Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Biarritz, die Stadt der Widerspenstigen

Biarritz hat nicht auf die Weltenherrscher gewartet: Im baskischen Seebad am Atlantik rümpft man über den G7-Gipfel die Nase.
Stefan Brändle aus Biarritz
Ein Surferparadies: Blick auf den Strand in Biarritz. (Markus Schreiber/AP, 21. August 2019)

Ein Surferparadies: Blick auf den Strand in Biarritz. (Markus Schreiber/AP, 21. August 2019)

Es ist seine Art, Missfallen auszudrücken: Nur mit einer Badehose bekleidet, das Surfbrett unter dem Arm, schreitet der junge Mann durch die leeren Gassen der abgeriegelten Stadt, in Richtung Südstrand. Die dröhnende Polizeistaffel auf Motorrädern, die seinetwegen am Fussgängerstreifen halten muss, würdigt er keines Blickes.

Auch nicht das übrige Dispositiv, das aus Biarritz eine Festung macht. Drohnen und Hubschrauber, Boden-Luft-Raketen in Tarnos und eine Fregatte vor dem gesperrten Stadtstrand: Zu sehen ist das alles auf der Facebook-Seite «SOS G7 Biarritz» eines parteilosen Oppositionspolitikers. 13 000 Abonnenten hat die ständig aktualisierte Webseite schon – bei 25 000 Einwohnern.

Grafik: StepMap

Grafik: StepMap

Monarchen brachten Glanz und Glamour

Der Surfer schaut demonstrativ weg, wenn dunkle Männer mit dunklen Sonnenbrillen vor dunklen Lieferwagen auf Englisch in ihre Handmuscheln murmeln. Nicht, dass die «Biarrots», wie sich die Stadtbewohner nennen, etwas gegen Englisch hätten: Im 19. Jahrhundert hatten Briten aus dem Fischer- und Korsarennest ein mondänes Seebad gemacht. Kaiserin Eugénie, die Gattin Napoleons III., liess den Hotelpalast bauen, in dem an diesem Wochenende die sieben Weltgranden zusammentreffen. Der britische König Edward VII. verlebte dort seine Sommerzeit; zu den Gästen gehörten auch Charlie Chaplin, Frank Sinatra oder Gary Cooper.

Biarritz ist eine kosmopolitische Stadt, sie hat etwas Britisches, aber auch etwas Pariserisches, gar Spanisches. Sie ist mondän, nonchalant und stolz auf ihre Postkartenkulisse, aber zugleich baskisch schlicht und ungezwungen. Das Flair einer Bäderstadt mit Kasino und Luxushotels prägt sie ebenso wie die Brandung der endlosen, wellenreichen Sandküste. Und für Surfer wie auch Rentner gilt: In Biarritz ist man braungebrannt, so weit man sich zurückerinnern kann.

Ein solches Lebensgefühl passt schlecht zu einem militärisch abgeschotteten Diplomatenreigen, dessen tieferer Sinn vielen entgeht. Am städtischen Schalter, wo Passierscheine für die «rote» und «blaue» Sicherheitszone ausgegeben werden, klagt ein stämmiger Kerl in der Warteschlange lauthals, nicht einmal Rugby könne man noch spielen: Die Armeehubschrauber haben den Stadionrasen des Vereins «Biarritz Olympique» konfisziert.

«Von mir aus könnten alle zu Hause bleiben»

Im Surfshop Takamaka klagt der Verkäufer ebenfalls: «Der G7 vertreibt die Touristen. August ist der wichtigste Monat für unser Geschäft. Jetzt büssen wir ein Drittel Umsatz ein.» Doch wird die Stadt nicht langfristig vom Renommee einer G7-Stadt profitieren? Die Gerantin der Immobilienagentur Côte d’Argent meint: «Wir haben keine Gratiswerbung nötig, unsere Hotels sind auch so ausgebucht.» Und die Quadratmeterpreise seien in Biarritz schon hoch genug. «Von mir aus», fügt sie an, «könnten Trump, Macron und alle anderen zu Hause bleiben.»

Stichwort Trump. In der Regionalzeitung «Sudouest» werden die G7-Teilnehmer als Spieler des baskischen Nationalsportes Pelota skizziert, in der Hand den traditionellen Spitzkorb, dessen Führung viel Geschick erfordert. Donald Trump hingegen rückt in der Karikatur mit einem dicken Baseballschläger an.

Emmanuel Macron kommt nicht viel besser weg. Biarritz, die Stadt mit dem mässigenden Meeresklima, wählt auch politisch temperiert. Im Präsidentschaftswahlkampf 2017 votierte sie zu fast 80 Prozent für den amtierenden Staatschef; der Extremistin Marine Le Pen erteilte sie eine Abfuhr von gerade 20 Prozent. Seither ist Macron aber in der Gunst der Biarrots gesunken. Und das nicht nur, weil er Biarritz zum G7-Austragungsort machte. Die naturnahe und –verbundene Stadt trägt ihm nach, dass er seine ökologischen Versprechen nicht eingehalten hat. Im Bus der Linie C erzählt eine jüngere Passagierin in ihr Handy, Macron setze sich wortreich für den Tierschutz ein; bei der jüngsten Corrida im benachbarten Bayonne, bei der mehrere Stiere getötet worden seien, hätten gleich zwei Macron-Minister applaudiert: «Das waren Stierkampf-Anhänger!»

Schrumpfendes Paradies

Viel zu reden gibt in Biarritz auch ein Bericht des Umweltverbandes «France Nature Environnement». Dieser hat rechtzeitig zum G7 eruiert, woher der braune Wellenschaum stammt, der die Strände von Biarritz nach stürmischem Wetter jeweils verunreinigt. Verursacher sind chemische Waschpulverrückstände, die in das Meer gelangten. Wenn dagegen nichts unternommen werde, verliere das Meerwasser im Golf von Biskaya seinen Sauerstoff und werde zu einem «toten Wasser», warnt der Bericht.

Die Stiftung Surfrider begleitet den G7 in Biarritz ihrerseits mit einem «Ocean Call». Es ist ein Ruf des Ozeans für nachhaltigen Tourismus, für den Schutz der Biosphäre , für den Kampf gegen Plastikmüll im Meer und gegen die Klimaerwärmung. Letztere kostet die Sandstrände um Biarritz jährlich einen Meter Boden. Das Surferparadies schrumpft. Und in Biarritz zweifelt man, ob die G7-Vertreter wirklich etwas da

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.