«Berlin war schon immer mein Wunsch»

Christoph Reichmuth (40), Korrespondent in Berlin

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Christoph Reichmuth, Korrespondent in Berlin. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Christoph Reichmuth, Korrespondent in Berlin. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Alle zwei Wochen präsentieren wir in unserer Montagausgabe einen Korrespondenten unserer Zeitung, der über sein Leben draussen an seinem Journalisten-Standort erzählt. Den Auftakt macht Christoph Reichmuth, er ist seit Dezember 2012 unser Korrespondent in Berlin. Der 40-jährige Luzerner hat im Mai 2000 als Reporter bei der «Neuen Luzerner Zeitung» angefangen. Im Jahr 2006 verliess er unsere Redaktion vorübergehend und arbeitete während eines Jahres bei der «Prager Zeitung» in Tschechien. Der sportbegeisterte Kollege wohnt im Bezirk Prenzlauer Berg.

Christoph Reichmuth, Sie leben und arbeiten seit zwei Jahren in der Weltstadt Berlin. Warum haben Sie Luzern den Rücken gekehrt? Ist es Ihnen hier zu ländlich oder zu spiessig?

Christoph Reichmuth: Nein, ich bin ja nicht wegen Luzern gegangen, sondern um etwas Neues zu erleben. Der Abschied fiel mir am Anfang gar nicht mal so leicht. Im Herzen bleibe ich ein Luzerner. Und wenn ich gelegentlich zurückkehre, fühlt es sich an, als ob ich nie weg gewesen wäre. In meinem Stammcafé, im «Meyer», setze ich mich hin, und man serviert mir ungefragt und ohne überschwängliche Einführungsbegrüssung Kaffee. Auch mein gefestigtes Umfeld habe ich hier.

Warum ausgerechnet Berlin?

Reichmuth: Es war immer mein Wunsch. Ich habe eine deutsche Mutter, weshalb wir daheim die Politik Deutschlands verfolgten. In unserem alten Redaktionssekretariat hing eine Liste unserer Auslandkorrespondenten. Ich dachte, es wäre eine heisse Sache, Berlin-Korrespondent unserer Zeitung zu sein. Also nervte ich den Chefredaktor so lange, bis er mich wegschickte (lacht).

Heimweh?

Reichmuth: Nein, das nicht. Aber wenn ich WhatsApp-Bilder oder Facebook-Einträge von sonnigen Abenden am Vierwaldstättersee sehe und hier in Berlin ein eisiger Ostwind pfeift, wäre ich gerne in der Zentralschweiz.

Zumindest als Fussballfan erleben Sie in Berlin heimatliche Gefühle. Der FC Luzern ist das Schlusslicht und Hertha BSC Berlin ist auch nur einen Punkt von einem Abstiegsplatz entfernt. Sind Sie oft im Stadion?

Reichmuth: Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich erst zwei Mal bei einem Spiel der Hertha war. Ich bringe einfach den emotionalen Bezug zu dieser Mannschaft nicht hin, obwohl ich es versucht habe. Eher verfolge ich Spiele des FCL im Internet.

In Luzern spielten Sie in einem Verein Fussball und mittwochs jeweils mit Redaktionskollegen zum Spass. In Berlin sollen Sie laut einem dieser Kollegen den Spitznamen Alpen-Maradona haben. Sind Sie noch am Ball?

Reichmuth: Ich habe in einer Kreuzberger Mannschaft in der Berliner Freizeitliga gespielt. Heute spiele ich noch zum Spass in einer bunten Journalistenmannschaft mit Türken und Polen. In meiner dreissigjährigen Fussballerlaufbahn ist es mir bis heute nicht gelungen, eine gepflegte Flanke mit links vors Tor zu bringen. Der Übername Alpen-Maradona schmeichelt mir, ich halte die Bezeichnung allerdings für leicht übertrieben.

Wo liegt Ihr Arbeitsplatz?

Reichmuth: Mein Büro befindet sich in einem grossen Pressehaus im Bezirk Berlin Mitte. Hier arbeiten Journalisten aus aller Welt. Im Raum nebenan ist zum Beispiel eine japanische TV-Station eingemietet.

Wie sieht eigentlich Ihr Arbeitsalltag aus?

Reichmuth: Ich lese die Tagespresse, schicke morgens Mails an die Redaktion mit Ideen für Geschichten oder für Reportagen. Wenn ich unterwegs bin, werden die Tage oft lang, weil die Distanzen grösser sind als in der Schweiz.

Wie nahe und wie schnell kommen Sie an Spitzenpolitiker heran?

Reichmuth: In der Schweiz hat man von Parlamentariern die Natelnummern. Hier ist die Sache komplizierter. Die Abgeordneten haben Sprecher. Mit denen kann man versuchen, Termine zu vereinbaren, oder man wählt den Weg via Mails. Von heute auf morgen sind kaum Statements einzuholen.

Eine Auskunft auf die Schnelle von Angela Merkel am Telefon gibts also nicht?

Reichmuth: Ist mir noch nicht passiert. Wenns so weit ist, mache ich eine Geschichte darüber.

Ist der Umgangston in Deutschland generell schärfer?

Reichmuth: Schroffer. Immer höflich, aber stets bestimmt. Wenn der Regierungssprecher bei einer Pressekonferenz eine Aussage macht, wird oft vehement nachgehakt und auf frühere Aussagen der Regierung verwiesen. Man spürt, dass die Konkurrenz unter deutschen Medien gross ist.

Konnten Sie sich in Berlin gut eingliedern, oder hatten Sie Schwierigkeiten?

Reichmuth: Man muss sich an die Art der Berliner gewöhnen, dann ist man dabei.

Wie meinen Sie das?

Reichmuth: Der Berliner ist freundlich, aber direkt. Einem Portier in einem Gebäude sagte ich einmal, ich würde mich gerne in der dritten Etage mit einer bestimmten Person treffen. Er ignorierte diese Aussage einfach und blätterte weiter in seiner Zeitung. Als ich ihn fragte, wie ich in die dritte Etage gelange, sagte er: «Na also. Geht doch.» Man muss direkt auf den Punkt bringen, was man will. Die Berliner haben diesen eigenen Humor.

Haben Sie als Korrespondent einer Schweizer Zeitung gegenüber deutschen Kollegen Vorteile oder Nachteile?

Reichmuth: Die Politiker wollen ihre Meinung primär in Deutschland vertreten, weshalb es für den «Spiegel» einfacher ist, den Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel für ein Interview zu gewinnen, als für die «Neue Luzerner Zeitung». Für uns von den ausländischen Medien ist es aufwendiger. Wir müssen öfter nachfragen, aber mit Geduld kommen wir zu Informationen. Zudem ist es hier noch hilfreicher, wenn man gut vernetzt und organisiert ist. Ich bin zum Beispiel Mitglied im Verein der Auslandpresse.

Und wie steht es mit der Fasnacht, gibt es die in Berlin?

Reichmuth: Nein, so etwas ist hier völlig verpönt.

Die fehlt Ihnen nicht?

Reichmuth: Nein. Und wenn dem so wäre, könnte ich nach Luzern fahren.

Wie gestalten Sie Ihre Freizeit?

Reichmuth: Wie gesagt mit Fussball und auch mit Tennis. Dann trinke ich abends auch gerne ein schönes Bierchen oder fahre nach Kreuzberg an ein Konzert oder besuche eine Ausstellung.

Wie lange bleiben Sie in Berlin?

Reichmuth: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Im Moment gefällt es mir gut. Ich kann hier viel lernen. Es wäre schade, wenn ich jetzt meine Zelte abbrechen würde, da ich mich gut eingelebt habe, beruflich und privat. Berlin ist eine tolle Stadt, und ich habe einen super Job.