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BERLIN/MOSKAU: Russischer Schüler erntet Hass für Mitleidsbekundungen

Seine mitfühlenden Worte für deutsche Kriegsgefangene haben Schüler Nikolai Desjatnischenko in seiner Heimat zum meistgehassten Teenager gemacht.
Stefan Scholl, Moskau
Der 16-jährige Gymnasiast Nikolai Desjatnischenko während seiner Rede im deutschen Bundestag. (Bild: Screenshot ARD)

Der 16-jährige Gymnasiast Nikolai Desjatnischenko während seiner Rede im deutschen Bundestag. (Bild: Screenshot ARD)

Russland hat einen neuen Antihelden. Mit dunkelblondem Schopf, leicht abstehenden Ohren und intelligentem Gesicht: Nikolai Desjatnischenko, 16 Jahre, Schüler eines Gymnasiums im sibirischen Nowy Urengoi. «Schweinehund», «Verräter», «er leckt den Faschos den Arsch», dröhnt es in den Kommentaren zu dem Video, das ihn zum meistgehassten Oberschüler Russlands machte: Ein 2:20-Minuten-Auftritt am Volkstrauertag im Deutschen Bundestag, in dem der Teenager über einen bei Stalingrad in Gefangenschaft geratenen Wehrmachtssoldaten berichtet, der im Gefangenenlager starb und dessen Grab in der Uralstadt Kopeisk er besuchte.

«Ich sah die Gräber unschuldig umgekommener Menschen, unter denen viele in Frieden leben und nicht kämpfen wollten. Sie haben während des Krieges unwahrscheinliche Mühen durchlebt, über die mir auch mein Urgrossvater erzählte, der als Kommandeur einer Schützenkompanie am Krieg teilgenommen hatte.» Diese mitfühlenden Worte lösten in Russland einen Shitstorm aus. Es hagelte heftige Tiraden in den Medien. «Dieser umprogrammierte Schuljunge stellt sich hin und rammt der Heimat das Messer in den Rücken», schreibt die Massenzeitung «Komsomolskaja Prawda». Und der nationalpopulistische Duma-Fraktionschef Wladimir Schirinowski schimpft: «Ein Bandit bemitleidet einen anderen.» Sowohl sibirische Regionalabgeordnete wie Duma-Parlamentarier reichten Beschwerden bei Staatsanwaltschaft und Geheimdienst ein, wegen «Rechtfertigung des Nazismus». Man kann Nikolais Worte über die Wehrmachtssoldaten als «unschuldig umgekommene Menschen» durchaus hinterfragen. In der gewaltigen Blutspur, die die deutsche 6. Armee auf ihrem Weg nach Stalingrad hinterliess, bewahrten wohl nur wenige Landser ihre Unschuld.

Und Nikolais Mutter rechtfertigt ihn nun, sie hätte lange mit ihrem Sohn an dem Bericht für den Bundestag gearbeitet, aber am Ende habe er den Text auf zwei Minuten zusammenkürzen müssen. «Es blieben nur Fragmente übrig, beim Lesen wird mir jetzt selbst bange.» Wohl auch wegen der Posts auf Nikolais Seite im Sozialnetz «vkontakte», die drohend fragen, ob er auswandern oder sich lieber aufhängen wolle. Seine Deutschlehrerin Ljudmila Kononenko aber verteidigte ihn: «Er hat die Taten der Faschisten mit keinem Wort entschuldigt.» Auch der Historiker Wladimir Ryschkow stellt sich hinter Nikolai: «Seine Hauptaussage war humanistisch und pazifistisch: Krieg ist immer eine Katastrophe, in der einfache Menschen leiden und umkommen. Das Kesseltreiben gegen den Jungen zeigt nur, wie viel Faschismus, Hass und Gewalt in unserer Gesellschaft noch stecken.»

Gestern erklärte auch Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, der Schüler habe nichts Böses gewollt. «Die exaltierte Hetze, die jetzt stattfindet, ist völlig unverständlich.» Nikolai selbst schweigt noch, teilte seinen Freunden mit, er wolle die Lage klären, wenn er nach Hause kommt. Bleibt zu hoffen, dass es ihm dort besser ergeht als dem 18-jährigen Wlad Kolesnikow aus Podolsk: Er erschien im Juni 2015 in einem T-Shirt mit aufgedruckter ukrainischer Flagge und dem Spruch: «Gebt die Krim zurück!» in seiner Berufsschule. Danach klagte er monatelang über Hassattacken von Verwandten und Altersgenossen. Und im Dezember 2015 brachte Wlad sich mit einer Überdosis Tabletten um.

Stefan Scholl, Moskau

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