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BIAFRA: Sezession: Ein Gespenst geht um in Nigeria

Im Südosten des afrikanischen Ölstaates Nigeria lebt die Idee eines eigenen Staates wieder auf. 50 Jahre nach einem der blutigsten Konflikte in Afrika setzen Sezessionisten und Zentralstaat erneut auf einen gefährlichen Konfrontationskurs.
Walter Brehm
Demonstranten in Umuahia fordern die Unabhängigkeit Biafras. (Bild: Lekan Oyekanmi/Keystone (28. Mai 2017))

Demonstranten in Umuahia fordern die Unabhängigkeit Biafras. (Bild: Lekan Oyekanmi/Keystone (28. Mai 2017))

Walter Brehm

In der nigerianischen Provinzhauptstadt Asaba haben bewaffnete Männer am vergangenen Sonntag einen Markt angegriffen, der hauptsächlich von muslimischen Zuwanderern aus dem Norden des Landes besucht wird. Vier Personen wurden getötet. Im Südosten Nigerias nehmen ethnische Spannungen wieder zu – und wecken böse Erinnerungen.

Er hat das Afrikabild vieler Europäer geprägt: der Biafra-Konflikt. 50 Jahre ist es her, dass sich die Region im Südosten des Landes am 30. Mai 1967 unter dem Staatsnamen Biafra von Nigeria losgesagt hatte. Am 6. Juni 1967 griff dann Nigerias Armee die Sezessionisten an. Der Biafrakrieg hatte begonnen. Er entwickelte sich zu einem der blutigsten Konflikte seit dem Zweiten Weltkrieg. Nach 30 Monaten Krieg waren 2,5 Millionen Personen tot – der Gewalt oder dem Hunger zum Opfer gefallen. Vor allem die Bilder von hungernden Kindern lösten internationales Entsetzen aus. Zum ersten Mal seit der Kongokrise Anfang der 1960er-Jahre war Afrika wieder in den Schlagzeilen europäischer Medien präsent.

Igbos beklagen Folter und Marginalisierung

Nach einer Reihe blutiger Angriffe vor allem auf Polizeikräfte beschuldigen Nigerias Behörden nun die Rebellenorganisation Indigenes Volk von Biafra (Ipob) als Täter und verbieten sie. Das Verteidigungsministerium wirft der Ipob vor, die Bevölkerung zu terrorisieren. Die Ipob wiederum wirft Nigerias Streitkräften gewaltsame Übergriffe auf ihre Aktivisten vor. Ein Video im Internet soll belegen, dass die Armee in der Region Zivilisten foltert. Die Echtheit der Bilder, wann und wo sie entstanden sind, lässt sich nicht schlüssig belegen. Die Armee immerhin bestätigt die Echtheit des Videos indirekt. Man untersuche den Vorfall, hiess es in Nigerias Hauptstadt Abuja. Das Video wird derweil im Internet hunderttausendfach angeklickt.

Die Biafra-Rebellen beklagen die erneute Marginalisierung der mehrheitlich christlichen Igbo-Volksgruppe. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International stuft den erneut erwachenden Konflikt als bedrohlich ein. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) warnt derweil davor, die Ipob in die Illegalität abzudrängen.

Seit dem Krieg vor 50 Jahren sei die Krise politisch nie aufgearbeitet, sondern tabuisiert worden. Die Proteste der Ipob und anderer Gruppen zeigten jedoch, wie virulent die Biafra-Frage in Nigeria immer noch sei. Der ethnisch und religiös unterfütterte Konflikt war und ist aber auch ein wirtschaftlicher. Die Ölnation Nigeria erwirtschaftet ihren potenziellen Reichtum vor allem im Südosten des Landes.

Der Streit über die Verteilung der Öl-Einkünfte ist seit über 50 Jahren auch ein Konflikt zwischen dem muslimisch geprägten Norden und dem christlich geprägten Süden. 1967 war es schon vor der Sezession Biafras zu blutigen Ausschreitungen zwischen den Volksgruppen Igbo und Haussa mit Zehntausenden Toten gekommen. Tatsache ist, dass seit der Unabhängigkeit Nigerias nie ein Vertreter der Volksgruppe der Igbo Präsident des Landes war. Einer der Hauptvorwürfe der Biafra-Rebellen an den Zentralstaat ist in der Konsequenz denn auch, dass wichtige Posten und politische Ämter stets mit Personal aus dem Norden besetzt würden.

Heute gibt es keine verlässlichen Angaben darüber, wie viele Menschen im Südosten Nigerias die erneute Forderung nach Unabhängigkeit Biafras unterstützen. Ausserhalb des ehemaligen Sezessionsgebietes scheint das Thema jedoch kaum zu mobilisieren. Die Befürworter aber behaupten, die Welt stehe hinter ihnen. So unterstütze die EU ein Referendum über Biafra, wie es die Ipob fordere. Im Internet wurde dazu eine wohl «getürkte» Stellungnahme des EU-­Kommissionspräsidenten Jean-­Claude Juncker veröffentlicht. Auffällig ist dabei vor allem das Schweigen des Ipob-Anführers Nnamdi Kanu. Der Sohn eines traditionellen Chiefs aus der Provinz Abias soll nach einem Angriff der Armee auf sein Haus abgetaucht sein.

Politischer Machtkampf hinter den Kulissen

Wie gefährlich ein erneuter Biafra-Konflikt wäre, lässt sich aus der nun mehrfachen Bedrohung der staatlichen Einheit Nigerias ersehen. Während dies im Süden die Biafra-Rebellen tun, wütet im muslimischen Norden nach wie vor der Dschihad-Terror der Boko Haram.

Hinzu kommen Gerüchte, hinter Kanus Ipob stünden mächtige nigerianische Politiker, denen es vor allem darum gehe, die Regierung Präsident Muhammadu Buharis zu destabilisieren. Der Muslim löste in den Wahlen 2015 den Christen Goodluck Jonathan ab, was viele Nigerianer im Südosten nie akzeptierten.

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