Beim Videospiel-Riese Ubisoft ist Feuer im Dach: Recherchen zeigen das ganze Ausmass des Sexismus-Skandals

Beim französischen Spielegiganten Ubisoft wurden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jahrelang sexuell belästigt. Die Belästigungen gingen von mehreren Topmanagern aus. Nun rollen Köpfe und neue Recherchen enthüllen das wahre Ausmass des Skandals.

Oliver Wietlisbach / watson.ch
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Ubisoft ist der Hersteller bekannter Videospiele wie «Assassin’s Creed» und «Far Cry». (Symbolbild)

Ubisoft ist der Hersteller bekannter Videospiele wie «Assassin’s Creed» und «Far Cry». (Symbolbild)

Keystone

In der Gaming-Szene rumort es. Allein in den letzten Wochen schilderten auf Twitter weit über 100 Frauen ihre Erfahrungen mit Mobbing und sexuellen Anfeindungen im Gaming-Kontext. Ende Juni folgten erste Schritte seitens Ubisoft, dem Entwickler bekannter Videospiele wie «Assassin’s Creed» und «Far Cry». Zwei Top-Manager und weitere Angestellte wurden suspendiert. Zuvor hatten über ein Dutzend Frauen öffentlich über sexuelle Belästigung beim französischen Videospiele-Riesen berichtet. Ubisoft leitete eine interne Untersuchung ein.

Mitte Juli platzte die Bombe: Auch die Nummer 2 des Unternehmens, der bisherige Kreativchef Serge Hascoët sowie weitere Manager wurden freigestellt. Dies nach Dutzenden von Berichten und Anschuldigungen wegen sexuellen Fehlverhaltens und Missbrauchs.

«Er [Serge Hascoët] blockierte eine Frau im Aufzug und stellte sich gegen sie, machte stöhnende Geräusche und schaute ihr in die Augen. Einige seiner Mitarbeiter im Editorial-Team sollen dasselbe getan haben, bis es zu einem Markenzeichen der Teammitglieder wurde.»

Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Diese Woche wurde PR-Chef Stone Chin gefeuert. Er soll unter anderem Mitarbeiterinnen, die nicht auf seine Avancen eingingen, benachteiligt haben. In einer persönlichen Stellungnahme zeigt er sich teils reumütig: Er sei blind gewesen für die vielen Schwierigkeiten, mit denen sich Frauen gerade in der Game-Industrie jeden Tag herumschlagen müssen. Chin gilt nebst Kreativchef Hascoët als Hauptverantwortlicher dafür, dass Frauen in Ubisoft-Spielen meist nur eine Nebenrolle spielen.

Das wahre Ausmass des Sexismus-Skandals

Der Branchenjournalist Jason Schreier hat weiter recherchiert, zumal Ubisoft mit rund 16'000 Mitarbeitern in über 20 Ländern und einem jährlichen Umsatz von knapp 2 Milliarden Franken eine der weltweit grössten Videospielfirmen ist. Sein von «Bloomberg Businessweek» veröffentlichter Bericht, für den er mit über 35 aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern von Ubisoft gesprochen hat, zeichnet ein düsteres Bild. Das Bild einer toxischen Arbeitskultur, die von Sexismus und Rassismus geprägt sei.

Ubisoft-Chef Yves Guillemot wäscht seine Hände in Unschuld.

Ubisoft-Chef Yves Guillemot wäscht seine Hände in Unschuld.

EPA

Demnach haben mehrere Top-Manager, allen voran Chief Creative Officer Hascoët, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter während vieler Jahre belästigt. Beschwerden bei der Personalabteilung seien wiederholt ignoriert worden. Anschuldigungen wurden systematisch unter den Tisch gekehrt, doch nun bricht der Damm: Auch die längjährige Personalchefin Cécile Cornet musste Mitte Juli ihren Schreibtisch räumen.

Unternehmensmeetings in Stripclubs

An Ubisofts Hauptsitz in Paris herrsche eine feindselige Stimmung gegenüber Frauen, sagen aktuelle und ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit Schreier gesprochen haben. Sie berichten von unangemessenen Berührungen oder sexuellen Annäherungsversuchen, die bis zu «Genitalgrabschen» reichen. Die Firmenkultur wird mit derjenigen einer Burschenschaft verglichen. Massgeblich verantwortlich dafür sei der 55-jährige Chief Creative Officer Hascoët. Erst als der öffentliche Druck zu gross wurde, liess ihn sein enger Freund und Firmenchef Yves Guillemot fallen.

Zu Meetings habe Hascoët bisweilen in Stripclubs eingeladen, berichtet Bloomberg. Das für seine unangebrachten Kommentare berüchtigte Ubisoft-Urgestein habe zudem Untergebene zu exzessiven Trinkgelagen gedrängt oder Mitarbeitern Kuchen gegeben, die ohne deren Wissen Marihuana enthielten. Weibliche Angestellte warnten sich gegenseitig vor Hascoët und seinem berüchtigten Editorial-Team, das innerhalb der Firma Narrenfreiheit genoss. Hascoët war seit 1988 bei Ubisoft und ein enger Vertrauter von Firmenchef Yves Guillemot, der nun von allem nichts gewusst haben will.

Guillemot leitet den Videospiele-Riesen Ubisoft seit 1988 und kontrolliert gemeinsam mit seinen vier Brüdern 21 Prozent der Aktien des Familienunternehmens. Hascoët war fast von Anfang an dabei und gehört praktisch zur Familie. Ehemalige Mitarbeiterinnen sagen, Hascoët und seine Mitstreiter seien «unantastbar» gewesen, «egal was sie taten».

Der Boys-Club: Die Guillemot-Brüder auf einer alten Aufnahme, von links: Michel, Yves, Christian, Gerard und Claude Guillemot:

Über Hascoët, den ehemalige Weggefährten im besten Fall als exzentrisch beschreiben, kommt nun nach und nach mehr ans Licht: Bloomberg berichtet von einem Meeting, an dem eine ranghohe Managerin eine Präsentation hielt. Während einer Pause verliess sie das Sitzungszimmer. Hascoët habe laut zwei anwesenden Personen einen YouTube-Song abgespielt, in dem sexuelle Handlungen mit einer Frau beschrieben werden, die den gleichen Namen wie die Managerin hat.

In der französischen Zeitung Liberation berichten Ubisoft-Angestellte über ihre Erfahrungen mit Serge Hascoët:

Hascoët habe im Management fast ausschliesslich Männer um sich geschart, die seine sexistische Einstellung teilten. Dazu zählten Maxime Béland und Tommy François, die ebenfalls suspendiert wurden. Béland leitete das Toronto-Studio von Ubisoft und genoss seit Jahren einen zweifelhaften Ruf. Der als aufbrausend beschriebene Manager soll 2014 eine Angestellte gewürgt und Frauen an Firmen-Events unangebracht berührt haben. Béland hat das Unternehmen Anfang Juli verlassen.

Einem weiteren langjährigen Mitstreiter von Hascoët, Tommy François, wird massives sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen, darunter unerwünschte Massagen, Genitalgrabschen und homophobe Kommentare, wie mehrere Zeugen gegenüber Bloomberg aussagten. Mehrere Mitarbeiterinnen haben François wiederholt beim HR gemeldet, er machte bei Ubisoft trotzdem während 13 Jahren Karriere. François ist suspendiert, aber laut Bloomberg (noch) nicht offiziell entlassen.

Eine Frau, die am Ubisoft-Hauptsitz in Paris arbeitete, berichtet von pornografischen Videos, die sie von Arbeitskollegen erhalten habe. Auch in diesem Fall blieb das HR untätig. Stattdessen wurde sie in ein Büro in einem anderen Land versetzt.

Macho-Kultur beeinflusste Ubisoft-Spiele

Laut Bloomberg-Bericht habe sich die frauenfeindliche Kultur bei Ubisoft auch auf die Videospiele ausgewirkt: In «Assassin's Creed: Origins» beispielsweise sollten Spieler ursprünglich in die Rolle einer weiblichen Hauptfigur schlüpfen können. Die Rolle dieser Figur sei wegen Einwänden seitens Hascoët zurückgestuft worden. In Ubisofts Macho-Kultur galt lange die Devise: Spiele mit starken Frauen in der Hauptrolle verkaufen sich nicht. Blockbuster-Games wie «Tomb Raider», «Horizon Zero Dawn» oder «The Last of Us» beweisen das Gegenteil.

Serge Hascoët war über 30 Jahre bei Ubisoft und prägte die Firmenkultur massgeblich mit:

Mitarbeiter berichten auch von Rassismus bei Ubisoft – beispielsweise hätten Angestellte den schwarzen «Star Wars»-Schauspieler John Boyega als Affen beschimpft.

Hascoët und sein Boys-Club «waren unangreifbar, egal was sie taten»

Nach den öffentlichen Anschuldigungen von Mitarbeiterinnen Ende Juni teilte Ubisoft mit, man habe Untersuchungen gegen die beschuldigten Mitarbeiter eingeleitet. Anfang Juli schrieb Firmenchef Guillemot in einem öffentlich publizierten Brief an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: «Die Situationen, die einige von euch erlebt oder mit angesehen haben, sind absolut nicht akzeptabel.» Man werde alle Vorfälle von Aussenstehenden untersuchen lassen, aufarbeiten und die notwendigen Konsequenzen ziehen. Guillemot dankte zudem den Mitarbeitern, die das Verhalten ihrer Vorgesetzten gemeldet hatten.

«Er [Hascoët] wird sogar für seine Toxizität, seine Frauenfeindlichkeit, seine Homophobie und seinen Führungsstil, andere zu vernichten, belohnt.»

Die Entlassungen mehrerer ranghoher, fehlbarer Manager ist ein erster Schritt. Ob sich die Firmenkultur nachhaltig ändern wird, oder ob der Fisch vom Kopf her stinkt, wird sich zeigen. Firmengründer Guillemot und seine ehemalige Nummer 2 waren jahrzehntelang enge Freunde.

Seit 2000 hatte Hascoët den Posten des Global Creative Directors inne. Der 60-jährige Firmenchef Guillemot spricht nun von «toxischem Verhalten» innerhalb der Firma, das er ändern wolle. Das Problem: Hascoëts Verhalten war der Firma seit Jahren bekannt. Das sagen zumindest zehn Personen, die während mehr als einem Jahrzehnt bei Ubisoft tätig waren. Ein HR-Mitarbeiter sagte gegenüber Bloomberg, das Management habe ein allgemeines Misstrauen gegenüber den Opfern gezeigt, was die Abklärung der Vorwürfe erschwert habe. Nun soll sich alles zum Guten wenden, verspricht Guillemot.

Der Fall Ubisoft zeigt exemplarisch: Die Gaming-Branche setzt sich sehr ungern mit Sexismus auseinander, egal ob aufseiten der Hersteller oder der Spieler. Trotzdem kann man das positive Signal, das Ubisoft sendet, nicht leugnen. Bisher waren Betroffene häufig zu verängstigt, ihre Erfahrungen publik zu machen. Wer spricht, zieht oft einen wütenden Mob auf sich. Besonders deutlich wird das immer wieder, wenn sich die Vorwürfe gegen beliebte Streamer richten. Wer den Mund aufmacht, muss mit Beschimpfungen aus der untersten Schublade rechnen.