BERLIN: «Ich möchte unter Menschen sein»

Der ehemalige FDP-Spitzenpolitiker Guido Westerwelle kehrt nach schwerer Krankheit an die Öffentlichkeit zurück. Er erhält das, was ihm stets verwehrt geblieben war: Zuspruch der Öffentlichkeit.

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Der ehemalige FDP-Spitzenpolitiker Guido Westerwelle
zu Gast in der Sendung «Günther Jauch». (Bild: Imago)

Der ehemalige FDP-Spitzenpolitiker Guido Westerwelle zu Gast in der Sendung «Günther Jauch». (Bild: Imago)

Christoph Reichmuth, Berlin

Vor eineinhalb Jahren veränderte eine niederschmetternde Diagnose das Leben von Guido Westerwelle: Bei einer Routineuntersuchung nach einem Sportunfall diagnostizierten die Ärzte beim ehemaligen Spitzenpolitiker der FDP akute Leukämie. Diese Woche ist Westerwelle mit seinem Buch «Zwischen zwei Leben. Von Liebe, Tod und Zuversicht» an die Öffentlichkeit zurückgekehrt – der heute 53-Jährige wirkt dabei wie verwandelt. Er erzählt von einem Martyrium zwischen Hoffen und Bangen, von der Chemotherapie, die ihre Wirkung verfehlt hatte, und von der Stammzellen-Transplantation und von seiner Erfahrung mit dieser bedrohlichen Krankheit Krebs, die alle Menschen gleich mache – ob jung oder alt, reich oder arm, schön oder hässlich, es entwickle sich eine Schicksalsgemeinschaft unter den Krebspatienten. Egal, wer hier im Bademantel und in Hausschuhen über die Spitalgänge schlurft, der Krebs hat sie alle gleich gemacht.

«Es ist jetzt nicht mehr wichtig»

Nichts mehr ist da von jener forschen und teilweise überheblich wirkenden Art, die den früheren FDP-Parteipräsidenten und Aussenminister für viele Jahre zu einem der meistverachteten Politiker im Land machte. Westerwelle erzählt in seinem Buch und bei öffentlichen Auftritten einfühlsam von den Torturen seiner Krankheit. Vor allem aber offenbart der Ex-Spitzenpolitiker, dem wegen seiner stramm neoliberalen Haltung soziale Kälte nachgesagt wurde und der als Schreckgespenst aller Sozialpolitiker galt, eine sehr menschliche Seite, wenn er von Ängsten vor dem Tod schreibt, über den Sinn seiner bisherigen Tätigkeit sinniert und die Liebe zu seinem Lebenspartner würdigt. Die Krankheit, erzählt Westerwelle, habe ihn bescheiden gemacht. Er habe sich oft überlegt, wie unnötig er sich über Dinge echauffieren konnte, die letztlich gar nicht wesentlich sind. Nach erfolgreicher Krebstherapie «kommt man wieder auf das Wichtige. Man freut sich über den Sonnenaufgang, sieht den wunderbar gefärbten Wald.» Der ehemalige Aussenminister in der schwarz-gelben Koalition (2009 bis 2013) sieht seine früheren Auftritte in der Nachbetrachtung durchaus kritisch. Die damalige Zeit komme ihm heute vor wie «aus einer anderen Welt», er habe dazugelernt. «Aber», sagt Westerwelle heute, «für mich ist diese Zeit auch sehr weit weg. Es ist jetzt auch nicht mehr wichtig.»

«Politik ist nicht nur eine kalte Welt»

Westerwelle hat für einen Auftritt in der Sendung «Günther Jauch» am Sonntagabend enorm viel Zuspruch erhalten. Auch frühere politische Gegner würdigten den Mut Westerwelles. Dabei blies dem Ex-Politiker jahrelang eisiger Wind entgegen. In der eigenen Partei arbeiteten seine Gegner noch zu Westerwelles Zeit als Aussenminister an dessen Absetzung. Vergessen war, dass die FDP unter Westerwelle bei den Bundestagswahlen 2009 mit 14,6 Prozent der Stimmen ihr bisher bestes Resultat erzielt hatte. Von linker Seite wurde Westerwelle wegen seiner stramm neoliberalen Art angefeindet, parteiintern machte man ihn rasch für den Niedergang der FDP persönlich verantwortlich, die bei den Bundestagswahlen 2013 an der 5-Prozent-Hürde scheiterte und aus dem Bundestag fiel. Westerwelle aber zeigt sich heute versöhnlich. Er habe in den vergangenen eineinhalb Jahren gesehen, wie viel Vertrauen gerechtfertigt gewesen sei, das er Menschen gegeben habe, sagte er in einem Interview mit dem «Spiegel». «Von Gegnern und politischen Weggefährten, bei denen ich es nie für möglich gehalten habe. Die wirklich standen, sich erkundigten und Zuspruch gaben. Es ist nicht so, dass die Politik nur eine kalte, hässliche Welt ist.»

Beifall für Mensch, nicht Politiker

Nichtsdestotrotz plant Westerwelle, der die Krankheit Leukämie noch nicht zu hundert Prozent überwunden hat, keine Rückkehr in die Spitzenpolitik. «Ich habe komplett andere Sorgen als die Frage, was ich beruflich machen werde. Ich möchte nicht nur überleben, ich möchte auch leben, ich möchte am Leben teilhaben. Ich möchte unter Menschen sein», sagte er in der Sendung «Günther Jauch».

Das Publikum im TV-Studio spendete warmen und lang anhaltenden Applaus. So etwas hat Westerwelle auch schon auf Parteitagen erfahren. Aber heute gilt der Beifall nicht dem Politiker, sondern dem Menschen Guido Westerwelle.

Hinweis
Das Buch «Zwischen zwei Leben. Von Liebe, Tod und Zuversicht» hat Guido Westerwelle zusammen mit dem deutschen Journalisten Dominik Wichmann geschrieben. Das Buch ist am 10. November 2015 im Hoffmann und Campe Verlag erschienen.