BEDROHUNG: Kalifornien lässt sich nicht beunruhigen

Renzo Ruf, Washington
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Mark Ghilarducci lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Im Gespräch mit der «Los Angeles Times» weigerte sich der Karrierebürokrat, der seit vier Jahren das Office of Emergency Service in Kalifornien leitet und damit quasi oberster Zivilschützer im bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat ist, im Zusammenhang mit nordkoreanischen Drohgebärden die Alarmglocken zu läuten.

Abgeklärt gab Ghilarducci stattdessen kürzlich zu Protokoll, dass sich seine Dienststelle schon lange Gedanken über die «nukleare Bedrohungslage» Kaliforniens mache; seine Aufgabe sei es, auf sämtliche mögliche Katastrophen vorbereitet zu sein – und die Liste sei nun einmal lang und reiche von Erdbeben über Waldbrände und Wasserfluten bis hin zu terroristischen Aktivitäten. Er verstehe aber, sagte der Katastrophenschützer, dass die Bevölkerung etwas nervös auf das Säbelrasseln in Nordkorea reagiere. Dass der Verwaltungsbezirk Ventura County, im Norden der Millionen-Metropole Los Angeles gelegen, die Bevölkerung bereits auf den Kriegsfall vorbereite, sei deshalb begrüssenswert, sagte Ghilarducci – schliesslich sei es sinnvoll, sich nun Gedanken über eine mögliche Katastrophe zu machen.

Waldbrände und Football beschäftigen deutlich mehr

Mit ähnlichen Worten rechtfertigte der oberste Gesundheitschef von Ventura County die Gedankenspiele seines Bezirkes, die regional für Schlagzeilen gesorgt hatten. «Wir können Hunderttausende von Leben retten», sagte Robert Levin. Dies rechtfertigt seiner Meinung nach ein ziemliches apokalyptisches Video, in dem ein junger Mann mit Gitarre singend Anweisungen für die Zeit nach der Explosion einer Atombombe gibt. («Du kannst sogar einen Atompilz überleben. Wenn du in Ordnung sein willst, musst du tun, was ich sage.») Grundsätzlich aber, sagt Ghilarducci, seien die Kalifornier abgeklärt. Von Panik oder Hysterie könne keine Rede sein. Ähnlich klingt es in den grossen Zentren an der Westküste. Zwar wurden am gestrigen Labor Day (Tag der Arbeit) die Drohgebärden in den meisten Zeitungen prominent erwähnt. Die grösste Zeitung in San Diego berichtete aber ausführlicher über katastrophale Waldbrände, die Los Angeles bedrohen, während sich der «San Francisco Chronicle» dem Beginn der Footballsaison widmete. In Portland (Oregon) war auf der Frontseite des «Oregonian» ein Hintergrundartikel über die lokale Wirtschaftslage zu lesen, während sich die «Seattle Times» im Staat Washington der Geschichte der amerikanischen Arbeiterbewegung widmete.

Renzo Ruf, Washington