BERLIN: Nur noch 77'000 Mängel festgestellt

Es wird noch teurer und dauert noch länger: Auf dem Gelände des «Pannen-Flughafens» BER warten die Arbeiter, bis sie loslegen können. Das kostet 17 Millionen Euro – pro Monat.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Noch immer kann der neue Berliner Flughafen nicht genutzt werden. Blick durch den mit einer Kette gesicherten Bauzaun auf den Hauptterminal. (Bild: AP/Markus Schreiber)

Noch immer kann der neue Berliner Flughafen nicht genutzt werden. Blick durch den mit einer Kette gesicherten Bauzaun auf den Hauptterminal. (Bild: AP/Markus Schreiber)

«Glauben Sie wirklich, dass das Ding noch aufmacht?» Die Frau vom Sicherheitsdienst muss nun selber herzhaft lachen. Dabei hatte sie eben noch recht grimmig dreingeschaut und war im Begriff zu schimpfen, als sie den Pressevertreter mit der umgehängten Kamera in der abgesperrten Zone auf der Grossbaustelle des Berliner Flughafens entdeckt hatte. Seit zwei Jahren schiebt die Berlinerin, etwa Mitte 50, Wache vor der imposanten Fensterfront des Hauptterminals. Manchmal spiegeln sich tieffliegende Flugzeuge in den leicht verdunkelten Scheiben, dann vernimmt man ein dunkles, lautes Grollen, doch die Passagierjets steuern den alten DDR-Flughafen Schönefeld an, auf dem nicht weit von hier Millionen von Passagieren abgefertigt werden und der aus allen Nähten zu platzen droht. Unbefugten verwehrt die Sicherheitsdame den Zutritt in die Haupthalle. Ins Gebäude rein lässt die resolute Frau nur die paar Arbeiter, die hier morgens ihre Schicht beginnen. Viele sind das nicht: «Da sind schon Leute drin, aber so richtig arbeiten, das können sie noch nicht.»

Die Szene hat etwas Apokalyptisches. Es windet heftig, dunkle Wolken ziehen als Vorboten heftiger Regenfälle auf. Das Areal mit dem neu gebauten Terminal und den vielen eleganten Nebengebäuden, den grosszügigen Plätzen für Fussgänger und Passagiere ist menschenleer. In den Gebäuden brennt überall Licht, obwohl die meisten von ihnen leer stehen.

150 000 nur für Reinigung

Der Stillstand auf der Grossbaustelle verursacht monatlich Kosten von 17 Millionen Euro, davon alleine für die Reinigung 150 000 Euro. Eigentlich sollte hier an der südlichen Stadtgrenze von Berlin seit 2012 Vollbetrieb herrschen. Doch die Eröffnung des seit 2006 im Bau befindlichen Hauptstadtflug­hafens BER musste wegen erheblicher Mängel immer wieder verschoben werden. Inzwischen wagt sich niemand mehr, einen verbindlichen Eröffnungstermin zu nennen: Die Rede war einmal von 2015, doch nicht einmal mehr der gilt als sicher.

Viel zu klein gebaut

Diese Woche wurde bekannt, dass es auf der BER-Baustelle nur noch 77 000 Mängel zu beheben gilt. Tatsächlich wurde es Flughafen-Chef Hartmut Mehdorn nicht etwa peinlich, als er diese Zahl nannte – er nannte sie zu seiner Verteidigung. Denn aus Kreisen des Flughafen-Managements wurde dem 71-Jährigen vorgeworfen, er habe in seinem ersten Jahr als BER-Chef keine wirklichen Fortschritte erzielt. Mehdorn wehrte sich. Schliesslich habe es vor seinem Amtsantritt über 100 000 Mängel gegeben.

Unter der Vielzahl an Mängeln – unter anderem ist der Flughafen für 27 Millionen Passagiere pro Jahr viel zu klein konzipiert – macht vor allem die Brandschutzanlage zu schaffen. Der Siemens-Konzern, der den Auftrag für die Ent­rauchungsanlage erhalten hat, konnte mit dem Bau noch immer nicht beginnen. Weil dringend benötigte Unterlagen fehlen. Sollte Siemens nicht noch in diesem Monat mit den Arbeiten starten, dann ist laut Medienberichten die Inbetriebnahme des Terminals vor Ablauf der Baugenehmigung im Oktober 2016 praktisch ausgeschlossen. Denn Einbau und Test der Anlage würden fast zwei Jahre dauern. Der Flughafen müsste dann also eine neue Baugenehmigung beantragen – was zu weiteren Verzögerung und nochmals höheren Kosten führen würde.

Es braucht 1,1 Milliarden mehr

Die Kosten sind ohnehin schon explodiert. Ursprünglich waren die Kosten für den BER, der den Beinamen Willy-Brandt-Flughafen trägt, mit 1,7 Milliarden Euro veranschlagt. Inzwischen sind Ausgaben von 4,3 Milliarden Euro genehmigt – und Flughafenchef Mehdorn will noch mehr. Denn Anfang 2015 geht der Flughafengesellschaft das Geld aus. Der frühere Bahn-Chef und kurzzeitige Air-Berlin-Manager Mehdorn fordert nun zusätzliche 1,1 Milliarden Euro – wodurch der BER letztlich mindestens 5,4 Milliarden Euro kosten wird.

Die leidige Geschichte rund um den «Pannen-Airport» zehrt offenbar an den Nerven des erprobten Managers. Vor wenigen Tagen verliess er wutentbrannt die Sitzung des Brandenburger Sonderausschusses, nachdem er im Zuschauerraum Harald Siegle erblickt hatte. Den ehemaligen BER-Manager hatte Mehdorn nach persönlichen Querelen kürzlich gefeuert. Tage zuvor war Mehdorn auf dem Nachhauseweg von einer Aufsichtsratssitzung mit seinem Auto verunfallt. Der hinter ihm fahrende alte und erstaunlicherweise auch wieder neue Aufsichtsratschef, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), musste den unverletzten Flughafen-Boss nach Hause fahren. Offenbar geht Mehdorn nahe, dass er seinen vor einem Jahr genannten Eröffnungstermin von 2015 nicht wird einhalten können. Mehdorn hatte im letzten März eine üble Vorahnung, als er den Posten antrat: «Das kann kein Fünfzigjähriger übernehmen, der danach noch Karriere machen will.»