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BOGOTÁ: Marxisten und Modernisierer

Die ehemalige Farc-Guerilla hat sich in eine Partei verwandelt. Die «Alternativen Revolutionären Kräfte Kolumbiens» haben gute Chancen, zu einem wichtigen Akteur in der politischen Szene Kolumbiens zu werden.
Sandra Weiss, Puebla
Farc-Chef Rodrigo «Timochenko» Londoño am Parteikongress. (Bild: Raul Arboleda/AFP (Bogotá, 27. August 2017))

Farc-Chef Rodrigo «Timochenko» Londoño am Parteikongress. (Bild: Raul Arboleda/AFP (Bogotá, 27. August 2017))

Sandra Weiss, Puebla

Es gab noch hochgereckte Fäuste, es war noch von «den Massen» zu hören, aber nicht alles war angestaubt auf dem historischen Parteitag, auf dem sich diese Woche die ehemalige Guerilla Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (Farc) in eine Partei umwandelte. Ergänzt wurde die klassenkämpferische Rhetorik durch Poesie-Happenings, Grafiken und Po­werpoint-Präsentationen, und die «Massen» durften sich auf Initiative des Obersten Militärchefs Rodrigo Londoño per Twitter beteiligen, wie die künftige Partei der Ex-Guerilla zu heissen habe: «Neues Kolumbien» hatte unter 10 000 Twitter-Usern die Nase vorn, knapp vor dem von der historischen Führung favorisierten und letztlich in der Basisabstimmung siegreichen «Alternative Revolutionäre Kräfte Kolumbiens», was im Original die gleiche Abkürzung (Farc) hat wie die einstige Miliz. Symbol der neuen Partei ist eine rote Rose mit einem Stern in der Mitte.

Der Kongress, der hinter verschlossenen Türen stattfand und zu dem 1200 Delegierte – zumeist ehemalige Kämpfer – geladen waren, endete gestern mit einer Feier auf der Plaza Bolívar im Zentrum der Hauptstadt Bogotá.

Londoño wird als Parteichef gehandelt

53 Jahre nach der Gründung der Farc erobert Rodrigo Londoño alias Timochenko damit das Herz der kolumbianischen Hauptstadt – allerdings nicht mit Waffen, sondern dank eines Friedensabkommens, das vor einem Jahr dem blutigen Konflikt ein Ende bereitete. «Wenn die Farc auch die Stadtbevölkerung mit einbeziehen, sich breit aufstellen und zu Allianzen bereit sind, haben sie Chancen, zu einem wichtigen Akteur des politischen Lebens zu werden», sagte León Valencia, Direktor der Stiftung für Frieden und Aussöhnung.

Neben der Namensgebung bestimmende Themen waren das Parteiprogramm, die Statuten und die Delegierten, die bei den künftigen Wahlen in den Senat und das Abgeordnetenhaus einziehen werden. Je fünf Farc-Abgeordnete haben laut Friedensabkommen in den nächsten beiden Wahlperioden einen Sitz sicher, bevor sie sich wie alle anderen Parteien dem Wettbewerb um Wählerstimmen stellen müssen. Die Klausel war bei den Gegnern des Abkommens auf Ablehnung gestossen. Sie gehen davon aus, dass historische Guerillaführer in den Kongress einziehen werden, die ihrer Meinung nach wegen schwerer Menschenrechtsverbrechen ins Gefängnis gehören.

Iván Márquez, der ehemalige Chefunterhändler bei den Friedensverhandlungen, soll Insider­informationen zufolge an der Spitze der Liste für den Senat stehen und Rebellenchef Pablo Catatumbo an der für das Abgeordnetenhaus. Einige Frauen sollen für Geschlechterparität sorgen, spekuliert wurde auch über einen Sitz für den Ex-Fussballstar und Friedensaktivisten Rene Higuito. Londoño wird als künftiger Parteichef gehandelt, ist gesundheitlich jedoch angeschlagen. Die nächsten Wahlen stehen bereits im kommenden Jahr vor der Tür. Einen eigenen Präsidentschaftskandidaten der Guerilla wird es nicht geben, das ist bereits beschlossene Sache. Stattdessen soll jener Kandidat unterstützt werden, der sich am entschiedensten für die Umsetzung des Friedensabkommens einsetzt.

Die Farc stossen in der Bevölkerung aufgrund ihrer langjährigen Praktiken wie Schutzgelderpressungen, Entführungen, Drogenhandel und Anschlägen auf grosse Ablehnung. 72 Prozent würden laut einer Umfrage niemals für die Farc stimmen.

Farc kann mit straffer Organisation punkten

Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautete, gab es unter den Delegierten Kontroversen über die programmatische Ausrichtung und darüber, inwieweit die Besinnung auf den Marxismus-Leninismus durch modernere Ideen ersetzt werden solle. Londoño plädierte für ein Ende des Sektierertums und den Blick in die Zukunft, während Márquez die Tradition betonte: «Wir werden eine revolutionäre Organisation bleiben und unserer Vergangenheit nicht entsagen.» Im moderaten linken Parteispektrum gäbe es schon genügend Optionen. Allerdings fehlt der kolumbianischen Linken nach der Selbstzerlegung des Polo Democratico durch Korruption und persönliche Eitelkeiten eine straff organisierte Partei – hier kann die Farc mit ihrer militärischen Tradition durchaus punkten.

Für den kolumbianischen Fall gibt es Vorbilder: Auch in Guatemala und El Salvador verwandelten sich ehemalige Guerillagruppen nach Friedensabkommen in Parteien. El Salvador wird derzeit von der ehemaligen Guerilla regiert, in Guatemala gelangte die linke Partei nie über ein paar Sitze im Kongress hinaus.

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