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Bedrohte Integrationsidylle

Das kalabrische Städtchen Riace, wo fast so viele Migranten wie Einheimische leben, gilt seit zwanzig Jahren weltweit als Modellgemeinde in Sachen Flüchtlingsaufnahme. Nun ist das friedliche Zusammenleben durch die neue Regierung bedroht.
Dominik Straub, Riace
Für sein Flüchtlingsengagement wurde Riaces Bürgermeister Domenico Lucano im Februar 2017 mit dem Dresdner Friedenspreis geehrt. (Bild: Matthias Schumann/Imago)

Für sein Flüchtlingsengagement wurde Riaces Bürgermeister Domenico Lucano im Februar 2017 mit dem Dresdner Friedenspreis geehrt. (Bild: Matthias Schumann/Imago)

Die Idylle ist gut versteckt: Von der Ionischen Küste im südlichsten Teil Kalabriens führt eine enge Landstrasse über viele Serpentinen in die Vorläufer des Aspromonte-Gebirges hinein, bis unvermittelt das Ortsschild von Riace auftaucht. Es begrüsst die Ankommenden mit dem Schriftzug «Riace – Ort des Willkommens». Das ist nicht übertrieben: Das kleine kalabrische Bergstädtchen mit seinen alten Steinhäusern und seinem atemberaubenden Blick auf das tiefblaue Meer hat in den letzten zwei Jahrzehnten schon Tausende Flüchtlinge aufgenommen – derzeit leben in Riace rund 600 Migranten und 900 Einheimische.

Der Vater und die treibende Kraft des «Modells Riace» ist Bürgermeister Domenico Lucano. Als im Sommer 1998 in der Nähe von Riace Marina – dem neuen Ortsteil an der Küste – ein Segelboot mit 218 kurdischen Flüchtlingen strandete, setzte sich der damalige Dorflehrer und Gründer des Vereins «Città Futura» («Zukunftsstadt») dafür ein, dass alle Kurden von Riace aufgenommen wurden. Leer stehenden Wohnraum gab es genug: Wegen der massenhaften Emigration der Einheimischen nach Amerika, Argentinien, Kanada, Deutschland, in die Schweiz und nach Norditalien hatte Riace seit dem Zweiten Weltkrieg mehr als die Hälfte seiner ursprünglich 3000 Einwohner verloren.

Lucano, den in Riace alle «Mimmo» nennen, hat mit seiner Initiative auf zwei Notlagen gleichzeitig reagiert: auf die Not seines aussterbenden Dorfes, wo es Ende der 90er-Jahre bereits keine einzige Trattoria mehr gab und die Schule von der Schliessung bedroht war, und auf die Not der Flüchtlinge und Immigranten, die von Krieg und Armut getrieben nach Europa kommen, um hier Schutz und ein besseres Leben zu suchen. «Dank der Flüchtlinge haben wir nicht nur unsere Schule erhalten können, sondern wir haben heute sogar wieder einen Fussballverein», betont der Bürgermeister.

Menschen aus über 20 Herkunftsländern

Als die Kurden 1998 kamen, telefonierte Lucano in der ganzen Welt herum, um die Auswanderer um Erlaubnis zu fragen, ob er ihre verlassenen Häuser den Flüchtlingen zur Verfügung stellen könne. Keiner hat abgelehnt. In der Folge renovierten die neuen Bewohner die zum Teil schon halb verfallenen Häuser, angeleitet von einheimischen Handwerkern und finanziert mit einem Teil der 35 Euro, die vom Innenministerium pro Flüchtling und Tag zur Verfügung gestellt werden. Daneben entstanden, ebenfalls mit der Hilfe von Einheimischen, Werkstätten für Keramik, Schmuck, Stickereien und andere Kleinbetriebe. Und sogar eine Trattoria gibt es in Riace nun wieder.

Inzwischen leben hier Menschen aus über 20 verschiedenen Herkunftsländern. Die meisten Asylbewerber verbringen mehrere Jahre in dem kalabrischen Bergstädtchen – bevor sie wieder in ihre Heimat zurückkehren müssen oder, bei einem positiven Asylbescheid, innerhalb Italiens weiterziehen. In den engen Gassen der kleinen Altstadt oder auf dem wieder hergerichteten Spielplatz ausserhalb des Dorfes spielen syrische Kinder mit ihren Altersgenossen aus Somalia, Afghanistan, dem Irak, Togo und vielen anderen Ländern.

Das multikulturelle Zusammenleben in Riace funktioniert – und es stösst auch unter den meisten Einheimischen auf Wohlwollen. Das zeigt sich schon daran, dass Lucano, der 2004 erstmals zum Bürgermeister gewählt worden war, inzwischen dreimal mit grosser Stimmenmehrheit wiedergewählt worden ist. «Wir haben den Immigranten viel zu verdanken, sie haben unsere kleine Stadt wieder mit Leben gefüllt», betont Barmann Alessio. Die meisten jungen Einheimischen würden aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit in Kalabrien immer noch wegziehen; ohne die Flüchtlinge würde der Ort aussterben.

Der 60-jährige Lucano hat Brüderlichkeit und Solidarität mit den Flüchtlingen zu seiner Lebensaufgabe gemacht – und die Verwirklichung seiner Utopie hat ihm weltweite Anerkennung beschert. Er hat diverse Preise erhalten – darunter denjenigen der Stiftung für Freiheit und Menschenrechte in Bern sowie den Dresdner Friedenspreis. Der deutsche Regisseur Wim Wenders hat einen Film über Riace gedreht, und das US-Magazin «Fortune» hat Lucano in seine Liste der 50 einflussreichsten Personen der Welt aufgenommen. Das «Modell Riace», das auf kleine Wohneinheiten statt auf grosse Flüchtlingszentren setzt, hat in vielen Ländern Schule gemacht, nicht zuletzt in Italien.

Das Vorzeigeprojekt, auf das Kalabrien und Italien noch vor wenigen Jahren stolz gewesen war, ist in den letzten Jahren aber zunehmend unter Druck gekommen. Die staatlichen Gelder flossen schon unter der Regierung von Matteo Renzi und dann von Paolo Gentiloni plötzlich nur noch spärlich oder gar nicht mehr. Der wichtigste Grund für den Stimmungsumschwung war der Zustrom von Hunderttausenden Flüchtlingen in den letzten Jahren – und der Umstand, dass Italien damit von seinen europäischen Partnern alleine gelassen wurde.

Doch die vom Innenministerium nach Riace geschickten Inspektoren und Kommissare zeichneten in ihrem kürzlich veröffentlichten Bericht im Gegenteil ein geradezu euphorisches Bild des «Modells Riace». Das Dorf sei «wichtig für ganz Kalabrien, denn es ist ein Beispiel für gute Praktiken, die geeignet sind, dass positiv über diese arme Region gesprochen wird», heisst es abschliessend im Bericht.

Der Traum einer Welt ohne Mafia und Rassismus

Allerdings: Mit der Wahl der neuen ­Regierung aus der Fünf-Sterne-Protest­bewegung und der rechtsradikalen Lega ist das Modell Riace – und auch alle anderen von Riace inspirierten Initiativen – erneut in akuter Gefahr. «Mimmo Lucano? Der interessiert mich nicht, absolut null. Der ist eine Null», erklärte der neue Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini, kaum war er vereidigt worden. Das war eine Kampfansage – genauso wie das Versprechen, dass nun die Mittel für die Flüchtlingsbetreuung von insgesamt 5 Milliarden Euro drastisch gekürzt würden.

Es sei wahr, dass er zusammen mit den Flüchtlingen in Riace zu den Letzten gehöre, die praktisch null zählten, antwortete Lucano auf Salvinis beleidigende Äusserung. Zusammen mit den anderen Nullen und Verzweifelten der Welt träume er «von einer neuen Humanität ohne Mafia, Rassismus, Faschismus und Ungerechtigkeit». Es sei klar, dass das «Modell Riace» in den Augen der neuen Regierung ein Ärgernis sei – «denn es ist der Beweis, dass Integration eine Ressource sein kann». Seit Salvini am 1. Juni als Innenminister vereidigt wurde, ist die finanzielle Situation in Riace derart angespannt, dass die Gefahr besteht, dass «von dem ganzen Projekt nur noch Trümmer übrig bleiben werden», betont Lucano.

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