BERN: «Wäre schön, wenn noch mehr kämen»

Sie sassen im umstrittenen US-Gefangenen- lager Guantánamo. Vor drei Jahren kamen sie in die Schweiz, um ein neues Leben zu beginnen. Der Neustart gestaltet sich für die drei Uiguren alles andere als leicht.

Eva Novak
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Die beiden ehemaligen Guantánamo-Häftlinge Arkin (links) und Bahtiyar Mahmut. (Bild: Keystone)

Die beiden ehemaligen Guantánamo-Häftlinge Arkin (links) und Bahtiyar Mahmut. (Bild: Keystone)

Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Während die Augen der Weltöffentlichkeit auf Guantánamo gerichtet sind, wo mittlerweile über die Hälfte der Insassen mit einem Hungerstreik gegen die elfjährige Inhaftierung ohne Anklage protestiert, ist es um die drei ehemaligen Häftlinge in der Schweiz still geworden. «Von den Kantonen, die für die Betreuung zuständig sind, liegt keine Meldung über besondere Vorkommnisse vor», bestätigt Guido Balmer, Sprecher des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD).

Es ist jetzt schon mehr als drei Jahre her, dass Genf einen Usbeken aus Guan­tánamo aufgenommen hat. Bald darauf fand ein uigurisches Brüderpaar im Jura eine neue Heimat. Die humanitäre Aufnahme des Trios erfolgte unter einer Reihe von Bedingungen. So verpflichteten sich die zu Unrecht Inhaftierten nach ihrer Freilassung, die hiesige Rechtsordnung zu respektieren und Französisch zu lernen – und äusserten sich willens, zu arbeiten und selber für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

Probleme mit dem Französischen

Letzteres ist nicht ganz einfach, wie die Geschichte von Arkin (49) und Bahtiyar Mahmut (37) zeigt. Der jüngere der beiden Uiguren hat zwar wenige Monate nach seiner Ankunft eine Ausbildung in einer Uhrenfabrik begonnen. Doch inzwischen widmet sich Bahtiyar wieder ganz der Sprachausbildung, wie Endili Memetkerim sagt. Der Präsident des Ost-Turkestan-Vereins der Schweiz, in dem die rund 100 Uiguren in unserem Land zusammengeschlossen sind, hat seinen Landsmann zuletzt vor zwei Wochen getroffen und berichtet: «Bahtiyar war glücklich, als er gearbeitet hat.» Doch er habe gemerkt, wie wichtig die Sprache sei.

Von Anfang an mehr Mühe mit der sprachlichen Integration hatte der ältere Bruder Arkin. Der gelernte Schuhmacher hat in der uigurischen Provinz Xinjiang in China Frau und Kinder, die er nur telefonisch kontaktieren kann, da die Mahmuts in China weiterhin als Terroristen gelten, obwohl sie unschuldig im Gefängnis sassen. Auch er lernt fleissig Französisch, doch es reicht nicht. Deswegen habe Arkin noch keinen Job gefunden, bedauert Memetkerim, und fügt bei: «Das ist schlecht für die Moral.»

Trotzdem gehe es seinen beiden Landsleuten so weit gut. Sie nähmen nach Möglichkeit an den Treffen der uigurischen Gemeinschaft in der Schweiz teil und hätten auch andere Menschen kennen gelernt, Einheimische ebenso wie Einwanderer aus anderen Ländern. Bahtiyar etwa gehe joggen oder spazieren, rufe Kollegen an und vertreibe sich die Zeit mit Lesen oder Fernsehen.

Wie die anderen Schweizer Uiguren verfolgen auch die Mahmuts mit Sorge, was in Guantánamo vor sich geht – «nicht erst seit im Februar der Hungerstreik begonnen hat», wie Memetkerim betont. Ob die noch in Haft verbliebenen drei Uiguren ebenfalls streiken, wissen ihre Landsleute in der Schweiz nicht. Sie würden sich aber wünschen, dass auch diese von einem demokratischen Land aufgenommen würden. «Es würde uns freuen, wenn noch mehr Uiguren kommen könnten», sagt Memetkerim. Wobei es nicht unbedingt die Schweiz sein müsse, der man überaus dankbar sei: «Andere Länder sprechen ständig von Menschenrechten», fügt er bei.

Bislang keine neue Anfrage

Trotz Hungerstreik liegt indessen keine Anfrage für die Aufnahme weiterer Insassen aus Guantánamo vor, wie Tilman Renz vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) erklärt. Von gemeinsamen Aktionen mit anderen Staaten ist ebenfalls nichts bekannt.

Sehr zum Bedauern von Louis Schelbert, der es begrüssen würde, wenn sich die Schweiz daran beteiligte: «Ein solches international koordiniertes Angebot würde helfen, den Druck auf die USA zu erhöhen», sagt der grüne Luzerner Nationalrat. Das Gefängnis auf Kuba gehöre endlich geschlossen – ganz wie es US-Präsident Barack Obama längst versprochen habe.