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BILANZ: IS verliert Gebiet, aber nicht Strahlkraft

Die irakische Armee hat am Wochenende die Kontrolle über Ramadi übernommen. Die stärksten Verluste haben jedoch die Kurden der Terrormiliz IS beigebracht. Und dennoch: Die Dschihadisten finden weltweit immer mehr Anhänger.
Martin Gehlen, Kairo
Quelle: DPA, Brookings Institution, IHS (Bild: Grafik: Martin Ludwig)

Quelle: DPA, Brookings Institution, IHS (Bild: Grafik: Martin Ludwig)

Martin Gehlen, Kairo

Vor zwei Jahren waren seine Krieger noch eine bizarre Filiale von el Kaida im Irak und in Syrien. Heute ist der Islamische Staat die mächtigste und reichste Terrororganisation der Welt mit eigenem Staatsgebiet und globaler Propagandamaschine, die Radikale auf allen Kontinenten mobilisiert. In zahllosen Sprachen brüsten sich die Dschihadisten auf Twitter und Facebook mit Enthauptungen, Massenhinrichtungen und Kreuzigungen – eine bestialische Brutalität, zu der selbst ihre früheren El-Kaida-Chefs in Afghanistan auf Distanz gingen. Die Henker schneiden Gefangenen vor laufender Kamera die Köpfe ab, überrollen ihre Opfer mit Panzern oder verbrennen sie bei lebendigem Leibe in Käfigen. Jesidische Frauen wurden zu Tausenden verschleppt und als Sex-Sklavinnen an verdiente Kämpfer verkauft. Als «mittelalterlich-modernen Faschismus» prangerte US-Aussenminister John Kerry das Treiben der IS-Mörder an.

Staatsprojekt mit Verlusten

Anders als Vorgänger el Kaida versteht sich der IS als dschihadistisches Staatsprojekt, das mittlerweile über mehr als zehn Millionen Menschen herrscht. Neben spektakulären Geländegewinnen stehen jedoch auch empfindliche Niederlagen. Vor allem die Kurden nahmen den Dschihadisten nach Angaben der Experten von IHS Jane’s, einem militärwissenschaftlichen Verlag der weltweit tätigen IHS-Gruppe, in den letzten zwölf Monaten rund 14 Prozent ihres Herrschaftsgebietes ab (siehe Grafik). Nach heftigen Kämpfen mussten die Extremisten die wichtigen Grenzorte Kobane und Tel Abyad räumen, Ende November auch die strategisch wichtige Kleinstadt Sinjar, deren Überlandstrasse die beiden mesopotamischen IS-Zentren Mossul und Tel verbindet.

Endlich ein Erfolg für die Armee

Weit weniger erfolgreich agierte bisher die irakische Armee. Sie konnte Tikrit befreien und die wichtige Raffinerie von Baidschi zurückerobern, dafür gelang es den Dschihadisten, im Westen des Iraks grosse Teile der Anbar-Provinz mit den Städten Ramadi und Falludscha in ihre Gewalt zu bringen. In Syrien schossen sie sich durch die Eroberung von Palmyra den Weg in Richtung Damaskus frei und legten die legendäre antike Ruinenstadt weitgehend in Trümmer. Einzig in Ramadi ist der Versuch einer Gegenoffensive von Bagdads Soldaten gelungen. Den Aussenbezirk Al-Tameem und den Campus der Anbar-Universität im Südwesten konnten sie zurückerobern und von dort unter heftigen Kämpfen in das Zentrum vordringen. Am Sonntag dann konnte Armeesprecher Sabah al-Numani verkünden, dass die irakischen Soldaten mit dem Regierungsgebäude die Kontrolle über den letzten Rückzugsort des IS in der Stadt übernommen hätten. Damit sei der IS in Ramadi besiegt. Es habe kaum Widerstand gegeben. Zahlreiche IS-Kämpfer seien geflohen oder bei Luftangriffen getötet worden. Gestern hissten irakische Soldaten die Nationalflagge in Ramadi.

Doppelt so viele Dschihadreisende

Ideologisch ist die Anziehungskraft des Islamischen Staates ungebrochen, sodass er sich parallel zu seinem Kalifats-Territorium in Syrien und im Irak immer mehr zu einem globalen Terrorimperium entwickelt. In Paris massakrierten neun IS-Fanatiker in einer beispiellosen Attentatsserie 131 Menschen. Auch das Mörderpaar im kalifornischen San Bernardino, das 14 Leute erschoss, schwor auf seiner Facebook-Seite dem selbst ernannten IS-Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi Gefolgschaft. Gleichzeitig verdoppelte sich nach US-Erkenntnissen in den zurückliegenden zwölf Monaten die Zahl der nach Syrien und Irak eingesickerten Dschihadisten auf 27 500. Drei Dutzend Extremistengruppen in 18 Staaten haben sich der Terrormiliz angeschlossen, darunter auch Kommandos in den südlichen Mittelmeeranrainern Tunesien, Libyen und Ägypten.

Aus Tunesien stammen nach Erkenntnissen von UNO-Experten 5500 Dschihadisten, die an der Seite des Islamischen Kalifates kämpfen, darunter 700 junge Frauen. Das benachbarte Libyen vermarkten die IS-Krieger inzwischen als ihr zweites Kalifat. 2000 bis 3000 Kämpfer halten sich mittlerweile in dem Post-Ghadhafi-Staat auf, vor einem Jahr waren es noch keine 200. Nun fürchten auch Libyens südliche afrikanische Nachbarn Tschad und Niger, dass sich das teuflische Bomben-Know-how in ihren Staaten ausbreiten könnte.

Über soziale Medien bis nach China

Die Krieger des Islamischen Staates sind gut trainiert und kriegserfahren, die Zahl der willigen Selbstmordattentäter ist beispiellos. Nach Schätzungen von Brüssel kämpfen 6000 Europäer in ihren Reihen, darunter 25 ehemalige Bundeswehrsoldaten. Aus den arabischen Staaten stammen mindestens 20 000 Extremisten, die grössten Kontingente aus Tunesien, Saudi-Arabien und Marokko – inzwischen aber auch aus dem Kaukasus und den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens, ja sogar aus China. Geworben werden die Dschihadisten vor allem im Internet und in radikalen Moscheen. Nach einer Studie der renommierten Brookings Institution in Washington verfügt der IS über 45 000 bis 70 000 Twitterkonten, die im Durchschnitt je 1000 Follower haben.

Ausgereiftes Finanzierungskonzept

Das Vermögen der Terrormiliz taxieren westliche Geheimdienste auf mehr als 2 Milliarden Dollar. Die USA und Europa verdächtigen seit langem superreiche Privatleute, salafistische Stiftungen und Moscheevereine aus Kuwait, Katar, den Emiraten und Saudi-Arabien, die Terroristen zu finanzieren. Darüber hinaus verkaufen die Terrorführer in grossem Massstab Öl aus eroberten Fördergebieten in Syrien und im Irak, betreiben Kidnapping und Schutzgelderpressung. Unternehmen müssen Wegzölle entrichten, die zehn Millionen Untertanen zahlen Steuern. Nach einer Studie der amerikanischen Rand-Stiftung nimmt der IS allein durch Erpressung und Steuern im Jahr 400 Millionen Dollar ein. Hinzu kommen 500 Millionen aus dem Verkauf von Erdöl über türkische, irakische und kurdische Mafiabanden. Dreistellige Millionenbeträge fliessen obendrein durch den Schmuggel mit geraubten Antiquitäten.

Noch kein Mittel gefunden

Dagegen findet die internationale Gemeinschaft bisher kein überzeugendes Rezept, mit dem den Fanatikern beizukommen wäre. Kurz vor Weihnachten verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat einstimmig eine Resolution, die die Finanzströme des IS kappen soll. Eine internationale Luftallianz unter der Führung der USA flog seit August 2014 über 8500 Angriffe auf IS-Stellungen, ohne dass ein spürbarer Effekt erkennbar wäre. Eine jüngst vom saudischen Vizekronprinzen Mohammed bin Salman in Riad ausgerufene islamische Allianz gegen den Terror aus angeblich 34 Staaten steht bisher nur auf dem Papier. Vor allem aber fürchten die westlichen Nationen ihre Rückkehrer aus Syrien und dem Irak, kriegserfahren, fanatisiert und extrem kaltblütig. «Alle europäischen Sicherheitsdienste, mit denen ich im letzten Jahr gesprochen habe, haben panische Angst vor diesem Thema», so Terrorexperte Bruce Riedel von der Brookings Institution. Denn man könne einfach nicht alle im Auge behalten. «Für diese Bedrohung gibt es praktisch keine Lösung.»

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Zu den Gräueln des IS im Jahr 2015 und zu den internationalen Bestrebungen, die Terrormiliz zu bekämpfen, lesen Sie im Jahresrückblick in der Beilage der heutigen Zeitung.

Mindestens 14 Tote bei Anschlägen in Homs

Syrien sda. In Syrien sind auf Grundlage eines von der UNO vermittelten Abkommens zwischen Rebellen und Regierung 450 Menschen aus drei lange umkämpften Städten abtransportiert worden. Aus Sabadani, der letzten Rebellenbastion an der Grenze zum Libanon, seien gestern die ersten von 120 Kämpfern abgezogen worden, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Sie würden nun über den Libanon und die Türkei in andere Rebellengebiete in Syrien gebracht. Aus den letzten von Regierungstruppen gehaltenen schiitischen Ortschaften in der nordwestlichen Provinz Idlib, Fua und Kafraja, würden im Gegenzug 335 Zivilisten und Kämpfer in andere Städte unter Kontrolle von Damaskus gebracht, teilte die oppositionsnahe Beobachtungsstelle weiter mit. Ihre Angaben wurden von unabhängiger Seite zunächst nicht bestätigt.

Die UNO und ausländische Regierungen versuchen durch regional begrenzte Waffenstillstände und freie Abzüge die Voraussetzungen für ein Ende des seit fünf Jahren andauernden Bürgerkriegs zu schaffen.

Bis zu 132 Verletzte
In der syrischen Stadt Homs ist es trotz des Waffenstillstands jedoch zu einem Doppelanschlag gekommen. Medienberichten zufolge sind dabei mindestens 14 Menschen getötet worden. 132 weitere Menschen seien bei den zeitgleichen Bombenexplosionen im Viertel Al-Sahraa verletzt worden, berichtete das staatliche Fernsehen. Die Syrische Beobachtungsstelle sprach von 32 Toten und 90 Verletzten.

Die meisten Einwohner des Viertels sind wie Staatschef Baschar el Assad und seine Familie Alawiten. Gouverneur Talal Barasi sagte der Nachrichtenagentur AFP, zunächst sei eine Autobombe detoniert, dann habe sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana meldete, zwei Autobomben seien explodiert.

Im gleichen Stadtteil von Homs war am 12. Dezember ein Anschlag verübt worden, bei dem 16 Menschen getötet wurden. Dazu hatte sich die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) bekannt. Homs war eine der ersten Städte, die sich im Frühjahr 2011 gegen die Herrschaft Assads aufgelehnt hatten, und war lange eine Hochburg der Rebellen. Nach jahrelanger Belagerung und heftigen Kämpfen waren die Aufständischen aber gezwungen, die Innenstadt zu räumen. Anfang des Monats mussten die Rebellenkämpfer im Zuge des von der UNO vermittelten Abkommens mit der Regierung auch das Viertel Waer verlassen, das als letzter Stadtteil noch von ihnen kontrolliert worden war. Seither gilt ein Waffenstillstand.

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