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BOLIVIEN: Luftseilbahn soll Brücken schlagen

In La Paz entsteht das grösste Gondelnetz der Welt. Dabei ist auch die Goldauer Firma Garaventa beteiligt. Das gigantische Bauprojekt soll die unterschiedlichen sozialen Schichten zusammenführen.
Corinna Koch, La Paz
Aus den Gondeln der Mi Teleférico bietet sich ein atemberaubender Blick auf die bolivianische Grossstadt La Paz. (Bild: AP/Martin Mejia)

Aus den Gondeln der Mi Teleférico bietet sich ein atemberaubender Blick auf die bolivianische Grossstadt La Paz. (Bild: AP/Martin Mejia)

Corinna Koch, La Paz

Diese Stadt macht Angst. Auf 3500 Metern Höhe, mitten im Altiplano der Anden gelegen, streckt sich La Paz auf Schwindel erregende Weise tief hinab in den Canyon des Río Chokeyapu. Schaut man von ihrer obersten Kante, dort wo auf 4000 Metern Höhe die Hochebene beginnt und der Wind gnadenlos durch die Strassen der Nachbarstadt El Alto weht, hinab in den Schlund dieser Stadt, überkommt einen beinahe ein Schwindelgefühl.

«Von Ihren Landsleuten gebaut»

Es ist sechs Uhr morgens, und ich trete aus dem Flughafengebäude auf die bitterkalten Strassen von El Alto. Ein Minibus, dessen Insassen schweigend beieinander sitzen, beginnt sich mühevoll über kurvige Strassen ins Tal hinabzuschrauben. Unter den Passagieren sind mehrere «Cholitas Paceñas». Die indigenen Frauen der Stadt tragen voller Stolz ihre im 18. Jahrhundert kreierte Tracht, bestehend aus weit ausladenden Rüschenröcken, langen Zöpfen und einer Melone, die viel zu klein geraten auf der Krone ihrer Köpfe aufsitzt. Bauarbeiter sind auf der kurvigen Strasse unterwegs. «Sie verbreitern die Strasse, damit der Verkehr auf der Passage nach El Alto wieder ins Fliessen kommt», erzählt mir der Fahrer. Die Sonne kommt hinter der Bergkette hervor und strahlt golden auf die unverputzten Backsteinfassaden der westlichen Flanke der Stadt. Über uns schwebt eine Gondel vorbei. Gemächlich und doch schnurgerade wie ein Satellit auf seiner Umlaufbahn zieht sie hinab ins Tal. «Das ist eine Gondel der Mi Teleférico», erklärt der Fahrer «Unser öffentliches Gondelnetz. Ich glaube, die ist von Ihren Landsleuten gebaut worden.»

Die erste Linie des urbanen Gondelnetzes von La Paz verbindet den Stadtkern mit der Nachbarstadt El Alto. El Alto wurde während der 1950er-Jahre von verarmten Bauern und arbeitslos gewordenen Bergarbeitern der Hochebene in Eigenregie aus dem Boden gestampft. Heute ist sie mit über 2 Millionen Einwohnern La Paz rein zahlenmässig überlegen, und auch ihre Wirtschaftskraft übersteigt die der Hauptstadt unten im Canyon. Die Cholitas tragen dabei mit ihren Mikro-Unternehmen den Löwenanteil zu diesem unverhofften Wachstum bei. Dass das Bemühen der Bewohner der jungen Stadt Früchte trägt, verraten einige grosse Herrenhäuser, die zwischen den ärmlichen Backsteinhäuschen emporragen. Die mit in leuchtenden Farben bemalten und mit rautenförmigen Spiegelglasscheiben versetzten «Chalets», wie sie ihre Bewohner gerne nennen, spiegeln das Wachstum der Stadt wieder. Derweil dominieren unten in der Talsohle die nicht enden wollenden Schlangen von Minibussen das Stadtbild, die mal vollgepackt, mal leer scheinbar planlos die Stadt durchkreuzen.

Logistische Herausforderung

«El Alto de pie, nunca de rodilla» (El Alto steht aufrecht, niemals auf den Knien!) steht an eine Wand in El Alto geschmiert. Es ist 12 Uhr mittags, und der Staub tanzt im grellen Licht der Sonne. Ich hatte die Gondel in der Talstation bestiegen, die sich im ehemaligen Hauptbahnhof befindet. Die blitzsauber gewischten Hallen der Talstation könnten ebenso gut in Kitzbühel oder Zermatt stehen, so modern und luftig ist ihre Architektur. Auch die Auslagen der Schokoladenläden der bolivianischen Marke El Ceibo, die in der Talstation untergebracht sind, erinnern an einen Skiurlaub in den Alpen. Und tatsächlich ist es die Goldauer Firma Garaventa, die gemeinsam mit ihrer österreichischen Schwesterfirma Doppelmayr La Paz Flügel verleiht.

Oben in El Alto ist ein Schweizer gerade tüchtig am Schuften. Der drahtige 51-Jährige hat gerade einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Er wird die Fertigstellung der sieben Linien sicherstellen, die La Paz’ Gondelnetz bei seiner Fertigstellung zum grössten der Welt machen wird. Josef Kleinstein hat sich in den vergangenen Jahren zum Lateinamerikaexperten seiner Firma entwickelt. «Vor La Paz war ich in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela, wo wir zwei Gondellinien installiert haben. Garaventa ist dabei für das Stützenstellen und die Seilzüge zuständig, die Stationen werden von Doppelmayr gebaut», erzählt Kleinstein.

Es weht kräftig, hier oben auf 4000 Metern Höhe, und der Wind trägt den Sand der meist ungepflasterten Strassen mit sich. Eine dicht am Gesicht anliegende Sportsonnenbrille schützt Kleinsteins Augen. «2013, während der ersten Phase des Projektes, waren wir insgesamt 36 Mann. 6 Schweizer, 20 Österreicher und 10 Spanier.» Zu Weihnachten 2014 zogen die meisten Kollegen ab. Kleinstein blieb mit der Aufgabe betraut, rund 150 weitere Seilbahnstützen in der Stadt aufzustellen. Während in der ersten Phase des Projektes fast ausschliesslich Europäer zu seinem Team zählten, setzt sich dieses heute ausschliesslich aus Bolivianern zusammen. «Ja, das ist schon ein Stress für meine Mitarbeiter – das Tempo, in dem wir jetzt arbeiten, ist schon ein anderes als das, was man in Bolivien so gewohnt ist», sagt er und schmunzelt.

Das Installieren der Masten stellt sich bei den 800 Metern Höhenunterschied der dicht besiedelten Stadt alles andere als einfach dar. «Oft sind wir froh, wenn wir überhaupt einen Platz finden, wo das Joch des Krans Platz hat – bei den ersten Sektionen der Stadt, die wir 2012 in Angriff nahmen, war das manchmal schon sehr knapp.» Ein paar Masten wurden damals mit dem Helikopter aufgebaut, doch an den meisten Stellen liegt die Stadt einfach zu hoch, um diese Methode überall anzuwenden. So kommt der aus Österreich eingeschiffte Kran allerorts zum Einsatz. Oft gab es Krach mit Anwohnern. «Ich war sehr überrascht darüber, wie angenehm die Begegnungen mit den Leuten hier waren», erzählt Kleinstein. «Hier oben gratulierten uns die Nachbarn, sobald wir einen der Masten fertiggestellt hatten», sagt er. «Im Süden der Stadt, wo der Reichtum der Menschen mit jedem Kilometer tiefer ins Tal zunimmt, sind die Leute eher wie Europäer – wenn man denen dort was hinstellt, kommen schnell die kritischen Fragen nach dem ‹Warum gerade hier?›. Derweil lachen die Cholitas von El Alto nur, wenn sie uns bei unserem Treiben zuschauen», sagt Kleinstein und lacht ebenfalls.

«Wir sind am Ende alle gleich»

Sergio Miranda, Sekretär des Chefs der Mi Teleférico, lehnt sich dabei im Schreibtischstuhl hinter seinem Computer zurück. «Evo Morales hat seinen eigenen Stil, zu regieren,» sagt Miranda zu meiner Frage nach dem politischen Zweck der Seilbahn. «Sein Ziel ist es, die Indios hinter sich zu vereinen, aber auch Brücken zu den Wohlhabenden des Landes zu schlagen.» Die verschiedenen Volksgruppen Boliviens, die auch Jahrhunderte nach der Eroberung Südamerikas auseinandergetrieben werden, versucht Morales nun mit dem Luftverkehr seiner Mi Teleférico näher zusammenzurücken. «Dieses Verkehrsprojekt ist einzigartig», sagt Miranda. «Es fördert ein demokratisches Verständnis, indem es den Leuten ganz deutlich aus der Vogelperspektive zeigt, dass wir am Ende alle gleich sind», sagt der junge Mann. «Setzen Sie sich doch einfach mal in die gelbe Linie, die von El Alto bis ins Mittelklasseviertel Sopocachi führt. Dort steigen Sie in die grüne Linie um, die am Choqueyapu-Fluss vorbei über die Höhe des Stadtteils des Frühlings führt, wo sie die Villen sehen werden. Dann geht es hinab in den fast 1000 Meter tiefer gelegenen Süden der Stadt, wo die grossen Malls und Multiplex-Kinos sind. Noch ein bisschen weiter kommen die hippen Stadtteile, wo europäische Molekularköche ihre Restaurants eröffnen, man den Kaffee mit Herzen im Schaum serviert bekommt und junge Bolivianer sich bei New-Age-Barbieren den Vollbart stutzen lassen. Von oben sieht man alles klarer», schwärmt Miranda.

Am Abend schaue ich von der Dachterrasse meines Hotels den Gondeln zu, wie sie am Lichtermeer der sich hinter ihr auftürmenden Stadt vorbeiziehen. Ihr gleichmässiges Dahingondeln hat etwas Beruhigendes. Kleinstein hatte noch gesagt, er hätte gerade für die Mi Teleférico von den älteren Bewohnern dieser Stadt viel Zuspruch erfahren. Für sie ist es ein Genuss, sicher verpackt in dem Kokon der Gondel über die Stadt zu gleiten, die sich seit ihren Kindheitstagen so radikal verändert habe.

Selbst die Gringos staunen

Unter blitzblauem Himmel und einer bereits am Morgen aus voller Kraft heizenden Sonne mache ich mich am nächsten Tag auf die Fahrt. Von 4000 Metern Höhe in das 1200 Meter tiefer gelegene Tal. Und tatsächlich, vermag man die Augen von der malerischen Landschaft am Horizont zu lösen und einen Blick nach unten zu wagen, sieht man dort unten in Puppenhausgrösse das Leben der Stadt. Auf den Dachterrassen der Häuser von Sopocachi sieht man wachende Hunde, die ihre Hälse recken, um zu erspähen, was auf der Strasse unten vor sich geht. Dann zieht der dünne Strom des Choqueyapu-Flusses vorbei, und man sieht Frauen am Ufer kniend ihre Wäsche waschen. Dann kommen die Villen, in deren Gärten das Kinderspielzeug ebenso wild im Garten verstreut liegt wie oben in El Alto. Ich schaue auf, und mein Gondelmitfahrer von gegenüber schaut mir mit verschwörerischem Blick ins Gesicht. «Da staunt selbst ihr Gringos, nicht wahr? Unsere Gondeln tragen Bolivien endlich zurück ins Bewusstsein der Weltgemeinschaft – es wurde langsam Zeit.»

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