aufgedeckt. Jahrelang gingen die Behörden davon aus, bei den Morden an Türkischstämmigen und einem aus Griechenland stammenden Mann handle es sich um Abrechnungen im Drogenmilieu. Auch die Presse sprach stets von den «Döner-Morden.»

815 Zeugen wurden in 373 Verhandlungstagen gehört, 42 Sachverständige befragt, um die Hintergründe der rechtsextremen Terrorzelle NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) aufzuarbeiten und die Rolle der Hauptangeklagten Beate Zschäpe zu beleuchten. Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt: Die heute 42-Jährige war nicht bloss Anhängsel der beiden Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos (beide nahmen sich im November 2011 das Leben). Zschäpe hat die insgesamt zehn Morde, die Nagelbombenanschläge mit Dutzenden von Verletzten und die Raubüberfälle mitgeplant und mitkoordiniert.

«Nicht glaubhaft»

Die Verteidigung zeichnete hingegen das Bild einer Frau, die nicht Täterin, sondern eine in die Fänge von brutalen Rechtsterroristen geratene Mitläuferin war, die von den Morden und Anschlägen immer erst im Nachhinein erfahren haben soll. Als Beate Zschäpe im letzten Herbst ihr jahrelanges Schweigen vor Gericht brach, schob sie die Schuld alleine auf die beiden Uwe. «Ich verurteile, was Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den Opfern angetan haben», sagte sie in einer Erklärung. Sie bedauere ihr «eigenes Fehlverhalten», dass sie die Kraft nicht aufgebracht habe, sich aus der Abhängigkeit der beiden Uwe zu lösen. Prozessbeobachter wie der Münchner Journalist Robert Andreasch oder Kai Mudra von der «Thüringer Allgemeinen» halten dies für nicht glaubwürdig. «Für mich besteht kein Zweifel, dass sie aktiver Teil des NSU war und die Morde unterstützt hatte», sagt Andreasch. Mudra meint: «Das Trio hat fast 14 Jahre im Untergrund eng zusammengelebt. Ihre Einlassungen sind nicht glaubhaft.»

Das Bild der zurückhaltenden, etwas scheuen Mitläuferin deckt sich auch nicht mit Erzählungen und Berichten über Zschäpes Vergaeiben die Hauptangeklagte als selbstbewusste Frau, die genau wusste, was sie wollte.

Zschäpe geriet zu Beginn der 1990er- Jahre als Teenager in die damals starke rechte Szene in Thüringen. Jena wurde damals von den Veränderungen der untergegangenen DDR voll getroffen. Die Lehrer in der Schule lobten nun nicht mehr den Sozialismus, sondern Demokratie und freie Marktwirtschaft. Volkseigene Betriebe der DDR machten dicht, Menschen verloren ihre Arbeit, etliche verliessen die Stadt in Richtung Westen. Vielen Heranwachsenden habe es damals nicht nur an Arbeit gefehlt, sondern auch an Orientierung und bisweilen auch an Hoffnung, erinnert sich der ehemalige Sozialarbeiter Thomas Grund.

«Nicht nur ein Anhängsel»

Im Jugendclub, in dem Grund arbeitete, traf Zschäpe auf die Rechtsextremisten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die junge Frau, die zuvor noch eher links angehauchte Clubs besucht hatte, wurde in wenigen Monaten Teil der Thüringer Nazi-Szene, radikalisierte sich und legte Gewaltbereitschaft an den Tag. Ein Anhängsel der beiden Uwe sei sie von Anfang an nie gewesen, sagt Grund: «Sie hat sich nicht nur solidarisiert, sie hat den Männern auch gezeigt, dass sie nicht nur ein Anhängsel ist. Eine typische Frauenrolle der rechten Szene, das wollte sie nicht sein.»

Nächste Woche geht der Prozess gegen die letzte Überlebende des NSU in die letzte Phase. Wann das Urteil fallen wird, ist noch unklar. Der 42-Jährigen droht eine lebenslange Freiheitsstrafe.