Blutbad in Texas
Ändert sich nach dem Massaker an 19 Viertklässlern endlich etwas in Amerika? Was dafür spricht – und was dagegen

Nach dem Massenmord an insgesamt 21 Menschen in der Provinzstadt Uvalde (Texas) wird in Washington erneut über eine Verschärfung der Waffengesetze diskutiert. Ein Überblick.

Renzo Ruf, Washington
Drucken
Kreuze erinnern in Uvalde (Texas) an die insgesamt 21 Opfer des Massakers in der Robb Elementary School in der Provinzstadt.

Kreuze erinnern in Uvalde (Texas) an die insgesamt 21 Opfer des Massakers in der Robb Elementary School in der Provinzstadt.

Jae C. Hong / AP

Das spricht für neue Waffengesetze

1. Das Entsetzen über das Massaker setzt die Politik unter Druck

Nach einem Blutbad in einer Primarschule, tief in der amerikanischen Provinz, kann auch der hartgesottenste Konservative nicht einfach zum Alltag zurückkehren. Also sagte Mitch McConnell, der Fraktionschef der Republikaner im US-Senat: «Ich bin zuversichtlich, dass wir eine parteiübergreifende Lösung finden können, die im direkten Zusammenhang mit den Tatsachen dieses schrecklichen Massakers steht.»

Ein Parteifreund, der texanische Senator John Cornyn, werde nun Kontakt mit Demokraten aufnehmen, die ebenfalls an Lösungen interessiert seien, sagte McConnell dem Nachrichtensender CNN. Obwohl der einflussreiche Politiker, der im Senat über eine Art Vetorecht verfügt, keinen Einblick in mögliche Vorschläge gab, könnte eine Verschärfung der Leumunds-Überprüfung oder eine Erhöhung des Mindestalters beim Kauf gewisser Waffen zur Debatte stehen.

Der Täter in Texas hatte soeben seinen 18. Geburtstag gefeiert, als er sich zwei Gewehre des Typus AR-15 erstand.

2. Waffenlobby hat ihre Schlagkraft verloren

Am Freitag begann in Houston (Texas) das jährliche Treffen der Waffenlobby NRA. Stargast ist Ex-Präsident Donald Trump, und einmal mehr jubelten Tausende von Waffenbesitzern Politikern zu, die sinngemäss sagten: Wir haben ein in der Verfassung verbrieftes Recht darauf, Waffen zu kaufen, mit denen man in wenigen Minuten viele Menschen töten kann.

Der Schein trog allerdings. Die NRA befindet sich seit Monaten in einer tiefen Krise, aufgrund der Masslosigkeit ihrer langjährigen Führungsfigur Wayne LaPierre. Er wird verdächtig, sich an Mitgliederbeiträgen bereichert zu haben. Und weil die Organisation jüngst mit sich selbst beschäftigt war, hat die NRA ihre politische Schlagkraft verloren. In der Präsidentenwahl 2020 spielte sie keine entscheidende Rolle mehr.

Das spricht gegen neue Gesetze

1. Diskutierte Vorschriften kommen einer Pflästerchenpolitik gleich

Man kann von Ted Cruz halten was man will. Der republikanische Senator aus Texas liegt aber nicht komplett falsch, wenn er über aktuelle Ideen zur Verschärfung der Waffengesetze sagt: «Das funktioniert nicht. Es ist nicht effektiv. Es verhindert keine Kriminalität.»

So hatte der junge Amokläufer von Texas (entgegen anders lautenden Gerüchten) einen einwandfreien Leumund; eine Verschärfung der «Background Checks», denen sich Käufer von Waffen in lizenzierten Waffengeschäften unterziehen müssen, hätte ihn also nicht gestoppt.

Republikaner wie Cruz fordern stattdessen nach Amokläufen regelmässig eine Erhöhung der Investitionen in die Gesundheitsvorsorge, mit Fokus auf die Psyche. «Wir müssen einen besseren Job machen», sagte der texanische Gouverneur Greg Abbott — obwohl seine Regierung kürzlich das Budget für die Behandlung von Menschen, die sich in einer psychischen Krise befinden, zusammenstrich.

2. Recht auf Waffenbesitz ist längst Teil des Kulturkampfes

Früher kaufte sich der Durchschnittsamerikaner legal eine Waffe, um wilde Tiere zu jagen. Heute sagen viele Besitzer einer AR-15: Sie hätten sich mit dem halbautomatischen Gewehr bewaffnet, um sich verteidigen zu können, nötigenfalls auch gegen «tyrannische» Behörden.

So seltsam dies vielleicht für Schweizer Ohren klingen mag: Ein Schulmassaker wie das in Uvalde bestärkt diese Menschen nur noch — weil die überforderten Ordnungskräfte den Täter viel zu lange gewähren liessen.

«A good guy with a gun», ein guter Kerl mit einer Waffe, könne das Böse nötigenfalls schneller stoppen, heisst es am Stammtisch. In einem Land, in dem mehr Feuerwaffen zirkulieren als es Menschen gibt, lässt sich eine solche Haltung nicht über Nacht ändern.

Aktuelle Nachrichten