BERLIN: Mahnmal soll Häusern weichen

Das längste noch erhaltene Stück der Berliner Mauer soll Luxusappartements weichen. Der Protest der Berliner kommt wohl zu spät.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Mit einem grossen Polizeiaufgebot sicherten die Berliner Behörden gestern jene Mauerabschnitte ab, die Bauarbeiter abreissen sollen. (Bild Christoph Reichmuth)

Mit einem grossen Polizeiaufgebot sicherten die Berliner Behörden gestern jene Mauerabschnitte ab, die Bauarbeiter abreissen sollen. (Bild Christoph Reichmuth)

Es ist kurz nach 9 Uhr morgens gestern Freitag. Etwa 300 Menschen haben sich vor der weltberühmten East Side Gallery versammelt, dem mit 1,3 Kilometern längsten in Berlin noch erhaltenen Mauerstück im Originalzustand zwischen Kreuzberg und Friedrichshain. Vor der Mauer haben sich Dutzende von Polizisten postiert, hinter dem von über 120 Künstlern bemalten Bauwerk aus Zeiten des Kalten Krieges ragt ein Kran hervor, dahinter treffen Bauarbeiter letzte Vorbereitungen. Am Nachmittag soll ein Teil dieses künstlerisch gestalteten, 1961 errichteten Mauerwerks definitiv niedergerissen werden.

Der Grundstückeigner will hier Luxusappartements hinstellen, die Mauer muss weg. «Wir Berliner können nicht einmal mehr mitbestimmen, was mit unserer Stadt geschieht», empört sich eine ältere Frau. Und ein junger Mann herrscht die Beamten an: «Ihr schützt Spekulanten. Merkt ihr denn nicht, dass hier Berliner Geschichte zerstört wird?»

«Ungeheuerlicher Vorgang»

Doch die Chancen der Protestler, die sich mit einer Demonstration und einer Menschenkette gegen den Teilabriss der Mauer wehren, sind gering. 2005 erhielt der Grundstückeigentümer offiziell Baurecht. Bereits am Donnerstagabend wurden erste Mauerteile heruntergerissen. Gestern fuhren die grossen Baumaschinen auf.

Empört zeigen sich auch Politiker aus dem Berliner Senat: «An diesem wichtigen Denkmal darf überhaupt nichts verändert werden», schimpft Uwe Lehmann-Brauns, Senatsabgeordneter der CDU. Die SPD bezeichnet den Abriss als «einen ungeheuerlichen Vorgang». Der Künstler Thierry Noir, dessen Bilder vom Abriss betroffen sein werden, fügt hinzu: «Ich finde es unerträglich, zu sehen, dass die Mauer hier einfach so brutal abgerissen wird.» Der regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), wird nun parteiübergreifend dazu aufgefordert, den Abriss in letzter Minute mit einem Moratorium zu stoppen.

Lösung wurde verpasst

In Berlin fragt man sich allerdings auch, weshalb sich die Senatsmitglieder erst jetzt auflehnen – wo die Baumaschinen doch schon vor Ort sind. Vor Jahren hätte sich der Eigentümer Medienberichten zufolge auf einen Deal eingelassen: Berlin hätte dem Eigner bloss ein Ersatzgrundstück zur Verfügung stellen müssen. Doch die Stadtentwickler schienen sich zumindest damals für das historisch bedeutsame Gebiet nicht sonderlich zu interessieren – der Plan verschwand in einer Schublade.

Viel ist heute nicht mehr übrig von der einst 43 Kilometer langen und 3,6 Meter hohen Berliner Mauer. Und die Einheimischen, die 28 Jahre lang dafür kämpften, dass die Mauer niedergerissen wird, fürchten nun, dass das Symbol des Kalten Krieges irgendwann ganz aus der Stadt verschwindet und in Vergessenheit gerät. 106 Menschen fanden an der Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland den Tod, 200 weitere wurden verletzt. Die Mauer heute ist ein Mahnmal für den Terror und seine Opfer von damals.

«Haut ab!», skandieren die Protestierenden in Richtung Polizei und Bauarbeiter. Ein etwa 40-jähriger Mann beobachtet die Szene leicht abseits daneben und sagt: «Wenn wir immer wieder hierherkommen, dann können die Arbeiter ihr Werk der Zerstörung auch nicht vollbringen.» Doch der Tag werde kommen, an dem den Menschen der Atem ausgehe: «Sobald wir aufgeben, ist dieser Teil der Geschichte für immer zerstört.»