BELGIEN: Ultras sorgen für Empörung

Der belgische Fussballclub Standard Lüttich ist stolz auf seine Fankultur. Am Sonntag schockierten die radikalen Ultras aber erneut mit einer unfassbaren Aktion.

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«Red or Dead» («rot oder tot»): Mit diesem Banner (in Anlehnung an die Klubfarben) sorgten Chaoten von Standard Lüttich für einen Eklat. (Bild: AP)

«Red or Dead» («rot oder tot»): Mit diesem Banner (in Anlehnung an die Klubfarben) sorgten Chaoten von Standard Lüttich für einen Eklat. (Bild: AP)

Fabian Fellmann, Brüssel

«Rot oder tot»: Chaoten des belgischen Fussballvereins Standard Lüttich haben ihrem ehemaligen Captain Steven Defour (26) am Sonntag eine schockierende Botschaft geschickt. Als Defour für den Erzrivalen Anderlecht aufs Feld lief, entrollten die Fans ein riesiges Transparent, das nebst dem Spruch einen maskierten Scharfrichter zeigte, in der einen Hand ein von Blut triefendes Schwert, in der anderen Defours abgetrennten Kopf.

«Transparent der Schande»

Die Öffentlichkeit reagiert empört auf das «Transparent der Schande», wie belgische Medien gestern titelten. Noch sind keine zwei Wochen vergangen, seit die Polizei unweit von Lüttich eine Terrorzelle ausgehoben hat. Mehrere Mitglieder der Zelle hatten in Syrien und Irak für den Islamischen Staat (IS) gekämpft, der Enthauptungsvideos zu Propagandazwecken einsetzt. Noch immer sind einige Verdächtige flüchtig, noch immer bewachen Soldaten wichtige Gebäude in der Hauptstadt Brüssel.

Überrascht sollte indes niemand auf die Geschmacklosigkeit der «Ultras Inferno», wie sich die radikale Fangruppe nennt, reagieren. Standard Lüttich ist stolz auf seine Fankultur und reagiert darum jeweils mit Nonchalance auf Exzesse. Vor einem Jahr hatten die Ultras ein Transparent gemalt, auf dem ein Mafioso mit einer Maschinenpistole auf die Gegner schiesst. Das sei keine Drohung mit Gewalt, sondern lediglich eine humorvolle Anspielung auf den Mafia-Film «Scarface», rechtfertigten Ultras damals die Aktion.

Die Belgier wissen nur zu gut, welche Folgen eine fehlgeleitete Fankultur haben kann. Bei einem internationalen Spiel im Brüsseler Heysel-Stadion 1985 griffen Liverpooler Fans die Juventus-Unterstützer an. Es kam zu einer Massenpanik, eine Mauer stürzte ein, 39 Menschen starben, mehr als 400 wurden verletzt.

Als Folge wurden die Vorschriften in Fussballstadien europaweit verschärft, auch in Belgien. Seither mangelt es eigentlich nicht an Mitteln, um gegen fehlbare Fans vorzugehen: Die Polizei ist in den Stadien in zivil präsent, in den Gebäuden selbst stehen sogar jeweils zwei Haftzellen zur Verfügung, die Strafandrohung wurde deutlich verschärft.

Vertrauen zerstört

Unter dem Eindruck des jüngsten Exzesses hat gestern schliesslich auch die Klubleitung von Lüttich mitgeteilt, die Ultras hätten «das Vertrauen zerstört». Sie arbeite mit der Polizei zusammen, um die Verantwortlichen zu ermitteln. Eingeschaltet hat sich zudem das belgische Innenministerium: Gemäss einer Sprecherin kann die Justiz die Fehlbaren mit Bussen von 250 bis 5000 Euro sowie Stadionverboten von 3 Monaten bis 5 Jahren belegen. Bürgermeister Willy De­meyer jedenfalls hat genug. «Der Fussball steht nicht über dem Gesetz», sagte er gestern. Er hat Klubleitung und Fanvertreter zu einem Treffen vorgeladen.

Die Ultras zeigten derweil wenig Verständnis für die Aufregung. Sie hätten genauso ein Recht auf freie Meinungsäusserung wie die von Islamisten ermordeten Redaktoren von «Charlie Hebdo», schrieben einige auf Twitter. Der Fanclub selbst verbreitete eine Teilentschuldigung. Das Motiv des Transparents entstamme einem Film und habe keinen Bezug zum Islamismus, es sei in keiner Weise als Aufruf zur Gewalt zu verstehen.