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BELGIEN: Die Unbeugsame aus der Problemzone

Seit nach den Attentaten in Paris bekannt wurde, dass viele Täter in Molenbeek lebten, gilt die Brüsseler Gemeinde als «Islamisten-Hochburg». Françoise Schepmans will das so nicht hinnehmen. Ein Besuch bei der eigenwilligen Bürgermeisterin.
Remo Hess, Brüssel
Françoise Schepmans bei einem Gedenkanlass zu den Anschlägen vom 22. März 2016 in Brüssel. (Bild: Virginie Lefour/Imago (21. März 2018))

Françoise Schepmans bei einem Gedenkanlass zu den Anschlägen vom 22. März 2016 in Brüssel. (Bild: Virginie Lefour/Imago (21. März 2018))

Remo Hess, Brüssel

Holzgetäferte Wände, überhohe, mit filigranen Malereien verzierte Decken, opulente Bilder im Barockstil: In Françoise Schepmans’ Arbeitszimmer scheint belgische Tradition und Geschichte förmlich auf einen einzustürzen. Welch ein Kontrast zum Bild draussen, wo in manchen Strassen die Frauen nur mit Kopf- tuch unterwegs sind, Geschäfte Nikabs gleich neben Hochzeitskleidern feilbieten.

«Madame la Bourgmestre», wie sie hier alle nennen, empfängt an einem betriebsamen Nachmittag Anfang Mai. «Die Gemeindekanzlei war gerade zwei Tage geschlossen, es gibt ­einiges an liegen gebliebener ­Arbeit», entschuldigt sich die 57-Jährige für die Wartezeit.

Ausmass hat Bewohner schockiert

An Arbeit mangelt es der Bürgermeisterin der Brüsseler Gemeinde Molenbeek ohnehin nicht. Seit den Terroranschlägen von Paris und Brüssel ist sie quasi täglich damit beschäftigt, «ihr» Molenbeek gegen das Vorurteil einer «Islamisten-Hochburg» und des «Terroristen-Nests» zu verteidigen. Ein regelrechtes «Bashing» sei das gewesen, so Schepmans damals, nach den Paris-Anschlägen im November 2015. Dabei hätte es die Molenbeeker vielleicht am meisten von allen schockiert, dass ein Grossteil der bei den Anschlägen beteiligten Terroristen hier, direkt unter ihnen gelebt haben. Salah Abdeslam, der einzige überlebende der ­Paris-Attentäter, versteckte sich sogar noch monatelang im Viertel. Seine Festnahme führte dazu, dass sich der Rest der Molen­beeker IS-Zelle in der Brüsseler U-Bahn und am Flughafen in die Luft sprengte und 32 Menschen mit in den Tod riss.

Ja, es gebe soziale Probleme, Kleinkriminalität und Schwierigkeiten mit religiösen Fanatikern. Trotzdem: «Rechtsfreie Zonen oder No-Go-Areas hat es in Molenbeek keine», so Schepmans auf die Frage, wie viel Wahres an den zahlreichen negativen Medienberichten dran sei.

Sie muss es wissen. Ihr ganzes Leben verbrachte die Tochter eines Journalisten und einer Bibliothekarin in Molenbeek, kennt jede Strasse und jede Ecke. In die Politik gelangte sie früh, über ­Jugendbewegungen und während des Studiums. Dass sie sich den Liberalen des Mouvement Réformateur (MR) um Louis Michel, den ehemaligen Minister, EU-Kommissar und Vater des heute amtierenden belgischen Premiers Charles Michel, anschloss, sei wohl auch einem gewissen Reflex auf ihr Umfeld geschuldet. Immerhin regierten in Molenbeek seit 1939 bis zu Schepmans’ Amtsantritt 2012 ohne Unterlass die Sozialisten.

Vor allem die letzten 20 Jahre unter Langzeit-Bürgermeister Philippe Moureaux hätten Spuren hinterlassen. Dieser habe sich mit einer Laisser-faire-Politik den Herausforderungen der vor allem seit den 90er-Jahren rasant ansteigenden Immigration aus Nordafrika und dem Nahen Osten entzogen, so Schepmans. Heute fehle es vielerorts an einer gesunden Durchmischung in den Quartieren.

«Wir müssen die Quartiere durchlüften», sagt Schepmans. Bei Linken stösst sie mit solchen Aussagen regelmässig auf Ablehnung. Sie sei halt einfach «ein bisschen xenophob» und möge den Islam nicht, heisst es oft. Gleichermassen muss sich sie sich aber auch gegen die andere Seite verteidigen. Etwa wenn der belgische Innenminister Jan Jambon von den flämischen Nationalisten (N-VA) verspricht, er werde Molenbeek jetzt «säubern».

Françoise Schepmans seufzt. Weder wegschauen noch mit der Abrissbirne dreinschlagen, sei das Richtige. Am liebsten würde sie es so machen wie ihr Amtskollege Bart Somers, der die flämische Kleinstadt Mechelen innerhalb von 20 Jahren vom kriminellen Hotspot zur Vorzeigekommune umgemodelt hat. Sein Erfolgsrezept: Law und Order auf der einen, Nulltoleranz gegenüber Diskriminierung und Ausgrenzung auf der anderen Seite. Aber so einfach ist das in Molenbeek nicht.

Während in Mechelen die Wirtschaft prosperiert, grassiert hier die Arbeitslosigkeit. Jeder zweite Jugendliche ist ohne Job, die Gemeinde ist notorisch knapp bei Kasse. Zudem beklagt sich Schepmans über politische Widerstände. Obligatorische Integrationskurse für Neuzuzüger, wie sie es in Flandern seit 2002 schon gibt, kennt man in der Hauptstadtregion Brüssel noch immer nicht.

Immerhin seien ihr nun endlich die 50 zusätzlichen Polizisten zugestanden worden. Die Überwachung klandestiner Milieus, ­islamistischer Vereine und Treffpunkte sei ihr aber auch mit den verstärkten Ressourcen nicht möglich, so Schepmans. Das sei aber auch gar nicht ihre Aufgabe, sondern jene des Nachrichtendienstes und der Justiz, von der sie sich noch mehr Unterstützung erhofft. Schepmans: «Der religiöse Druck in den Quartieren hat nicht abgenommen, wir müssen wachsam bleiben.»

Molenbeek brauche sicher nochmals zehn Jahre, bis die heutigen Anstrengungen Früchte ­tragen würden, so Schepmans. Vor allem die vernachlässigten Jugendlichen in den Strassen gelte es abzuholen. Wird sie im Herbst wiedergewählt, will sie sich mit Leib und Seele dafür einsetzen: «Meine Gemeinde ist meine Verpflichtung», betont sie.

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