Bizutage
Bizarre Riten an Frankreichs Eliteschulen

Die Vergewaltigung einer Studentin wirft ein Schlaglicht auf das Ritual «bizutage» Frankreich.

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Feuertaufe in der Nasszelle

Feuertaufe in der Nasszelle

Stefan Brändle, Paris

Manchmal ist es ein harmloser Jux. Dem Opfer wird zum Beispiel Zucker in die Bettlaken gestreut; es muss eine Stunde lang die Marseillaise pfeifen oder mit Lockenwicklern auf die Strasse. Manchmal werden die Neulinge der Schule allerdings schon etwas härter angepackt: Mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, müssen sie bis zur Erschöpfung Liegestützen machen oder zu einem Pornofilm das Gestöhn liefern. Unter dem Einfluss von Alkohol werden ihnen am Schuljahresfest auch schon mal die Schamhaare rasiert, es sei denn, sie werden mit geschmolzener Schuhcreme eingerieben oder müssen sich auf dem Toilettenboden im Kot drehen.

Postpubertäres Amusement

Das postpubertäre Amusement für ältere Schulsemester nennt sich in Frankreich «bizutage». Vor allem Eliteschulen sind betroffen; und je gebildeter der Ort, desto primitiver geht es oft zu und her. Wer in der
Pariser Metro von bettelnden Ärztestudis in Windeln angegangen wird oder wer in der Provinz auf Jungingenieure in Rasierschaumkleid stösst, weiss jedenfalls: Es sind «bizuts», Opfer des bizarren bizutage-Humors.

Warum dieser gerade in Frankreich grassiert, hat die Autorin Anne Wacziarg einmal in einem Buch namens «Demütigung an den Eliteschulen» zu eruieren versucht. Entgegen der landläufigen Ansicht ist das französische Schulwesen durch Drill, Paukerei und Anpassungsdruck geprägt. Auch die starke Hierarchisierung der französischen Gesellschaft äussert sich in der Hackordnung an der Schule, wo Neuankömmlinge zuerst einmal «geschlaucht» werden, bis sie sich willig in die Herde einfügen. So werden an den französischen Eliten Gehorsam gelehrt und Widerstand gebrochen, meint Wacziarg in ihrem schon vor Jahren erschienenen Buch. Wer im ersten Jahr an der Handelsschule «bizutiert» worden sei, bizutiere im zweiten Jahr oft selbst mit grösstem Vergnügen.

Exzesse können bestraft werden

Für andere fallen zum Teil schwere körperliche und vor allem psychische Schäden an. Das Problem ist in Frankreich durchaus erkannt: Seit 1997 stellt sogar ein Gesetz die bizutage-Exzesse unter Strafe. Das Gesetz wird jedoch kaum je angewendet. Die bizutage-Tradition bleibt fest verankert. Selbst Lehrer und Schulleitungen decken sie und blocken Anfragen erboster Eltern ab. Und die Hauptopfer – meist die Schwächsten unter den Neuschülern – erstatten natürlich selten Anzeige, um sich nicht unbeliebt zu machen.

Studentin vergewaltigt

Am letzten Wochenende wurde die Mauer des Schweigens, die gerade die barbarischsten bizutage-Abende umgibt, wieder einmal durchbrochen. In Grasse an der Côte d’Azur wurde nach einer Handelsschul-Fete ein offenbar unter Schock stehendes Mädchen in zerrissenen Unterkleidern im Keller gefunden. Die herbeigerufene Polizei erkannte auf Vergewaltigung, und die 24-jährige Studentin im ersten Semester reichte Klage gegen unbekannt ein.

Erst jetzt reagierte die Schule ICN; die Direktion vermutete, dass Aussenstehende das Mädchen missbraucht hätten. Dabei hatte dieses «Integrationswochenende» – wie die Bizutier-Partys heute beschönigend genannt werden – hinter verschlossenen Türen stattgefunden. Die Direktion musste nun ein «Moratorium» für solche Partys verordnen. Ansonsten betont sie, die ICN bleibe «eine der besten französischen Handelsschulen».